30.08.2010 - 16:45 Uhr

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„Ohne Musik kann ich nicht sein“

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In Musikerkreisen kennt man ihn als den „Geiger von Bissingen“, obgleich auch Strümpfe eine nicht unwesentliche Rolle in seiner Biografie spielen. Morgen feiert Kurt Drummer seinen 90. Geburtstag und ist dankbar für ein reiches Leben, dessen schicksalhafte Wendungen für ihn immer wieder ans „Wunderbare“ grenzten.

richard umstadt

Bissingen. Die Gemeinde Hormersdorf im Erzgebirge, rund 20 Kilometer südlich von Chemnitz, trägt einen Damenstrumpf im Wappen. Hormersdorf, Geburtsort von Kurt Drummer, gehörte im 20. Jahrhundert zum Zentrum der Strumpfindustrie im Erzgebirge um die Kreisstadt Stollberg. In Hormersdorf wuchs Kurt Drummer gemeinsam mit seinen beiden älteren Geschwistern auf. Acht Jahre besuchte er die Volksschule und absolvierte anschließend vier Jahre eine Schlosser- und Dreherlehre. Danach studierte er in Chemnitz vier Semester in der Staatlichen Ingenieurschule.

Am 1. März 1941 zur Marineartillerie nach Cuxhaven eingezogen, kam Kurt Drummer zur Ausbildung nach Haarlem in Holland, bevor er mit drei weiteren Marineartilleristen seiner Kompanie auf ein Begleitschiff der „Bismarck“ versetzt wurde. Bereits am 4. Juni 1941 geriet Kurt Drummer in englische Gefangenschaft, zunächst nach Gibraltar, dann auf die englische Insel und von dort nach Kanada. Fünf Jahre verbrachte er als prisoner of war (POW), eine Zeit, an die er sich nicht ungern zurück erinnert. Denn der Marineartillerist brachte aus dem Erzgebirge eine Leidenschaft mit, die ihm in der Kriegsgefangenschaft zugute kommen sollte – das Violinspiel. In Kanada war er Mitglied des 80 Mann starken POW-Orchesters, das für die musikalische Unterhaltung sorgte.

„Am 21. März 1947 kam ich zurück nach Hormersdorf und habe gleich geheiratet“, erinnert sich der Jubilar. Sechs lange Jahre musste Lotte Seifert auf die Rückkehr ihres Verlobten warten. Gemeinsam baute sich das Ehepaar in der Strumpffabrik des Schwiegervaters eine Zukunft auf, die allerdings im Arbeiter- und Bauernstaat nicht von Dauer war. 1959 flohen Lotte und Kurt Drummer unter abenteuerlichen Umständen in den Westen und landeten schließlich in Kirchheim. In der Henriettenstraße 55 stellten sie erneut Strümpfe her und eröffneten dann gemeinsam mit Kurt Drummers Schwager in Bissingen eine Strumpffabrik. Doch mit der Zeit wurde der Konkurrenzdruck durch die Billigware aus dem Ausland so groß, dass die Firma 1979 die Produktion einstellen musste. Sie wurde von Big Pack übernommen. Zehn Jahr lang arbeitete Kurt Drummer danach bei dem Schlafsack- und Outdoor-Bekleidungshersteller, bevor er in den „Unruhestand“ ging. Denn bis zu seinem 83. Lebensjahr gab es immer noch eine Kleinigkeit für ihn in der Firma zu tun. Parallel dazu hegte und pflegte er die Liebe zu seiner Violine. „Ohne Musik könnt‘ ich nicht sein.“ Deshalb musizierte er gerne in verschiedenen Orchestern mit, so etwa in Chemnitz im Collegium Musicum, im vhs-Orchester Kirchheim, im Kammerorchester Wendlingen und fast zehn Jahre im Daimler-Orchester. Er bedauert sehr, dass er heute keine seiner drei Violinen mehr spielen kann, weil die Gelenke nicht mehr mitmachen. Doch sein musikalisches Gehör hat ihn auch im hohen Alter nicht im Stich gelassen.

„Ich bin wunderbar durch die 90 Jahre gekommen, und dafür bin ich Gott dankbar“, blickt der geistig rege Jubilar zufrieden auf sein bewegtes Leben zurück. Dazu werden ihm morgen in der Bissinger Schulstraße Verwandte und Freunde herzlich gratulieren.

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