Die Getreideernte rund um die Teck stellte alle Beteiligten vor große Herausforderungen. Wegen der ständigen Regenfälle konnten die Mähdrescher nur in kurzen Zeitfenstern fahren und auch die Qualität hat gelitten.
Iris Häfner
Kreis Esslingen. „Extrem“, nennt Siegfried Nägele, Landwirt in Bissingen und einer der zwei Vorsitzenden des Kreisbauernverbands Esslingen, die diesjährigen Erntebedingungen, und Müllermeister Ulrich Sting von der Mühle in Jesingen spricht von einer „sehr schwierigen Ernte“. Ungünstig waren die Wetterbedingungen fast die gesamte Vegetationsperiode über. „Zuerst hatten wir ein trockenes Frühjahr, dann folgte ein nasser Mai. Mitte Juni bis Mitte Juli war es sehr heiß. Seither ist das Wetter unbeständig und es gab viel Regen in kurzen Phasen“, gibt Siegfried Nägele das Wetter im Zeitraffer wider.
Die kurzen Zeitfenster ohne Niederschlag strapazierten die Nerven sämtlicher Beteiligter. Jeder Landwirt wollte so schnell als möglich den Mähdrescher auf seinem Feld dreschen sehen, sobald sich das schwere Gerät in die einigermaßen abgetrockneten Felder wagen konnte. Nicht selten ging vor 11 Uhr gar nichts, doch dann wurde bis weit in die Nacht hinein gedroschen „was das Zeug hielt“. Weil die Lohndrescher um die Sorgen und Nöte ihrer Kunden wussten, strapazierten sie nicht selten ihre Maschinen über das normale Maß hinaus. Das hatte jedoch zur Folge, dass es immer wieder zu Zwangspausen wegen Reparaturarbeiten kam. „Bei trockenem Getreide und Boden lässt sich schneller fahren“, nennt Siegfried Nägele einen weiteren Verzögerungsgrund.
„Um das Getreide vernünftig ernten zu können, sind zwei schöne Tage nötig. Das brutale an dieser Ernte war, dass es nie trocken war“, sagt Ulrich Sting. Das Korn war just zu dem Zeitpunkt gerade reif geworden, als das Wetter umschlug. „Nieselregen, wie wir sie oft hatten, sind am schlimmsten. Das Korn wird dann sumpfnass und ist in einer Art Breizustand“, so der Müller. Zwangsläufig musste das Getreide in vielen Fällen nass gedroschen werden. Nicht selten wurden die späteren Sorten noch vor den frühen geerntet, denn hier konnten die Landwirte das eine oder andere Feld noch retten.
Zwischenzeitlich ist unterhalb der Teck so gut wie alles abgeerntet, doch vielerorts lag das Stroh noch tagelang auf den Feldern, weil es mangels Sonnenschein nicht trocken wurde. Derart spät war die Ernte im Tal schon lange nicht mehr. Das hatte einen weiteren Engpass zur Folge, denn normalerweise sind die Felder unten bereits abgeerntet, ehe die Bauern auf der Alb die Mähdrescher anfordern.
Weil teilweise Halm und Ähren beim Dreschen noch feucht waren, gab es Verluste. Zum einen erwischt das Mähwerk das flach liegende Getreide schlecht, zum anderen rutschen viele feucht-flutschige Körner mit den Halmen wieder raus und fallen nicht wie vorgesehen in den Tank. Für die zusätzliche Trocknung fallen außerdem Kosten an.
„Bei der Qualität müssen wir stark differenzieren“, sagt Siegfried Nägele. Wintergerste sei noch in Ordnung gewesen, sie landet aber in der Region vorwiegend in den Futtertrögen. Je nach Boden, der rund um die Teck auf wenigen hundert Metern sehr unterschiedlich sein kann, fällt der Ertrag bei Raps, Weizen und Hafer um 10 bis 30 Prozent geringer als im Vorjahr aus. „Dinkel ist nicht ganz so empfindlich wie Weizen, hier ging es grad noch, doch einen gewissen Minderertrag gab es auch hier“, so der Bissinger Landwirt. Manches Getreide keimte schon auf dem Halm, weshalb Siegfried Nägele gespannt ist, was die Müller und Bäcker aus dem Getreide noch machen.
„Über die Höhe des Preises können wir noch nichts sagen. Wir warten die Qualität ab“, sagt Siegfried Nägele. Allerdings ist er sich sicher, dass er besser als 2009 wird – der war aber 40 Prozent gegenüber dem Vorjahr gefallen. Er geht von einem Preis wie 2008 aus. Derartige Preisschwankungen wie in diesem Jahr hat Ulrich Sting in den vergangenen 10 bis 15 Jahren nicht erlebt. „Futterware liegt bei 14 Euro je 100 Kilo, Topware in der obersten Spitze bei 20 Euro“, so der Müller. Bei zehn Tonnen addiert sich dieser Unterschied: 1 400 Euro erhält der Landwirt für Futtergetreide, 2 000 Euro für die Topqualität. „Das gemeine daran ist, dass ein Regen darüber entschieden hat“, sagt Ulrich Sting. Doch immerhin bekommen die Bauern für Futterweizen voraussichtlich den Preis, den sie 2009 für ihr schönstes Getreide erzielt haben.
„Unterm Strich kommen wir aber nicht besser weg – doch es hätte noch schlimmer kommen können“, ist sich Siegfried Nägele bewusst. Weltweit gibt es dieses Jahr weniger Getreide. Dazu kommt, dass Russland einen Exportstopp wegen der Waldbrände verhängt hat. „Gute Ware ist knapp“, fasst Siegfried Nägele zusammen.

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