Momentan „läuft“ es für Karoline Brüstle: Die 19-Jährige vom TV Neidlingen stellt Bestzeit um Bestzeit über 5 000 Meter flach und 2 000 Meter Hindernis auf. Auch bei den deutschen Meisterschaften im August will die amtierende baden-württembergische Meisterin angreifen. Das Leben abseits der Strecke kommt dabei jedoch nicht zu kurz.
Lena Blankenhorn
Neidlingen. Der Weg zur Leichtathletik führte für Karoline Brüstle über das Kinderturnen in Neidlingen. Als sie mit acht Jahren an einem Dreikampf für den Turnverein teilnahm und das Abschlussrennen gewann, wurde ihr jetziger Trainer Rainer Hepperle auf sie aufmerksam. Er lud das junge Talent in seine Leichtathletikgruppe ein. Doch bevor sie sich entschied, dem Laufen leistungsorientiert nachzugehen, vergingen noch einige Jahre. „Mit 14 hatte ich keine Lust mehr zu trainieren und habe ein halbes Jahr lang Pause gemacht“, lacht die junge Frau, die von allen nur Karo gerufen wird.
Heute trainiert die Schülerin, die die zwölfte Klasse des Wirtschaftsgymnasiums in Kirchheim besucht, sechs bis sieben Mal die Woche, jeweils eineinhalb bis zwei Stunden. Dabei wird sie häufig von ihrer Mutter auf dem Fahrrad begleitet. Neben Wald-, Tempo- und Intervallläufen absolviert sie einmal wöchentlich ein Krafttraining, das Eckardt Sperlich, der Trainer des Bundes-C-Kaders, für sie zusammenstellt. Seit einem Jahr gehört die Neidlingerin dem Team aus Hindernisspezialisten aus ganz Deutschland an, das regelmäßig in Friedrichshafen trainiert. Sie versucht, so oft wie möglich dabei zu sein, doch die Entfernung zum Bodensee macht ihr des Öfteren zu schaffen. „Leider habe ich noch kein eigens Auto“, merkt sie an, „darum nehm ich den Zug.“ Wenn sie von ihrem Kader spricht, gerät die junge Sportlerin ins Schwärmen. „Das Beste sind die Trainingslager und, dass man nette Leute kennenlernt. Uns geht es nicht um den direkten Leistungsvergleich, der Spaß steht meist im Vordergrund“. Den Kontakt zu den anderen Sportlern versucht sie mit Chatten aufrecht zu erhalten.
Wenn sie mal nicht trainiert, arbeitet Karoline Brüstle, die sich selbst als fröhlich und hilfsbereit bezeichnet, samstags in Neidlingen in einem kleinen Laden oder telefoniert mit ihrem Bruder, der in Berlin lebt. „Mit Stefan kann ich über alles reden“, freut sie sich. Gemeinsam mit ihm und ihrem Vater plant die Neidlingerin im kommenden Jahr einen dreimonatigen Aufenthalt in Peru, bevor sie im September in Tübingen ihr Sportstudium beginnt.
Doch zunächst bereitet sich Karo auf die deutschen Jugendmeisterschaften im August in Ulm vor, wo sie über 2 000 Meter Hindernis an den Start gehen wird. „Unter die besten drei will ich schon laufen“, sagt sie selbstbewusst. Dass sie dafür ihre persönliche Bestzeit (6.51,76 Minuten) unterbieten müsste, ist ihr bewusst. „Unter 6,50 Minuten sollten drin sein“, glaubt sie.
Ihren jüngsten Siegeszug erklärt sie sich durch das harte Training im Winter und im Kader. „Die Schnelligkeit muss man über den Winter bekommen. Da lauf ich dann schon mal 65 bis 70 Kilometer in der Woche“. Und ihr schönster Erfolg? „Dass ich vier Mal bei deutschen Meisterschaften dabei war“, sagt sie nach kurzem Überlegen. Das Ergebnis ist ohnehin nicht immer ausschlaggebend – für Karo kommt es viel mehr darauf an, ihre Freunde wiederzutreffen und das „Drumherum“ bei großen Wettkämpfen zu genießen.
Um dahin zu kommen, muss man in Neidlingen zunächst noch andere Hindernisse überwinden: Die Trainingsbedingungen stellen für die 19-Jährige oft ein Problem dar. „Manchmal ist es schwierig, sich optimal auf die Wettbewerbe vorzubereiten, da ich meistens auf dem Rasen trainieren muss.“ Trotzdem sieht Karo keinen Grund, zu einem anderen Verein zu wechseln, was vor allem an ihrem Trainer Rainer Hepperle liegt, der sich viel Zeit für sie nimmt. „Ich springe dann über Hürden oder mein eigenes Hindernis, das ein Schreiner extra für mich angefertigt hat“.
Trotz allen Trainingseifers ist das Lauftalent dennoch froh, wenn die Saison im August zu Ende geht und sie dann mal ein freies Wochenende hat oder verreisen kann. Besonders freut sie sich auf den Schüleraustausch, den das Kirchheimer Wirtschaftsgymnasium mit der spanischen Stadt Malaga in den Sommerferien pflegt.
Wenn man sie auf ihren Erfolg anspricht, winkt sie bescheiden ab. „Manche sehen das auch als zu große Leistung an“. Man merkt, dass sie ihren Sport gerne ausübt, aber es dennoch Dinge gibt, die wichtiger sind: „Die Familie steht an oberster Stelle.“ Wenn sie sich nächstes Jahr auf das Abitur vorbereitet, kann es vorkommen, dass das Training auch mal ausfallen muss. „Aber ganz ohne Sport kann ich dann auch nicht“, fügt sie lachend hinzu.
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