20.04.2017 - 02:00 Uhr

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Vom Gossendrink zum Liebling feiner Geister

Gin Im Land des Obstlers wird experimentiert, neuerdings auch mit Gin. Einst als Arme-Leute-Fusel verpönt, erfreut sich der Wacholderschnaps wieder zunehmender Beliebtheit. Von Daniela Haußmann

Mit dem Alkoholmeter wird der Gehalt im Schnaps gemessen - hier noch viel höher als später in der Flasche.
Mit dem Alkoholmeter wird der Gehalt im Schnaps gemessen - hier noch viel höher als später in der Flasche.

In Verlauf seiner Geschichte kam der Gin ganz schön rum. Heute wird die Spirituose rund um den Globus gebrannt - auch im Lenninger Tal. Der aromatische Wacholderschnaps gehört zwischenzeitlich zu den wichtigsten Bränden an der Bar. Ohne ihn gäbe es weder einen Tom Collins noch einen Gin Tonic oder den berüchtigten Martini, den James Bond berühmt machte. Bis zu 120 verschiedene Botanicals, wie die Zutaten genannt werden, kommen bei der Herstellung zum Einsatz. Rosenblüten, Kümmel, Koriander, Muskat, Orangen- oder Zitronenschalenabrieb sind nach Auskunft des Owener Brenners Immanuel Gruel Bestandteile, die als Aromen und Wirkstoffe beispielsweise in die Destillationsanlage wandern. Welche Bontanicals ein Betrieb auswählt, ist ein wohlgehütetes Geheimnis. Was die einzelnen Gins aber alle eint, ist der Wacholder, der nach wie vor die Seele des Getränks ausmacht.

Der Owener Immanuel Gruel schaut beim Gin-Brennen über den Tellerrand: Er verwendet auch die Frucht eines asiatischen Zitronenbaums, der Buddhas Hand genannt wird. So heißt auch sein Gin.
Der Owener Immanuel Gruel schaut beim Gin-Brennen über den Tellerrand: Er verwendet auch die Frucht eines asiatischen Zitronenbaums, der Buddhas Hand genannt wird. So heißt auch sein Gin.

Die Zeiten, in denen die Spirituose als Schnaps für Langweiler galt, sind vorbei. „Denn die für den Gin typische Aromavielfalt, macht ihn zum optimalen Basisalkohol für Cocktails“, weiß Andreas Bosch, Brenner aus Lenningen. Tatsache ist: Wodka war gestern, Gin ist in.

Die Kreativität, mit der so mancher Destillateur dem hochprozentigen Klassiker neues Leben einhaucht, sorgt dafür, dass der Wacholderschnaps in die Retro-Welle rutscht. Vom billigen Fusel, als der der Gin im 17. Jahrhundert galt, kann heute nicht mehr annähernd die Rede sein. Hochwertige Ausgangsprodukte, teilweise in Bio-Qualität, machen den Alkohol hip - glaubt zumindest Immanuel Gruel. Während der Owener für seinen „Buddhas Hand“ über den heimischen Tellerrand schaut und auf die gleichnamige Frucht eines asiatischen Zitronenbaums zurückgreift, befinden sich unter den 20 Zutaten, aus denen Andreas Bosch seinen „Red Kite“ gewinnt, vier regionale Produkte, zu denen unter anderem die Quitte zählt.

Erfunden hat den Gin Francoise de la Boe. Ein Arzt, dessen Familie Ende des 16. Jahrhunderts von Frankreich nach Deutschland auswanderte und die Stadt Hanau mitbegründete. Der später im holländischen Leiden praktizierende Mediziner stellte einen Wacholderschnaps namens „Genever“ her. Ersonnen hatte ihn Francoise de la Boe eigentlich als Medikament gegen Magen- und Nierenerkrankungen. Allerdings fand der schmackhafte Tropfen mit „heilendem Effekt“ unter den Patienten schnell reißenden Absatz. Die Nachfrage zog derart an, dass der Arzt Brennereien ins Boot holte, um den nichtmedizinischen Markt zu bedienen.

Englische Soldaten, die den Niederländern zwischen 1568 und 1648 im holländisch-spanischen Krieg zur Seite standen, brachten den Genever auf die Britische Insel, wo er als Gin bezeichnet wurde. Als der niederländische König Wilhelm III. von Oranien-Nassau 1689 den englischen Thron bestieg, befreite er seine Produktion von der Steuer. „Gleichzeitig trieb die Modernisierung der Landwirtschaft die Getreidemengen in die Höhe“, erzählt Immanuel Gruel. „Die Überschüsse flossen in die Branntweinherstellung, was den Schnaps immens verbilligte.“

Die Einfuhr von deutschen, französischen und spanischen Spirituosen wurde mit hohen Steuern belegt und ihre Einfuhr teilweise verboten, berichtet der Owener Fachmann. Als Wilhelm III. um 1695 dann noch hohe Steuern auf Bier und Wein erhob, entwickelte sich der Gin zum billigsten Alkohol, den sich selbst ärmste Bevölkerungsschichten leisten konnten.

Kaum hatte Queen Anne, die 1702 an die Macht kam, jedem Engländer erlaubt, Gin herzustellen, explodierte die Produktion. Um 1727 rannen pro Jahr rund fünf Millionen Gallonen Wacholderschnaps durch etwa sechs Millionen britische Kehlen. „Der Branntwein bot nicht nur eine schnelle und neue Art des Rauschs. Er war auch Nahrungsersatz“, sagt Immanuel Gruel. Zeitweise war eine Kalorie Gin billiger als eine Kalorie Brot. Allgemeine Trunkenheit mit all ihren negativen Begleiterscheinungen wurde damit vor allem in den Armenvierteln der Städte zu einem ernsthaften sozialen, aber auch gesundheitlichen Problem und ging als Gin-Epidemie in die Annalen ein.

Durch den exzessiven Alkoholkonsum überstieg die Sterberate bald die Geburtenquote. „Nicht umsonst ist bei dem Klassiker auch von ‚Mother‘s Ruin‘, also Mutters Verderben, die Rede“, bemerkt Immanuel Gruel. Mit Steuern und Qualitätskontrollen verteuerte die Regierung den Gin künstlich für die unteren Schichten. Nur so gelang es, den exzessiven Konsum zu unterbinden. Ab 1791 regulierte der Gin Act detailliert die Herstellung der Spirituose, die so schließlich auch die Upper Class für sich entdeckte. Das veränderte sein Image. Bis heute wird dem Wacholder-Gewürz-Destillat nachgesagt, dass es das Getränk feiner Geister ist.

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