Verein „Frauen helfen Frauen“ legt seinen Jahresbericht vor – Immer mehr junge Frauen suchen Zuflucht im Frauenhaus
Der schwierige Schritt ins eigene Leben

Der letzte Ausweg für Frauen in einer Gewaltbeziehung ist das Frauenhaus. Im vergangenen Jahr bot das Kirchheimer Frauenhaus 34 Frauen mit 41 Kindern Zuflucht. Neu ist ein verstärkter Zulauf von besonders jungen Frauen, die sich vor gewalttätigen Vätern und Brüdern in Sicherheit bringen wollen.

Kirchheim. Renate Dopatka, Sozialpädagogin beim Verein „Frauen helfen Frauen“, schildert, dass landesweit immer mehr junge Frauen zwischen 18 und 20 Jahren in die Frauenhäuser kommen. Sie werden oft nicht vom Partner, sondern von anderen Familienangehörigen bedroht, oder sie fliehen vor Zwangsverheiratung und strengen Vorgaben ihrer Familie. Schwierig ist, dass diese Frauen noch nie alleine gelebt haben und im Frauenhaus zum ersten Mal selbst ihren Alltag gestalten müssen. Das führe zu einem erhöhten Betreuungsbedarf: „Wir kommen dabei immer wieder an unsere Grenzen“, so Dopatka.

Vier Frauen, die im vergangenen Jahr im Frauenhaus Zuflucht suchten, waren in diesem jugendlichen Alter, elf waren zwischen 21 und 30, weitere elf zwischen 31 und 40, vier zwischen 41 und 50, vier Frauen waren älter als 50 Jahre. Der Jahresbericht des Vereins „Frauen helfen Frauen“, der das Frauenhaus betreibt, weist eine Auslastung des Hauses von 78 Prozent aus. Die meisten Frauen kamen aus dem Landkreis Esslingen.

19 der Frauen im Frauenhaus waren Hausfrauen, drei hatten Arbeit, neun waren arbeitslos, zwei Rentnerinnen und eine Schülerin. Die meis­ten der Frauen, nämlich 23, waren während ihres Aufenthaltes auf Hartz IV angewiesen. Viele können ihrer Arbeit nicht weiter nachgehen, weil sie Angst haben, auf dem Weg abgepasst zu werden. Fast die Hälfte, nämlich 15 Frauen, waren Deutsche, sieben hatten einen türkischen Pass, die anderen kamen aus anderen Nationen. 23 der Frauen, die Schutz suchten, waren mit dem Misshandler verheiratet, neun hatten keinen Trauschein und zwei Frauen flohen vor dem Vater. Neun Frauen waren zum zweiten Mal da, zwei sogar schon zum dritten Mal. Dopatka rechnet damit, dass immer mehr Frauen aus sogenannten „Multiprob­lemlagen“ kommen, die mehr Betreuung brauchen. Das können Frauen mit Psychiatrieerfahrung, anderen Krankheiten, Schulden oder Erziehungsproblemen sein.

Abgelehnt werden mussten 42 Frauen, 32 davon, weil kein Platz im Haus war, bei sieben waren die Voraussetzungen nicht gegeben, bei zweien die Sicherheit nicht gewährt, eine Ablehnung hatte andere Gründe.

Das Frauenhaus hat zwölf Plätze in fünf Zimmern, so kann sich eine Frau mit ihren Kindern ein Zimmer teilen. Will eine Frau aufgenommen werden, ruft sie an, dann wird ein Treffpunkt vereinbart und die Frau wird in das Haus gebracht, dessen Adresse geheim gehalten wird. Im Haus werden die Frauen umfassend betreut, auch um die Kinder kümmern sich Fachkräfte. Eng ist auch die Zusammenarbeit mit dem Jugendamt. In vielen Fällen wurden auch die Kinder misshandelt, oder die Mutter ist nicht in der Lage, ihren Erziehungsaufgaben nachzukommen. „Es geht darum, die Mütter in ihrer Erziehungskompetenz zu stärken und Gefährdungen des Kindeswohles abzuwenden“, erklärt Dopatka.

Doppelt so viele Frauen wie im Vorjahr, nämlich 14, fanden eine eigene Wohnung, was die Betreuerinnen als einen Glücksfall ansehen. Eine konnte in die alte Wohnung ohne den Partner zurück, sieben kehrten zu ihrem Mann zurück, drei wechselten in eine andere Einrichtung, vier kamen bei Verwandten oder Freunden unter und fünf leben immer noch im Frauenhaus. Mit dem Auszug aus dem Frauenhaus ist die Betreuung noch lange nicht zu Ende. Die Mitarbeiterinnen helfen sowohl bei Behördengängen als auch in persönlichen Krisen.

Beratend stehen die Sozialpädagoginnen des Frauenhauses auch Frauen zur Seite, deren Partner nach Gewalttätigkeit von der Polizei der Wohnung verwiesen wurde. Die Gespräche mit den oft traumatisierten Frauen drehen sich darum, wie es weitergehen kann und welche Hilfsangebote es gibt. Die zweijährige Erprobungsphase der Kooperation bei häuslicher Gewalt endet dieses Jahr, dann wird entschieden, wie es weitergeht.

„Der Schritt in ein eigenes Leben ist oft schwierig“, sagt Dopatka. Die Frauen seien oft unselbstständig. Die Kinder wollen, dass die Familie zusammenbleibt und die Frauen wollen den Kindern den Vater nicht wegnehmen. Viele Frauen hoffen, dass sich die Lage von alleine ändert, oder dass sie gehen können, wenn die Kinder älter sind. Bei einer Rückkehr in die eheliche Wohnung werde oft der Einfluss der Kinder unterschätzt, die in ihre vertraute Umgebung zurückwollen.

Der Verein hat sich im Mai 2009 umstrukturiert. Seitdem haben die vier hauptamtlichen Mitarbeiterinnen, drei Sozialpädagoginnen und eine Bürokraft, von den Ehrenamtlichen die Organisationsarbeit übernommen. „Am Anfang haben wir aus der Not eine Tugend gemacht, jetzt haben wir festgestellt, dass es sich bewährt hat“, schildert Dopatka. Die Organisation sei dadurch insgesamt straffer geworden.

Zum Bedauern der Frauenhausbetreiberinnen gibt es noch keinen Rechtsanspruch auf Schutz und Unterstützung für die von Gewalt betroffenen Frauen. Länder und Kommunen fördern die Häuser auf unterschiedliche Weise. Deshalb können Frauen aus anderen Bundesländern nicht schnell und unbürokratisch aufgenommen werden, da zuerst eine Kostenzusage des Herkunftslandkreises vorliegen müsse. Dabei sei es für manche Frauen lebenswichtig, weit weg zu kommen. Erst nach einem Bericht zur Lage der Frauenhäuser wolle die Bundesregierung weitere Entscheidungen treffen.