04.08.2010 - 16:47 Uhr

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Drei Tage Nabel der Grasski-Welt

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Fahnenträger aus Brasilien, Sprachengewirr an jeder Straßenecke und eine Stadtkapelle, die ihr musikalisches Repertoire plötzlich um 13 Nationalhymnen erweitern musste. Drei Tage lang stand Owen kopf, und schuld daran war eine Exoten-Sportart: Vor 25 Jahren fand am Bölle unterhalb der Teck die 4. Grasski-Weltmeisterschaft statt. Lange bevor der Slogan in aller Munde war, hieß es zwischen Backhäusle und Rathauslinde: Die Welt zu Gast bei Freunden.

Bernd Köble

Owen. Bryce Resort/USA, Alberschwende/Österreich, Kiama/Aus­tralien – und jetzt Owen. Der Weg des Teckstädtchens zum WM-Austragungsort war steinig und nahm seine letzte Biegung im noblen Schweizer Skiort Gstaad. Genauer gesagt im dortigen Gasthof zum Bären, wo die Delegierten des Internationalen Grasskiverbands (IGSV) im September 1983 sich hinter verschlossenen Türen die Köpfe heiß redeten. Die führenden Grasski-Nationen Italien, Schweiz, Österreich, England und Frankreich hatten im Berner Oberland die Gastgeberrolle für die in zwei Jahren beginnende Weltmeisterschaft zu vergeben.

Doch friedlich ging es im mondänen Skitempel der Eidgenossen an diesem Tag nicht zu. Es war ein Hauen und Stechen, das bisweilen hart an die Grenze des Persönlichen ging, wie sich Heinz Single heute erinnert. Der Ludwigsburger war damals Referatsleiter Grasski im Deutschen Skiverband (DSV) und damit der Verhandlungsführer auf deutscher Seite. Nach stundenlangen Wortgefechten zwischen den beiden schärfsten Konkurrenten Italien und Deutschland wurde die Entscheidung zur Hängepartie. Zünglein an der Waage war letztlich die Schweiz, die sich im entscheidenden Augenblick auf die Seite der Deutschen schlug und für ein 3:2-Votum zugunsten der Owener sorgte. Die lange Grasski-Tradition am Bölle, wo schon 1968 die ersten Bezirksrennen und 1982 die EM stattgefunden hatten, zählte am Ende mehr als die kühnen Pläne der Italiener, deren Südtiroler Grasski-Arena bis dahin nur auf dem Reißbrett existierte.

Frenetische Jubelszenen, wie man sie heute aus dem Fernsehen kennt, gab es nach Bekanntgabe des Abstimmungsergebnisses zwar keine. Gefeiert wurde trotzdem – auf schwäbische Art: „Wir haben mit einem Viertele darauf angestoßen“ erzählt Uwe Kiedaisch, der als stellvertretender Bürgermeister und Kopf einer Owener Delegation draußen vor der Tür der knappen Entscheidung entgegenfieberte. „In Owen stand im Grunde die Wiege des Grasskisports“, nennt Heinz Single das ausschlaggebende Argument, das dem TSV Owen und seiner kleinen Skiabteilung das bis heute größte Spektakel ihrer Geschichte bescherte.

Der Coup in Gstaad blieb nicht der einzige des gewitzten Schwaben. Single­ fand im mächtigen DSV damals nur wenig Unterstützer. „Die Grasskifahrer wurden von den Alpinen meist nur belächelt“, erinnert er sich. Doch der Mann, dessen Tochter 1979 den ersten WM-Titel auf Rollka nach Deutschland geholt hatte, ließ nicht locker. Er knüpfte die entscheidenden Kontakte und merkte schnell, wo die wirklich wichtigen Leute saßen: nicht im damals biederen IGSV, sondern im Zentrum der Macht des alpinen Skisports. So kam es, dass bei der WM-Eröffnungsfeier in der Owener Teckhalle mit FIS-Präsident Marc Hodler und seinem damaligen Generalsekretär Gian-Franco Kasper die weltweit führenden Ski-Funktionäre in der ersten Reihe saßen. Drei Monate zuvor hatte die FIS auf ihrem Kongress im kanadischen Vancouver beschlossen, die Grasskiläufer unters Dach des Weltverbands zu holen. Am 5. September – einen Tag vor Beginn der WM – tagte der IGSV in einer außerordentlichen Versammlung in Owen ein letztes Mal, um seine Auflösung zu verkünden.

Da blieb auch dem DSV keine andere Wahl, als endlich Flagge zu zeigen. Josef Ertl, bis 1982 Landwirtschaftsminister der Regierung Helmut Schmidts und zum damaligen Zeitpunkt Präsident des Deutschen Skiverbands, tat es den Weltverbands-Oberen notgedrungen gleich, machte sich auf den Weg nach Owen und brachte obendrein gleich ein Köfferchen voll Geld mit. Von diesem Tag an flossen 30 000 Mark jährlich aus der Verbandskasse ins Säckel der Grasskifahrer – das Dreifache des vorherigen Förderbetrags.

Die Euphorie war gewaltig, der Grasskisport im Land auf dem Höhepunkt angelangt. Der milde Winter in den ersten Wochen des Jahres 1985 hatte einen Teckabfahrtslauf unmöglich gemacht, zwei Jahre zuvor heizte ein Rekordsommer die ersten Klimadiskussionen an. Was die alpinen Skiläufer erstmals beunruhigte, spielte den Grasskiläufern prächtig in die Karten. Kurzum: Man prophezeite den Rollgleitern rosige Zeiten.

