05.08.2010 - 11:38 Uhr

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Die Silberdistel und der Schluck aus der Pulle

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Owen. Grasskifahrer fahren auf Gras, das legt schon der Name nahe. Weil sich Naturschützer und Skifahrer schon auf blendend weißer Piste selten grün sind, gilt dies erst recht, wenn es darum geht, im Höllentempo über sattes Grün zu rattern. Heute würde die Frage, ob das sportliche Bedürfnis, bewachsene Hänge hinab zu wedeln, im naturschutzrechtlichen Sinne verhältnismäßig ist, längst keine mehr sein.

Bernd Köble

Zumindest dann nicht, wenn es um das Owener Bölle geht. Seit 1999 stehen 386 Hektar Land rund um den Teckberg unter Naturschutz. Das war 1968 anders. Im Jahr des ersten offiziellen Grasskirennens unter der Teck zeigten sich Naturschützer kompromissbereit. Ein Rennen pro Jahr plus einmal wöchentliches Training einer Handvoll Jugendlicher schien damals vereinbar mit dem Status eines Landschaftsschutzgebiets. Per Ausnahmegenehmigung zwar – aber immerhin. Schließlich galt das Bölle als Idealtyp einer Grasskipiste: topfeben und weitgehend steinlos.

Das änderte sich schlagartig, als Owen immer mehr in den Fokus der internationalen Rennszene rückte. Die EM 1982 und die Bewerbung für die Weltmeisterschaft drei Jahre später rief die Gegner vollends auf den Plan. Als der Naturschutzbeauftragte des Esslinger Landratsamtes einen Biologen aufs Bölle schickte und der ein 25-seitiges Werk über den Zustand des dortigen Halbtrockenrasens verfasste, war es mit dem Burgfrieden an der Teck endgültig vorbei. Die einen sahen sich als Umweltkiller zu Unrecht an den Pranger gestellt, die anderen fühlten sich als Retter der Artenvielfalt im sensiblen Schutzraum nicht ausreichend ernst genommen. Die Silberdistel – am Bölle nach Expertenmeinung vom Aussterben bedroht – wurde plötzlich zum Schlachtensymbol.

Ein Konflikt, der auch denkwürdige Anekdoten schuf: Als sich der damalige DSV-Präsident Josef Ertl im Fahrerlager auf dem Bölle-Parkplatz umsah und einem Rennläufer beim Schmieren seiner Rollka über die Schulter schaute, wollte der Offizielle wissen, wie es denn um die Umweltverträglichkeit des verwendeten Schmiermittels bestellt sei. Der so Befragte nahm daraufhin, statt eine artige Antwort abzuliefern, wortlos einen kräftigen Schluck aus der Ölpulle. Wie magenverträglich der Inhalt war, ist nicht bekannt. Umweltverträglich weil biologisch abbaubar waren die Rollka-Gleitmittel zu diesem Zeitpunkt längst.

Dass über die Grasski-Tradition am Bölle im WM-Herbst 85 bereits die Abenddämmerung hereingebrochen war, wussten nur Eingeweihte. Schon im Frühjahr hatten die Behörden den Beschluss gefasst, dem Treiben an der Teck ein Ende zu bereiten. Am 3. September 1988 verabschiedete sich Owen auf Nimmerwiedersehen von der Grasski-Bühne. Die deutschen Titelkämpfe an bewährter Stelle wurden unter strengen Auflagen ein letztes Mal genehmigt. Wichtigste Bedingung: trockenes Wetter, schon die Tage zuvor. Die Abschieds-Gala fand statt und wurde zur Unvollendeten, weil es am Wettkampf-Sonntag wie aus Kübeln goss.

Das Ende in Owen bedeutete freilich nicht das Ende des Grasskisports. Goldingen bei Sankt Gallen ist 2011 Austragungsort der 17. Grasski-WM und auch im Schwarzwald, im Erzgebirge oder im Siegerland gibt es heute noch immer Grasski-Zentren.

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