20.03.2017 - 02:02 Uhr

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„Dichtung schenkt mehr als ein Leben“

Lesen Denis Scheck warnt die Zuschauer bei Zimmermann vor sich selbst. Der prominente Literaturkritiker will seine Tipps nur als Anregungen verstanden wissen, denn jeder muss seine Position selbst finden. Von Ulrich Staehle

Denis Scheck hielt seine Zuhörer bei Laune, in dem er jedes Werk in frappanter Weise ganz kurz und lebendig vorstellte. Hochzufrieden und klüger ging man nach Hause. Dort konnte man den Großmeister gleich wieder sehen: als Moderator von „Kunscht“, dem Kulturmagazin des SWR.Foto: Carsten Riedl
Denis Scheck hielt seine Zuhörer bei Laune, in dem er jedes Werk in frappanter Weise ganz kurz und lebendig vorstellte. Hochzufrieden und klüger ging man nach Hause. Dort konnte man den Großmeister gleich wieder sehen: als Moderator von „Kunscht“, dem Kulturmagazin des SWR.Foto: Carsten Riedl

Man kennt ihn: Das ist dieser wortgewaltige Mann, der gegen Mitternacht im Ersten in der Sendung „Druckfrisch“ Stapel von Büchern sortiert, die guten dürfen überleben, die schlechten wirft er in den Papierkorb. Nach Harald Martenstein hat die Buchhandlung Zimmermann noch einen literarischen Hochkaräter engagiert, diesmal keinen Schriftsteller, sondern einen Literaturkritiker. Denis Scheck ist nicht irgendeiner, sondern ein preisgekrönter, dessen Passion kritisches Lesen ist, wie Gastgeberin Sibylle Mockler ausführte. Pro Jahr liest er etwa 150 Bücher.

Vor ihm lagen auf zwei Tischen Bücherstapel mit einer Auswahl aus dem letzten Jahr. Pro Jahr erscheinen, so führte der prominente Gast aus, etwa 90 000 Bücher. Literaturkritik sei dazu da, „Positionen in dieser Brandung“ zu vermitteln, „Reduktionen in dieser Komplexität“ zu leisten. Dazu gab er eine „Strategie der Orientierung“, die vor allem darin besteht, misstrauisch zu sein, vor allem gegenüber Bestsellerlisten. Diese spiegeln die Verkaufszahlen wider, nicht den literarischen Wert, siehe die literarischen Hervorbringungen von Oliver Kahn, Jürgen von der Lippe oder Sebastian Fitzek.

Misstrauisch sollte man auch sein gegenüber Lebenshilfebüchern, und sogar gegenüber Literaturpreisträgern. Es gibt nicht weniger als 700 Literaturpreise in Deutschland. Selbst der Nobelpreis ist kein Garant für Qualität. Der aktuelle Preisträger, Bob Dylan, ist, so Scheck, eine Fehlbesetzung: Dylan sei ein Songschreiber, kein Dichter. In diesem Bewusstsein ist er auch nicht zur Preisverleihung gekommen. Der Deutsche Buchpreis für Bodo Kirchhoffs kitschigen Roman „Widerfahrnis“ sei auch ein Fehlgriff gewesen.

Nach diesen Empfehlungen für den „Papierkorb“ folgten positive. Dabei war eine Liste der Bücher sehr nützlich, die jeder Zuhörer bekam, eine Fleißarbeit der Buchhandlung. Diese Liste wurde von Scheck „abgearbeitet“, indem er sie in literarische Kategorien einteilte. Erstaunlicher Weise gibt es einen literarisch beachtlichen Comic, den Asterix der neuen Mannschaft „Der Papyrus des Caesar“. Danach sang Scheck ein Loblied auf gute Lyrik wie die von Peter Rühmkorf oder Jan Wagner. Als bestes Werk des Jahres adelt er Christoph Ransmayrs „Cox“, den Roman über einen genialen Uhrmacher. Christian Krachts „Die Toten“ wird mit „gut“, Sibylle Lewitscharoffs „Das Pfingstwunder“ mit „großartig“, Martin Mosebachs „Mogador“ mit „wunderbar“ zensiert. Zum Reformationsjubiläum sind ein gutes Lutherbuch von Willi Winkler und eine Neuübersetzung der Lutherbibel erschienen, „die beste Bibel, die es je gab“. Im Kontrast dazu steht Raoul Schrotts „Erste Erde“, eine „Bibel für Atheisten“. Bei den Biografien empfiehlt der Kritiker Andrea Wulfs „Alexander von Humboldt“.

Krimis müssen natürlich auch zur Sprache kommen. Mehr pflichtgemäß empfiehlt Scheck Dominique Manottis „Schwarzes Gold“ und Fred Vargas „Das barmherzige Fallbeil“. Mehr liegt dem Kritiker Science-Ficton-Literatur, etwa Neal Stephensons „Amalthea“. Auch Kochbücher sind Literatur, wenn sie von Vincent Klink wie „Grundzüge des kulinarischen Anstands“ oder von Nigel Slater wie „Ein Jahr lang gut essen“ sind. Schließlich wurde noch ein Bilderbuch geadelt, Torsten Kuhlmanns „Armstrong“. Internationale Literatur durfte natürlich nicht fehlen. Besonders herausragend sind die beiden Bände von Elena Ferrante „Meine geniale Freundin“.

Denis Scheck selbst hat eine dezidierte Vorliebe: Für ihn ist ein recht schwieriger Autor, Arno Schmidt, der bedeutendste Dichter der Nachkriegszeit. Von ihm übernimmt er sein Credo „Dichtung schafft Weltwahrnehmung. Sie schenkt mehr als ein Leben“.

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