03.02.2017 - 02:02 Uhr

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Vom reinen Spaßfach zum Wissensfach

Schulsport Sportwissenschaftler und Funktionäre halten den Unterricht für nicht mehr zeitgemäß. Wissen soll Kinder vor Bewegungsmangel schützen. Von Bernd Köble

Auch künftige Lehrer müssen die Schulbank drücken: Sportausbildung am Pädagogischen Fachseminar in Kirchheim.Foto: Torsten Wenzler
Auch künftige Lehrer müssen die Schulbank drücken: Sportausbildung am Pädagogischen Fachseminar in Kirchheim.Foto: Torsten Wenzler

Es sind Meldungen wie diese, die eine schulpolitische Debatte regelmäßig neu entfachen: Immer mehr Kinder und Jugendliche in Deutschland leiden unter Diabetes. Die Hauptgründe sind falsche Ernährung und Bewegungsmangel. Dass motorische Defizite bereits im Kindesalter zunehmen, beklagen Mediziner und Sportwissenschaftler schon lange. Der Alltag von Heranwachsenden biete inzwischen nicht mehr ausreichend Bewegungsanreize, so lautet die Begründung.

Experten sind sich deshalb einig: Sport und Bewegung brauchen vor allem an Schulen mehr Raum. Die Ganztagsschule versucht dem gerecht zu werden. Durch in den Alltag integrierte Bewegungslandschaften und freiwillige Angebote am Nachmittag. Doch längst ist klar, dass auch im regulären Sportunterricht nicht alles ist, wie es sein sollte. Zu wenig Zeit, zu wenig Hallen und Schwimmbäder, die falschen Inhalte.

Besonders hart mit dem Schulsport im Allgemeinen und Sportlehrern im Besonderen ist im vergangenen Jahr der Präsident des Nordbadischen Sportbunds, Heinz Janalik, ins Gericht gegangen. Sportlehrer verfügten über eine „Schmalspurausbildung“ und würden lediglich ihre eigenen Defizite an Kinder und Jugendliche weitergeben. Starker Tobak. Janalik ist selbst ein Mann vom Fach, war zudem viele Jahre Chef des Olympiastützpunkts in Heidelberg. Dennoch haben seine Attacken in Lehrerkreisen erwartungsgemäß für einen Aufschrei gesorgt.

Dass das Personal an Schulen den Anforderungen nicht gerecht wird, so weit wollen Wissenschaftler wie Professor Dr. Ansgar Thiel, der Leiter des Instituts für Sportwissenschaft an der Uni Tübingen, nicht gehen (siehe Interview unten). Thiel ist Leiter des Wissenschaftsforums im Württembergischen Landessportbund (WLSB), das dem organisierten Sport aber auch Politik und Lehranstalten beratend zur Seite steht. Die Wissenschaftler arbeiten eng mit staatlichen Seminaren und dem Kultusministerium zusammen. Auch sie fordern: Der Schulsport braucht dringend Reformen. Mehr Wissensvermittlung, mehr fächerübergreifende Vernetzung. „Wir haben inzwischen einen hohen technischen Standard in den Klassenzimmern“, sagt Rolf Schmid, Vizepräsident Bildung im WLSB, „nur in den Sporthallen ist alles beim Alten geblieben.“

Am Pädagogischen Fachseminar in Kirchheim (PFS), wo jedes Jahr im Schnitt 40 Fachlehreranwärter eine dreijährige Ausbildung zum Sportlehrer beginnen, setzt man bisher aus Überzeugung auf eine praktisch orientierte Ausbildung. Dr. Matthias Molt, ein Mann mit Vergangenheit im Kultusministerium und seit zwei Jahren Leiter des Fachbereichs Sport am PFS hält Impulse, wie sie der runde Tisch aus Schulpolitik und Wissenschaft liefert, für wichtig. Er sagt aber auch: „Im Sportunterricht muss die Praxis Vorrang haben. Wenn Fachwissen, dann nur begleitend.“

Die generelle Stärkung von Bewegung an der Schule sei Dauerthema im Seminarunterricht. „Die Sportlehrerausbildung geht heute in sehr vielen Bereichen über den tradierten Sport hinaus“, sagt Molt. In einem Punkt pflichtet er den Universitätsprofessoren bei: „Wenn wir Kindern den Zusammenhang zwischen Bewegungs- und Gesundheitsfunktionen vermitteln wollen, muss das viel breiter an den Schulen angesiedelt werden, nicht nur im Sportunterricht.“ Am PFS hat man deshalb das ehemalige Fach Hauswirtschaftslehre inzwischen ersetzt durch den Fachbereich Alltagskultur und Gesundheit.

Als größter Hemmschuh in der Basisförderung von Kindern gilt das Klassenlehrerprinzip, das an Grundschulen gilt. Einer für alles. Die Folge: An Grundschulen wird noch immer überwiegend fachfremd Sport unterrichtet. Obwohl nach Meinung vieler Sportwissenschaftler, Pädagogen und Mediziner gerade in diesem Alter der Grundstein für lebenslange Freude an Bewegung gelegt werden müsste.

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