18.09.2007 - 01:30 Uhr

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Impressionen aus einem vom Krieg zerrütteten Land

KIRCHHEIM Trauer tragen die Bilder an der Wand. Stumm berichten sie von einer Politik, die unzählige Gesichter und Namen trägt. Worte, gesprochen in einer fremden Sprache, dringen im Widerhall zu

DANIELA HAUSSMANN

Ohren. Sie erzählen von jenen blutigen Auseinandersetzungen zwischen Juden und Palästinensern, die den Nahen Osten seit Jahrzehnten nicht zur Ruhe kommen lassen.

Reihe für Reihe haben die Besucher im Kirchheimer Kornhaus Platz genommen. Zwischen Licht und Schatten nehmen in der vom Kunst- und Literaturbeirat der Stadt organisierten Lesung "Checkpoint" zu Kai Wiedenhöfers Fotoschau "Heimat besetztes Palästina" Alltag, Schicksale und Lebenslinien in einem vom Krieg zerrütteten Land Gestalt an.

Betroffenheit macht sich breit, als Hörfunkredakteurin Bettina Gall in jenen Seiten liest, in denen der palästinensische Autor Asmi Bischara über das Trauma einer ganzen Region erzählt. Überwachung, Kontrolle, Beschränkungen sind die zentralen Begriffe, mit denen er in seinem Buch "Checkpoint" das Leben in den von Israel besetzten palästinensischen Gebieten beschreibt.

Militärverordnungen, Wochen währende Ausgangssperren, Verhaftungen, Reisebeschränkungen, Worte, die die Stille im Kornhaus durchbrechen und sich ins Bewusstsein des Publikums schneiden, das zum Zaungast in einem zerteilten Land wird.

Mit dem Ende des Sechstagekriegs 1967 entstand im Nahen Osten, sowohl militärisch als auch politisch, eine ganz neue Situation. Die Konsequenzen, die sich aus dem Ausgang dieses Konflikts ergaben, spielen noch heute eine entscheidende Rolle bei der Entwicklung des politischen Prozesses, der die Beziehungen zwischen Israel und der arabischen Welt prägt. Die seitdem von Israel besetzten Gebiete Gazastreifen, Westjordanland und Ost-Jerusalem bleiben bis heute ständige Unruheherde.

Asmi Bischara erzählt in seinen literarischen Reportagen, denen Bettina Gall mit ihrer Stimme Gehör verschafft, von alltäglichen Geschehnissen und Lebensumständen, die die Kulisse für Kai Wiedenhöfers Momentaufnahmen bilden im Zusammenspiel von Ursache und Wirkung. Der Checkpoint, die israelische Straßensperre, macht das normale Alltagsleben sowie die Berufsausübung für Palästinenser unmöglich. Er blockiert jede Bewegung.

Zermürbende Ausgangssperren schränken die Bewegungsfreiheit palästinensischer Araber zusätzlich ein und machen das Leben unplanbar. Einladungen zu Hochzeiten haben oft mehrere Termine in der Hoffnung, dass nicht alle unter die Sperre fallen, wie Asmi Bischara schreibt.

Der Autor erzählt vom endlosen Warten am Checkpoint unter sengender Sonne. Er berichtet von Ambulanzwagen, die Kranke transportieren und keinen Durchlass finden, weil die penible Kontrollen israelischer Militärs aus Angst vor neuen Selbstmordattentaten das nicht zulassen. Durch die Kontrollen, die auf palästinensischer Seite als Provokation, Drangsalierung und Knechtung empfunden werden, wird der Hass geschürt.

Der Checkpoint ist nicht nur Standort, er bestimmt das Leben, Denken und Handeln der Menschen auf beiden Seiten. An ihm brechen sich Hoffnung, Verzweiflung und der palästinensische Ruf, in die alten Lebensorte zurückzukehren und eine Entschädigung für Leid und Verluste zu erhalten. Sprachliche Bilder zeugen von Massendemonstrationen und Ausschreitungen der ersten Intifada (1987) in der sich die Wut der palästinensischen Jugend gegen die israelischen Besatzer entlud.

Schützend stellen sich in Asmi Bischaras Tatsachenbericht Frauen zwischen Kinder und die Gewehrläufe der Soldaten und behaupten, ihre Mütter zu sein. Solidarität, die man während der zweiten, der Al-Aqsa-Intifada, die im September 2000 begann, in Kai Wiedenhöfers Zeitzeugnissen vergeblich sucht, in denen palästinensische Jugendliche einen israelischen Bunker mit Steinen bewerfen und im Stakkato des Maschinengewehrfeuers getötet werden. Gewalt, die im Freiluftgefängnis, das Israel abgeriegelt und den Schlüssel mitgenommen hat, noch rigidere Repressalien erzeugt.

Auf Arabisch liest Fatima Serout die Worte des palästinensischen Lyrikers Mahmud Darwisch, der im Angesicht von Heimatlosigkeit, Fremdbestimmung und physischer Bedrohung der palästinensischen Identität Ausdruck verschafft. Die Enttäuschung über zahlreiche gescheiterte internationale Verhandlungen, den israelisch-palästinensischen Konflikt friedlich beizulegen, kulminieren 1993 in den in Oslo ausgehandelten Vereinbarungen, die einen Abzug der israelischen Armee aus dem Gaza-Streifen und dem Westjordanland ins Auge fassten sowie eine palästinensische Selbstverwaltung in diesen Gebieten vorsahen.

Besonders strittige Fragen wie der Status von Jerusalem und die Forderung der Palästinenser nach einem Rückkehrrecht für Flüchtlinge wurden dabei ausgeklammert. Mahmud Darwischs Lyrik spricht aus, was Kai Wiedenhöfers Bilder enthalten: die Verzweiflung, die Bitterkeit und die Wut, auch auf internationaler Ebene allein gelassen zu sein aufgerieben in einer Spirale aus Gewalt und Gegengewalt.

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