20.07.2009 - 16:24 Uhr

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Herr der Lüfte und am Reißbrett

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Er verstarb auf den Tag genau vor 50 Jahren, doch in Segelfliegerkreisen hat er sich unsterblich gemacht. Der Schwabe Wolf Hirth (1900–1959), Pilot, Konstrukteur und erster Nachkriegs-Präsident des Deutschen Aero-Clubs,

THOMAS PFEIFFER

gilt als der Ur-Vater des sportlichen Fliegens. „Im Grunde hat er die Segelfliegerei weltweit etabliert“, sagt sein Sohn Hellmut Hirth, der in Horb am Neckar lebt, nicht ohne Stolz. Hellmut Hirth ist heute 60, schon mit zehn Jahren verlor er seinen Vater. Viel Zeit zum Kennenlernen blieb deshalb nicht, doch die Charakterisierung seines Erzeugers weicht kein Jota ab von dem, was alle Chronisten, Sachbücher und die Online-Enzyklopädie Wikipedia sagen: Wolf Hirth war die Kapazität im Segelflugwesen schlechthin.

Die Lebensgeschichte Wolf Hirths – vieles von dem, was der gebürtige Stuttgarter in jungen Jahren machte, war außergewöhnlich. Ohnehin waren „die Leute damals anders als die von heutzutage“, wie Hellmut Hirth erfahren hat.

Seinen Vater zählte er zum Kreis der Exzentriker hinzu – er war ein Enthusiast wie er im Buche stand: Mit 20 Jahren baute der Industriellen-Sohn daheim ein Doppeldecker-Gleitflugzeug zusammen mit Freunden auf, mit 22 erlernte er praktisch im Alleingang das Fliegen auf der Wasserkuppe in der Rhön, mit 28 landete er beim Segelflug-Wettbewerb im französischen Vauville einen Vierfach-Sieg und 1930, als Hitlers Nationalsozialisten bei den Reichstagswahlen zur zweit-stärksten Kraft mutierten, reiste der Diplomingenieur mit einer Klemm-Maschine zu Studien- und Werbezwecken in die USA.

Es war ein Abenteuertrip, wie sich herausstellte. Einer, der über viele Umwege führte, über Island und 10 000 Kronen Schutzgebühr fordernde Dänen, vor denen der Schwabe schließlich passen musste: So viel Geld hatte er nicht – zur Weiterfahrt mit einer Maschine als Gepäck benutzte er die Fähre.

Hirth kam in den Staaten schließlich an und verblüffte später etliche Amerikaner: Am 10. März 1931 kurz vor 16 Uhr flog er nach einem Gummiseilstart entlang des Hudson Rivers an New Yorks Hochhäusern vorbei bis auf 300 Meter Höhe. So etwas hatte die Welt vorher noch nicht gesehen. Es war aus heutiger Sicht ein Event – mit Hirth als dem Helden. Seine große Zeit als Flieger sollte folgen.

Ein leidenschaftlicher Motorradfahrer war der Mann, für den Politik nie das große Thema war, dafür Thermik, Leewelle und das Erfinden sportlicher Flieger ebenfalls. Hirth liebte Tempofahrten auf zwei Rädern – und gewann ein Rennen auf der Avus. Die starke Zweirad-Affinität kostete ihn am 8. Juli 1925 das linke Bein. Verwickelt in einen schweren Verkehrsunfall, als er mit einer 1 000 ccm starken NSU-Maschine bei einer Einkaufsfahrt das Trittbrett einer Straßenbahn touchierte, wurde sein linkes Bein zerquetscht, und es war nicht mehr zu retten. Ein Schicksalsschlag, den der Interessensmensch Hirth schnell zu kompensieren vermochte. Noch im Hospital gründete Wolf Hirth den Fliegerclub Aka­flieg Stuttgart, und keine Prothese der Welt konnte ihn anschließend davon abhalten, weiter Motorradrennen zu fahren. Geschweige denn, zu fliegen.

Schon zu Lebzeiten erwarb sich Wolf Hirth in seinem Metier jenen Ruf, den andere Größen ihrer Zeit mitunter erst posthum erleben. Das lag daran, dass er von den wenigen Segelflugbauern jener Zeit wohl der innovativste war – Hirths Neukreationen wie der kunstflugtaugliche Übungseinsitzer Gö-1 „Wolf“ oder der Motorsegler Hi 20 MoSe – das erste Segelflugzeug mit schwenkbarem Hilfstriebwerk – waren bahnbrechende Produkte. Hirth als Erfinder ist die eine Seite der Medaille, Hirth als Könner im Cockpit die andere: Im Segelflugzeug „Moazagotl“ stellte er 1934 einen neuen Weltrekord im Streckenflug auf (340 Kilometer). Das stempelte ihn endgültig zum Pra(gma)ktiker seiner Branche.

