25.02.2011 - 02:15 Uhr

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Helmut Zander präsentierte im Buchhaus Zimmermann seine Biografie „Rudolf Steiner“

Wolf-Dieter Truppat

Kirchheim. Nachdem Dr. Zimmermann mit seiner hilfreichen Analyse der abiturrelevanten Erzählung „Michael Kohlhaas“ von Heinrich von Kleist bei der vorangegangenen Veranstaltung vermutlich für einen Besucherrekord der Reihe literarischer
 Begegnungen gesorgt hatte, versammelte sich nun schon wieder ein sehr großes, im Schnitt allerdings eher etwas reiferes Auditorium.

Mit dem 1957 in Oberhausen im Rheinland geborenen Helmut Zander, Privatdozent für Geschichte an der Humboldt-Universität zu Berlin und Fellow am Käte Hamburger-Kolleg „Dynamiken der Religionsgeschichte“ an der Ruhr-Universität Bochum, stand ein ausgewiesener Experte zur Verfügung, der mit seiner zweibändigen Studie über die „Anthroposophie in Deutschland“ die Fachwelt hatte aufhorchen lassen.

Der am 27. Februar 1861 „als Kind in einem Krähwinkel des Habsburgerreiches“ geborene Rudolf Steiner, „der einer der großen Esoteriker des 20. Jahrhunderts wurde“, kann zweifellos auf ein interessantes, von zahlreichen großen Geistern beeinflusstes Leben zurückblicken, das 1925 endete. Nur wenige Tage vor dem 150. Geburtstag eines der größten Esoteriker des 20. Jahrhundert zeichnete Helmut Zander ein kenntnisreiches und nuanciertes Bild des charismatischen Querdenkers, dessen wechselhafte Karriere viele Fragen aufwirft, die sich auch heute noch nicht abschließend beantworten lassen. Fest steht aber über allen Zweifel, dass der konsequente Visionär zeitlebens mit seinen unangepassten Grundsätzen selbstbewusst für Aufmerksamkeit sorgen und polarisieren konnte wie kaum ein anderer.

Auf fast 480 prall gefüllten Seiten, die auf einem gut sortierten und sich über fast 60 weitere Seiten erstreckenden Fußnoten-Apparat basieren, versucht Helmut Zander, die Geheimnisse der faszinierenden Persönlichkeit des österreichischen Esoterikers und Philosophen auf den Grund zu kommen. Der ausgewiesene Experte zeichnet ein konturenscharfes Bild des Menschen, der mit der „Anthroposophie eine esoterische Weltanschauung begründete, die an die Theosophie, das Rosenkreuzertum sowie die idealistische Philosophie anschließt und zu den neumytischen Einheitskonzeptionen der Zeit um 1900 gezählt wird“. Auf dieser Grundlage gab der einflussreiche Lehrer und Visionär Rudolf Steiner maßgeblich Anregungen für unterschiedlichste Lebensbereiche wie etwa die Waldorfpädagogik, Kunst, Eurythmie, anthroposophische Architektur, Medizin und Kosmetik, Christengemeinschaft und nicht zuletzt auch die biologisch-dynamische Landwirtschaft.

Sibylle Mockler attestierte dem Referenten des Abends, nicht nur die umfangreichste, sondern auch die von der Substanz schwergewichtigste aktuelle Biografie vorgelegt zu haben. Wer sich schon auf das durch fundiertes Wissen überzeugende imposante Werk eingelassen hatte, konnte sich von dem ausgewiesenen Fachmann durch Steiners esoterische Geisteswelt navigieren lassen, die gemeinhin „uneingeschränkt verehrt, mit Argwohn betrachtet oder aber total abgelehnt wird“, wie Sibylle Mockler zum Auftakt der Veranstaltung ausgeführt hatte.

Helmut Zander gewährte gern angenommene Orientierungshilfen auf dem Weg durch seine umfassenden Arbeit, die erst durch die nachbereitende Lektüre entgültig erschlossen werden kann. Nachdem Stuttgart eine der zentralen Wirkungsstätten Steiners war, der auf der Uhlandhöhe die erste Waldorfschule gegründet hatte, verwundert nicht, dass zum 150. Geburtstag des so einflussreichen wie umstrittenen Reformers im Stuttgarter Kunstmuseum auch eine große internationale Ausstellung mit dem Titel „Kosmos Steiner“ eingerichtet wurde. Begleitet wird diese Ausstellung von Veranstaltungen und Vorträgen, die Hilfe dabei bieten sollen, sich dem ungemein vielfältigen Wirken dieses „Letzten Propheten“ anzunähern, wie Iris Radisch Rudolf Steiner in einem Aufsatz in der Wochenzeitschrift „Die Zeit“ bezeichnet hatte.

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