30.10.2012 - 02:02 Uhr

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Die neuen Leiden der jungen Pipeline Praetorius

WOLF-DIETER TRUPPAT

Kirchheim. Menschen ändern sich im Lauf ihres Lebens. Aus den größten Nonkonformisten von einst können über die Jahre wahre Musterbeispiele biederer Spießbürgerlichkeit werden. Genauso können ehemals 
eher angepasste normgetreue Jugendliche im Erwachsenenalter plötzlich die Lust am Regelverstoß entdecken. Das gilt im realen Leben wie in der fiktiven Welt von Romanen.

Auch frei erfundene Figuren entwickeln sich – wenn auch nicht immer zum Besseren. Ob das auch auf Pipeline Praetorius zutrifft, die – der Fantasie von Elisabeth Kabatek entsprungen – schon zum dritten Mal in Serie für turbulenten Lesestoff sorgt, müssen ihre Leser selbst entscheiden. Sie werden sich vermutlich auch lautstark zu Wort melden, denn dass der „Spätzleblues“ – wie von Verlag und Autorin gleichermaßen ernsthaft versichert – tatsächlich schon das Ende einer damit abgeschlossenen Trilogie sein soll, wird die begeisterte Fangemeinde wohl kaum so ohne weiteres akzeptieren wollen.

Pipeline Praetorius, vom Schicksal schon allein mit ihrem Namen schwer geschlagene Romanfigur, hatte bei ihrer Geburtsstunde damit bereits ein großes Handicap mit auf den Weg bekommen, das ihren atemberaubenden Erfolg aber nicht aufhalten konnte.

In ihrem Romandebüt „Laugenweckle zum Frühstück“, mit dem Elisabeth Kabatek dem soliden Silberburg-Verlag einen vor allem auch in dieser sensationellen Geschwindigkeit so nicht erwarteten Sprung über die 100 000er Marke verschaffte, lernten viele begeisterte Leser und vor allem Leserinnen die zuweilen anstrengend chaotische „Line“ kennen, die sich dank ihres „Katastrophen-Gens“ immer wieder selbst im Wege steht und damit vieles vermasselt.

Auch in der unter großem Erwartungsdruck geschriebenen „Laugenweckle“-Fortsetzung „Brezeltango“ eroberte die Autorin mit ihrer schillernden Roman“heldin“ erneut im Sturm die (frauen-) literarische Szene im Ländle – auch oder gerade wegen Lines inzwischen schon sprichwörtlich gewordenen Schusseligkeit.

Um den bisherigen Erfolg im ganzen Schwabenländle noch zu steigern, wechselten Autorin und Protagonistin gemeinsam die Spielklasse, um mit dem „Spätzleblues“ gleich bundesweit in die Offensive zu gehen. Ohne Übersetzungshilfen und unerlaubte Substanzen kann so etwas eigentlich nicht gut gehen. Elisabeth Kabatek setzt deshalb gleich auf beides.

Schon in der ersten ihrer gelegentlichen Fußnoten – die ihre dritte Kampfansage an althergebrachte Frauenromane fast wie eine wissenschaftliche Arbeit erscheinen lassen – merkt sie an, dass die beiden einleitenden Sätze nicht chinesischen sondern schwäbischen Ursprungs sind und bietet auch gleich eine im Internet zu findende Übersetzungshilfe an.

Um Line noch chaotischer zu machen, als sie ohnehin schon ist, schreckt sie dann auch das Risiko mutwilligen Dopings nicht. In einer bei ihrer Lesung im Dettinger Buchcafé ausgewählten Passagen lässt Elisabeth Kabatek „ihre Line“ dann auch einmal mehr mit ihrem süßen Lieblingspolizisten Simon zusammentreffen. Zu dem Zeitpunkt ist Pipeline allerdings bereits ziemlich bekifft und sitzt – als unfreiwillig mitgenommene Anhalterin – im Auto eines ihr zuvor völlig unbekannten Spitzenkochs mit Rasta-Locken, einer auch nachts getragener großen Sonnenbrille und einem Faible für die Musik von Bob Marley.

Auch wenn sie hoch erfreut darüber ist, dass der nicht nur mit Reggae zugedröhnte George ihr offensichtlich nicht nach dem Leben trachtet, droht ihr durch seine „entspannte Fahrweise“ doch Gefahr für Leib und Leben, die dann im sicheren Hafen einer Polizeikontrolle endet.

Mit einer fingierten Verlobung, die Lines türkischen Lieblingskünstler Tarkan vor den Hochzeitsplänen seiner Familie und all seiner Cousinen schützen soll, sorgt Line für eine andere nicht mehr aus eigener Kraft kontrollierbare Situation. Wirkliches Feuer unter der Hütte entfacht die Chaos-Braut dann bei einem aberwitzigen Versuch, möglichst erotische Liebesgrüße via Internet vom Rand des Stuttgarter Talkessels direkt ins Reich der Mitte zu skypen, wobei ihr derzeit „beim Bosch“ in China arbeitender Freund Leon auch auf größte Distanz ganz schön ins Schwitzen kommt...

Langeweile konnte bei der Autorenlesung also nicht aufkommen, eher die Sorge, dass Line vielleicht doch auf ihrer penetranten Suche nach dem Glück etwas zu viele kuriose Situationen durchleiden muss.

Wie Elisabeth Kabateks Abschied von Pipeline Praetorius aussehen könnte, hat sie schon überzeugend demonstriert. Im Rahmen der erfolgreichen Reihe „Gebrauchanweisung für . . .“ des Piper Verlags hat sie sich parallel zu ihrer Arbeit an „Spätzleblues“ intensiv mit all den vielen Themen und Eigenschaften auseinandergesetzt, die den Reiz Stuttgarts ausmachen. In Gerlingen geboren, verbrachte die Anglistin, Hispanistin und Politikwissenschaftlerin lange Zeit fern der schwäbischen Heimat. Nach der Rückkehr von einem mehrjährigen Aufenthalt in Barcelona fand sie Stuttgart zunächst „schrecklich“ und vor allem „spießig“. Sie musste die Schwabenmetropole erst wieder näher kennen- und lieben lernen, ist inzwischen aber überzeugt: „Stuttgart ist viel cooler als Berlin“.

Jetzt dürfen Elisabeth Kabateks weibliche und männliche Fans tatsächlich gespannt sein, wie der Umschlag ihres nächsten Buchs gestaltet sein wird: rosarot, wie der bereits dritte Blick auf das Liebesleben der Pipeline Praetorius oder aber blau wie ihre Liebeserklärung an die inzwischen grün regierte Landeshauptstadt, deren „Bahnhofs-Irrungen und Wirrungen“ durchaus etwas an Lines „Katastrophen-Gen“ erinnern.

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