Hirths Kompetenz im Cockpit und am Reißbrett sprach sich herum – weltweit. 1934 unternahm er eine Südamerika-Expedition, ein Jahr später erhielt er eine Einladung nach Japan, und sein Aufenthalt dort als Fluglehrer betuchter Einheimischer hinterließ nachhaltigen Eindruck: Knapp 30 Jahre nach seinem Tod widmeten sie Wolf Hirth in der Stadt Sekinyado (nahe Tokio) ein Denkmal.

Nachdem die Kriegszeit über Europa hereingebrochen war, wählte der Weltenbummler Wolf Hirth Nabern als festen Standort seiner Tüfteleien: Die Wolf-Hirth-GmbH, ein Betrieb der Luftfahrttechnik, gründete

1952 eine absolute Sensation am Himmel über Kirchheim

er 1940. Zwei Jahre zuvor war er bei seinem Freund Martin Schempp und der Göppinger Firma „Sportflugzeugbau Schempp-Hirth“ offiziell als Teilhaber eingestiegen – der Anfang seiner Karriere als Unternehmer im Flugwesen. Nach dem Zweiten Weltkrieg gingen die Geschäfte zunächst schlecht. Erst nach und nach konnte Hirth, der anstatt kostspieliger Holzflieger nun Kinderwagen, Sessel und Kücheneinrichtungen verkaufen musste, seinem Kerngeschäft wieder nachgehen, und die erneute Produktion des Seglers Gö-4 (1951) half ihm dabei.

Inzwischen war Hirth, der weiterhin in Stuttgart lebte und alltäglich zur Arbeit in seine Naberner Werkshalle pendelte, über 50 Jahre alt – Zeit für eine Zäsur: 1951 ließ sich der ausgewiesene Segelflug-Experte vom neu gegründeten Deutschen Aero Club (DAeC) zum ersten Präsidenten wählen. Die Alliierten hatten nichts dagegen. Mehr Beachtung fanden Wolf Hirths spätere Übungsflüge über der bis dahin in Sachen Fliegerei fast unbefleckten Stadt Kirchheim. Sie „waren die absolute Sensation“, wie sich Augenzeuge Siegmund Maier, damals 14, heute 71, noch gut an sein erstes Flugerlebnis in Kirchheim erinnert.

Maier: „Es war im Februar 1952, als ich in der Stadt über mir plötzlich ein lautlos dahingleitendes Segelflugzeug entdeckte, vielleicht 250 Meter über mir. Das war für die damalige Zeit eine echte Sensation, und ich bin gleich nach Hause gerannt und habe es meinem Vater erzählt. Der wollte es erst gar nicht glauben, aber dann sind wir die Straße abgefahren und haben das Flugzeug in Richtung Ötlingen entdeckt – auf dem heutigen Lidl-Areal.“ Später durfte der junge Siegmund im Doppelsitzer GÖ-4 von Wolf Hirth für fünf oder sechs Minuten mitfliegen – ein ebenso schönes wie denkwürdiges Erlebnis für den jungen Bub. Nach eigenem Empfinden fing sich Maier, der langjährige Wolf-Hirth-Vorsitzende und Wettbewerbschef beim Hahnweid-Meeting, seinerzeit den „Flieger-Virus fürs ganze Leben“ ein.

In den 50er-Jahren avancierte Wolf Hirth, der internationale Segelflug-Geschichte(n) schrieb, zum Stammgast auf den hiesigen Flugplätzen. Übungsflüge machte er dort öfters – einer davon kostete ihn am 25. Juli 1959 in einer Lo 150 das Leben: Nach einem Herzinfarkt im Cockpit stürzte er im Landeanflug auf den Dettinger Flugplatz tödlich ab. Alle Wiederbelebungsversuche blieben erfolglos.

Jener Samstag – ein schwarzer Tag für die Segelfliegerei, ein noch schwärzerer für die Familienangehörigen. Hellmut Hirth, der Sprössling, war vom jähen Tod seines Vaters lange Jahre traumatisiert. „Aber das geht ja jedem Jungen in diesem Alter so“, sinniert er heute. Die ganze Tragweite des tragischen Unglücks konnte er erst viel später begreifen.

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