01.08.2006 - 01:15 Uhr

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Klangstark, stimmgewaltig und mit viel Herz

KIRCHHEIM Noch werden von den Technikern die Strippen gezogen und noch lässt, abseits des Getümmels um die besten Plätze, allein der Soundcheck erahnen, was Stunden später rund 300 Besucher zu

DANIELA HAUSSMANN

stehenden Orationen und nicht enden wollenden Beifallsbekundungen bewegen wird. Jazz-, Blues- und Gospelsängerin Melva Houston ist zurück in Tecktown, wie sie Kirchheim liebevoll nennt.

"Gospel" oder die "Gute Nachricht", wie sich der Begriff aus dem mittelenglischen Wort "godspell" ableitet, bezeichnet für die 57-jährige Künstlerin nicht ausschließlich die Kirchenmusik der afroamerikanischen Glaubensgemeinden. Das in Tönen und Klängen vorgetragene Evangelium ist für sie mehr. Es ist das Herz und die Seele eines Menschen, die in der Musik lebendig wird, erklärt Melva Houston, die seit 30 Jahren ihre gewaltige Stimme weit über die Bühnen, auf denen sie steht, hinausklingen lässt. "Ob schwarz oder weiß, jeder Mensch macht in seinem Leben schmerzhafte, sogar leidvolle Erfahrungen und kann sie im Gospel zum Ausdruck bringen".

Die Frau, die 1996 erstmals nach Deutschland kam, distanziert sich davon, Gospel als bloße Unterhaltung auf die Bühne zu bringen. "Ich bin nicht Whoopi Goldberg in Sister Act", gewährt die Sängerin Einblick in ihr Verständnis von der Seele des Gospel. Jede Interpretation ist getragen von den Erfahrungen und dem Leben eines Menschen, der damit dem theoretischen Text Leben einhaucht und ihn fassbar macht.

Genau das tut Melva Houston. Ton für Ton setzt sie Zeile für Zeile ihre eigenen Erfahrungen und die mit ihnen verbundenen Empfindungen um. Liebe, Herz und Schmerz, wie sie es bezeichnet. Melva Houston singt über Zweifel und Selbsttadel, über Ängste und Enttäuschungen. Die Art, wie sie das tut, lässt den Funken unter der Kuppel der Martinskirche auf die begeisterten Besucher überspringen.

Jeder Tag im Leben zählt, und man sollte ihn so leben als wäre es der letzte, gibt die 57-Jährige zu bedenken, wenn sie die Menge bei "Going up yonder" von der vordersten bis zur hintersten Kirchenbank mit ihrer Stimme von den Plätzen reißt, einer Stimme, die von Refrain zu Refrain kraftvoller von den untersten Reihen bis weit über die Orgelempore hinaus anzusteigen scheint.

Während die Lieder, mit denen die Menschen in Deutschland Gott lobpreisen, von den Fürsten vorgegeben wurden, näherten sich die Afroamerikaner mit Liedern, die aus der Mitte ihrer Glaubensgemeinschaft heraus entstanden, dem Herrn an, verdeutlicht Pfarrer Stefan Kost die geschichtlich begründeten Unterschiede in der Kirchenmusik.

Gospel schafft Gemeinschaft und trägt die Gefühle und Empfindungen zu den vielen, die sich in ihm über ihre Sorgen und Nöte einerseits verbunden, aber auch Gott nahe fühlen, mit ihm eins sind. Melva Houston setzt allerdings nicht auf ein schon vielgehörtes Repertoire an Liedern. Genau das macht den Reiz des Ganzen aus, wie Irina Kolesnikow, Nina Heider-Merk, Tina Schell und Gerda Beeren von der schwäbischen Gospel-, Jazz- und Blues-Gruppe "Come Sunday" wissen. Bei Melva Houston bekommen die Zuhörer nicht das Übliche geboten. Es ist eine exotische Mischung. Unter anderem weil auch die Band-Mitglieder in verschiedenen Musikrichtungen zuhause sind und jetzt im Gospel zusammenkommen.

Alles, was für die afroamerikanische Art der Lobpreisung notwendig ist, nämlich jede Menge Body and Soul, also Leib und Seele, das hat auch "Come Sunday". Mit "Roll Jordan Roll" und "Stand Still Jordan", überzeugte die Gruppe in einem Solo ohne Melva Houston das Publikum davon, dass auch Weiße aus Württemberg schwarze Musik stimmgewaltig und kraftvoll vortragen können. Mit "Joshua Fit The Battle of Jericho" und "Aint no study war no more", neigt sich das Konzert in der Martinskirche dem Ende zu. Doch Tecktown will Melva Houston, die ihre Stimmbänder ohne jede Sangesausbildung derart zum Schwingen bringt, nicht gehen lassen. Und so folgt eine Zugabe von "Going up yonder" der nächsten. Solange bis die Künstlerin den niederprasselnden Regen unter tosendem Applaus, am späten Freitagabend, davongesungen hat.

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