Kirchheim. „Erst mal entstauben“, flink wedelt Kristin Kunze alias Sophia Altklug mit dem Staubwedel symbolisch über die Besucher, bevor
Brigitte gerstenberger
es mit dem Ein-Personen-Stück „Oma Marie oder die erste Geige“, losgeht. Schließlich sollen die Sorgen draußen vor der Tür des Spitalkellers bleiben. „Nach der Vorstellung könnt ihr ja euren Kummer wieder mitnehmen, wenn ihr wollt!“ So begrüßt Kristin Kunze, die Zahnärztin, die ihren zweiten Beruf erst spät an einer Zirkus- und Clownschule erlernt hat, das Publikum. Im Zeitraffer verkörpert sie mit roter Pappnase fünf Frauengenerationen. Mit Teddy und Schrankkoffer, Korsett und Baskenmütze, Boxhandschuhen und Federboa, Zylinder und Geige reist sie Walzer, Charleston und Foxtrott tanzend mit heiterem Zwinkern in den Augenfältchen durch die deutsche Frauengeschichte. Dabei machte sie Halt in der Kirchheimer Volkshochschule, die im Rahmen der Frauenkulturtage diese etwas andere Dentistin präsentierte.
Ein kleines, quirliges Mädchen mit Ringel-Leggings fragt die Zuhörer, ob sie von ihrer Oma erzählen soll? Dann würde sie jetzt mal die „Zeit auf den Kopf stellen“. Flugs dreht sie eine riesige Sanduhr um, die Zeitreise beginnt: „Ich hatte natürlich ganz andere Möglichkeiten als meine Mutter. Es war schließlich eine neue Zeit.“ Dieser Satz zieht sich wie ein roter Faden durch das Stück. Als Symbol angeborener Talente und erstrittener Rechte reicht jede Mutter die Geige an die Tochter weiter. Was Marie-Ann oder Marie-Christine mit dem Instrument anstellten, war abhängig von den Möglichkeiten, die ihnen die Gesellschaft in den letzten hundert Jahren bot. So spielte für alle fünf Frauenfiguren die Geige eine mehr oder weniger große Rolle: als Lebensinhalt, Freizeitbeschäftigung oder Sehnsuchtsobjekt. „Die erste Geige“ aber spielte jede auf ihre Weise – im Berufs- und Eheleben, im Sozialverhalten oder bei der Meinungsäußerung.
Im schwarzen Reifrock, eng geschnürt und „oben alles zu“, erzählt Oma Marie mit Spitzenhäubchen, an dem fest integriert ein altbackener Dutt baumelt, von ihrem Franz und der Kaiserzeit. Fünfzig Ehejahre hat sie hinter sich: „Ich habe immer die erste Geige gespielt, aber er hat es nie bemerkt.“ Die revolutionäre Musik von Johann Strauß hat es ihr angetan, ein Geigenstudium schickte sich für Frauen jedoch nicht. „Ich hätte dafür auch gar keine Zeit gehabt, der Franz, die vielen Kinder und dann noch die Hausarbeit, wir mussten ja alles selber machen.“
Das einzwängende Mieder wird weggeschleudert, die burschikose Marie der 20er-Jahre mit Zigarettenspitze und neuem Freiheitsdrang macht Karriere als Orchestergeigerin und tourt durch Europa, bis sie in den 30er-Jahren im Hafen der Ehe Schutz sucht. Zweiter Weltkrieg, „so viel Sorgen, so viel Kummer und Nöte, aus einer Reichsmark werden Billionen“. Mit schwieligen Händen, die Holz hacken und Bucheckern sammeln, Hände, die aus Autoreifen Schuhe nähen und Frostbeulen verbunden haben, kann sie nicht mehr Geige spielen, meint Marie und summt das Lied vom Maikäfer. Ihre Tochter Marie-Christin soll die Geige haben. Die aber steht mehr auf Janis Joplins „Me and Bobby McGee“ und Joints, ist gegen Nutella und alte und neue Nazis, gegen Fischstäbchen, Massentierhaltung und die Notstandsgesetze, gegen Franz Josef Strauß und das Amalgam in den Zähnen. Nach Joschka und Gerd rufend, bricht sie mit Tochter Marie-Anne bei Nieselregen zur Sitzblockade nach Gorleben und Kalkar auf. Glänzend spielt Kristin Kunze die Rolle der Altachtundsechzigerin. Man errät schnell, dass sich die agile Mitsechzigerin dabei auch selbst spielt. – Kristin Kunze, eine Clownfrau, die mit ungebremster Spielfreude weit entfernt von Comedy-Albernheiten völlig wertfrei, wundervoll „die erste Geige“ spielte.

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