Sie schleppen Baumstämme steilste Hänge hinauf, stürzen sich kopfüber in eiskalte Fluten und rennen mit nacktem Oberkörper durch verschneite Wälder. Die Lust an der Grenzerfahrung ist für die 20 Mitglieder des Nürtinger Getting-Tough-Teams Triebfeder in einem nicht alltäglichen Sport.
Bernd köble
Nürtingen. Nein, er war nie bei der Bundeswehr, betont Markus Ertelt und dieser Satz scheint ihm förmlich am Herzen zu liegen. Wer einen Blick in seine Trainingspläne wirft, der weiß warum: Robben unterm Seilverhau, Bergläufe mit schwerem Ballast, Liegestütz bis zur Erschöpfung. Dazu Kälte, Nässe und jede Menge Dreck. Das riecht mächtig nach militärischem Drill, nach Testosteron-triefender Macho-Welt. „Alles Quatsch“, meint Markus Ertelt, der sich seine ersten Sporen in der Leichtathletikabteilung des TV Unterlenningen verdiente. Der 31-jährige Kickboxer ist eigentlich gelernter Schauspieler, der Tourneetheater spielt und gelegentlich in kleineren Fernsehrollen zu sehen ist. „Wir sind ganz normale Sportler“, versucht er glaubhaft zu versichern, „die ihre körperlichen Grenzen kennenlernen wollen.“
Vergangenen Sommer hob das 75 Kilo schwere und 1,75 Meter große Kraftpaket das Getting-Tough-Team aus der Taufe. Ein Häuflein Hartgesottener, das aufs vordere Drittel seines Namens eigentlich leicht verzichten könnte. Denn wer hier Nehmerqualitäten nicht schon mitbringt, der hat wenig zu lachen. Nur ein bis zweimal im Monat trifft sich die Gruppe im Trainingsrevier bei den Schäferhauser Seen in Wendlingen oder im Gelände zwischen Teck und Bassgeige. Mehr geht nicht, weil die Belastung während der bis zu dreistündigen Einheiten zu groß wäre. „Jedes Training ist wie ein Wettkampf“, meint Markus Ertelt. „Schließlich trainieren unsere Mitglieder nebenbei noch in anderen Sportarten.“
Die meisten von ihnen in der Kampfsportakademie in der Nürtinger Europastraße, wo Markus Ertelt den 33-jährigen Gökhan Arslan betreut. Der amtierende Weltmeister im Kickboxen bildet gemeinsam mit Cousin und Studiobetreiber Ertekin sowie Ertelts Bruder Thomas den harten Kern des Teams. Am kommenden Sonntag wollen die Vier auf der britischen Insel den Ritterschlag empfangen: Ein Start beim sogenannten „Tough Guy Race“ in Wolverhampton zählt zum härtesten, was sich Sportler mit ausgeprägter Leidensfähigkeit ausdenken können. Ein rund dreistündiges Hindernisrennen auf einem Parcours der Qualen, wo den Teilnehmern entkräftende Kletterpassagen, Sprünge aus schwindelerregender Höhe, das Durchschwimmen eiskalter Wassergräben und zermürbende Schleppereien abverlangt werden. Immerhin: Die Startgebühr von 150 englischen Pfund für das zweifelhafte Vergnügen ist für karitative Zwecke bestimmt.
Eine reine Männerdomäne ist die Schinderei im Übrigen nicht: Die 20-jährige Lisa Mehl ist eine von zwei Frauen im Team und eigentlich eine talentierte Leichtathletin. Die ehemalige Mehrkämpferin der LG Neckar-Erms ist ständig auf der Suche nach neuen sportlichen Herausforderungen. Irgendwann landete sie beim Kickboxen und in der Nürtinger Kampfsportakademie. Das Getting-Tough-Team gefiel ihr auf Anhieb, weil dort nie Trainingsalltag einkehrt. Sie liebt die wechselnden Herausforderungen und die Gruppendymnamik im Team. „Der Zusammenhalt hier ist unglaublich“, sagt Lisa Mehl. „Das ist für mich eine ganz neue Erfahrung.“ Am 18. April will sie beim „Strong Man Run“ im niederrheinischen Weeze an den Start gehen, einem 18 Kilometer langen Hindernisrennen, das zur TV-bekannten Fisherman`s Friend-Serie zählt. Das Werbe-Motto: Sind sie zu stark, bist du zu schwach.
Angst um die eigene Gesundheit? „Wer bei uns mitmacht, der kennt seinen Körper und weiß, wann Schluss ist“, sagt Markus Ertelt, der nach eigener Aussage noch nie eine ernsthafte Verletzung davon getragen hat. Wer neu hinzu stößt, muss dennoch eine schriftliche Erklärung abgegeben, dass er sich freiwillig und auf eigenes Risiko der Gruppe anschließt. 2010 soll aus dem Getting-Tough-Team ein eingetragener Verein werden. An der Formulierung des Vereinszwecks wollen sie noch feilen.
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