Entsprechend groß war das Interesse, als am 6. September Owens Bürgermeister Siegfried Roser die WM für eröffnet erklärte. Das Defilee der Mannschaften aus 13 Nationen, die sich auf dem Rathausplatz versammelten, verfolgte nicht nur die einheimische Bevölkerung mit Staunen, sondern auch das Fernsehen und die internationale Presse. Das T- Shirt mit dem WM-Logo wurde zur allgegenwärtigen Herbstmode in der Teckstadt und bevor die ersten Medaillen vergeben waren, erwiesen sich die Owener als Weltmeister im Improvisieren. Zwar zeichnete die kleine Skiabteilung des TSV verantwortlich für die Organisation, doch die drei Tage im September wurden zur Bewährungsprobe für eine ganze Dorfgemeinschaft. Sprachlich Versierte vermittelten als offizielle Dolmetscher, Familien stellten Privatquartiere für Besucher aus aller Welt zu Verfügung und in beiden kommunalen Backhäusern, wo der Landfrauenverein 200 Kuchen ins Feuer schob, qualmten tagelang die Schlote.

Auch musikalisch wurde die WM zur Herausforderung: Weil die Stadtkapelle für den passenden Ton bei den Siegerehrungen sorgen sollte, standen statt Polka und Hochzeitsmarsch plötzlich 13 verschiedene Nationalhymnen auf dem Probenplan. Uwe Kiedaisch, damals Streckensprecher und Saxofonist in Personalunion, erinnert sich: „Wir haben die Favoriten studiert und uns überlegt, ob wir wenigstens die japanische Hymne weglassen könnten“, amüsiert er sich heute. Doch das Risiko wollte keiner eingehen.

Die WM ließ keinen kalt. „Ohne den Zusammenhalt aller Owener wäre das Ganze nie möglich geworden“, sagt der damalige OK-Chef Willi Schmid, in dessen Hand sämtliche Fäden zusammenliefen. Schmid war Initiator und Taktgeber, die ganze Familie steht stellvertretend für den Grasskisport in Owen. Im Zwei-Wochen-Takt traf sich das Organisationskomitee im holzgetäfelten „Party­keller“ der Schmids und mit Thomas und Karin stand der eigene Nachwuchs im Kader der Nationalmannschaft.

Dass einzelne Pressestimmen den Nationenkampf im 3 000-Einwohner-Städtchen als provinziell und hausbacken brandmarkten, wurmt den Mann, der 23 Jahre lang die Skiabteilung führte, bis heute. Für ihn war es Sportsgeist in Reinkultur, der die drei Tage im September beseelte: Geprägt von Idealismus und begrenzt aufs Wesentliche. Schwarzmaler, die dem TSV ein finanzielles Desaster prophezeit hatten, gab es damals zahlreiche. Aller Risiken und Warnungen zum Trotz: Für den Verein wurde die WM zur Goldgrube. Rund 6 000 Zuschauer an beiden Tagen und die Einnahmen aus dem Verkauf von Souvenir-Artikeln wogen die Kosten für Übernachtung und Verpflegung der knapp 120 Athleten samt Begleittross bei Weitem auf.

Und auch sportlich hinterließ der Gastgeber Fußabdrücke in der WM-Historie: Karin Schmid verfehlte als Vierte im Riesenslalom nur knapp die Bronzemedaille hinter den dominierenden Österreicherinnen Claudia Otratovitz, Karin Hartmann und Ingrid Hirschhofer. Für die damals 19-Jährige nicht nur ein Riesenerfolg, sondern auch die passende Retourkutsche für einen Fauxpas, den sich der DSV im Falle der jungen Owenerin geleistet hatte. Die Lokalmatadorin musste trotz guter Rennergebnisse im Frühjahr bis einen Tag vor Beginn der WM um ihre Nominierung bangen. Ihr Bruder Thomas war damals in einer komfortableren Lage. Auf Platz drei der deutschen Herren-Rangliste stand sein WM-Start schon frühzeitig fest. Doch ausgerechnet an seinem Hausberg hatte Schmid das Pech gepachtet: Der damals 24-Jährige, der bei der WM in Australien zwei Jahre zuvor immerhin Slalom-Fünfter geworden war, schied sowohl im Riesenslalom am Samstag, als auch im Slalom am Sonntag nach einem Fahrfehler aus. Mit dem Schwarzwälder Rainer Großmann stand im Riesenslalom immerhin ein Deutscher ganz oben auf dem Treppchen. Der Slalom-Sieg ging tags da­rauf an den Ex-Weltmeister Christen Richi aus der Schweiz.

Für die Schmids und den TSV Owen neigte sich die ganz große Grasski-Ära zwei Jahre später ihrem Ende zu: Im japanischen Nobeyama übergab die Owener Delegation im September 1987 die WM-Fahne an den neuen Gastgeber. Das deutsche Aufgebot war mit Karin Schmid, Götz Scheffler (Kornwestheim) und Jürgen Single (Ludwigsburg) auf drei Teilnehmer geschrumpft, die Owenerin als Neunte im Riesenslalom erfolgreichste Athletin des DSV. Gleichzeitig erlebte der Grasskisport im Boom-Land Japan zum ersten Mal eine WM nach neuem Standard: mit immensem technischem Aufwand, neu erbauten Anlagen und einem fast schon klinischen Umfeld. Der Sport hat nach wie vor seine Anhänger, zwar nicht mehr in Owen, dafür in Ländern, die nicht gerade als ruhmreiche Ski-Nationen gelten: 1991 traf sich die Weltelite im türkischen Bursa und vor vier Wochen erst endete die Junioren-WM an einem Ort, an dem man kein weltoffenes Sportereignis vermuten würde und der auch politisch für einiges Aufsehen sorgte: hoch in den Bergen über Teheran.

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