Lokales
Ein Abend als Filmvorführer

Die Familie Frech ist aus Kirchheims Kinogeschichte nicht wegzudenken. Seit über 50 Jahren bringt die Familie die schönsten Filme in die Stadt. Vanessa Frenz hat Eberhard Frech einen Abend lang begleitet.

Eberhard Frech ist stolz auf seine Kinos. Das merkt man an der Art, wie er über sie spricht. Mit Begeisterung und viel Fachwissen erklärt er mir Technik und Abläufe im Central und Tyroler, den beiden Kirchheimer Kinos. Dass er sich so gut auskennt, ist kein Wunder: Die Frech-Kinos sind seit jeher ein Familienbetrieb. Eberhard Frechs Vater eröffnete das erste vor über 50 Jahren. So wuchsen seine Kinder mit dem Hobby „Kino“ auf. Seitdem er die Häuser übernommen hat, schaut Eberhard Frech fast jeden Tag nach der Arbeit vorbei, um nach dem Rechten zu sehen. Und er erlebt da so einiges, auch unabhängig von regulären Filmvorführungen: Schüler, die ihre selbst gedrehten Filme vorführen, Feiern von Musikvereinen. Einmal gab es sogar einen Werbespot inklusive Heiratsantrag.

Welche Filme gezeigt werden, bestimmen Eberhard und seine Frau Ulrike Frech selbst. Für ihr herausragendes Programm wurden sie schon zweimal ausgezeichnet. Bei manchen Filmen zeigen sie die originalsprachliche Fassung. Lohnt sich das überhaupt, frage ich mich, aber Eberhard Frech meint, man würde sich wundern, wie viele Leute in Kirchheim spanisch sprechen.

Ulrike Frech kümmert sich um das Bestellen der Filme, um Plakate und Fotos. Dazu ruft sie bei einer der 30 Filmdispos an – einer Art Videothek für Kinobesitzer. Trailer werden automatisch mitgesendet. Manche davon müssen sogar gezeigt werden. Zum Beispiel gehört der Trailer zur Comicverfilmung „Green Lantern“ fest zum Harry Potter-Finale und muss vor jeder Ausstrahlung des Filmes gezeigt werden.

Zur Arbeit des Vorführers gehört es, die Filme, die nicht mehr gezeigt werden, auseinanderzuschneiden. Sie werden in Kartons gepackt und um 2 Uhr nachts vom Spediteur abgeholt, der sie durch die neuen Filme ersetzt. Jeder Polyesterstreifen beinhaltet Bild- und Tonspur für zirka 20 Minuten Film. Am nächsten Morgen werden diese vom Vorführer zusammengeklebt.

Einlass im Central-Kino. Popcorn groß kostet vier Euro, die Eintrittskarte für Harry Potter fünf Euro. Dann wird der Film eingelegt. Der Vorführer schaut den Film anschließend mit– man muss ja überprüfen, ob alles glatt geht. Allerdings ist das nur die ersten drei Tage der Woche witzig, es verliert seinen Charme, wenn man die Filme zum dritten, vierten, fünften Mal sieht. Grundsätzlich, mit einigen Ausnahmen, weiß sich das Kirchheimer Publikum zu benehmen. Stressig wird’s für die Kinobetreiber nur, wenn es technische Störungen gibt. Manche kann Eberhard Frech selbst beheben, aber zirka einmal im Jahr gibt’s ein größeres Problem. Dann aber garantiert am Wochenende.

Ein bisschen verschlissen sieht das Central-Kino schon aus. Gerne würde der Kinobesitzer investieren, vielleicht 3D einführen. Aber lohnt sich das? Es sieht schlecht aus, wenn das große Kino auf dem Ficker-Areal gebaut wird. Um das Tyroler macht sich Eberhard Frech aber keine Sorgen. Die Filme, die dort gezeigt werden, sind ganz andere als bei den großen Kinoketten.

Hinter den Kulissen des Kinos ist es eng. Es stapeln sich Getränkekisten. Eine schmale Treppe führt zum Raum, in dem steht das Filmteller-System: drei große, waagrechte Metallplatten übereinander. Eine zur Aufbewahrung eines Films, eine für den gerade gespielten Film und eine, um den Film wieder so aufzurollen, dass man ihn nicht nach jeder Vorstellung wieder zurückspulen muss. Es schwirren gerade Filmbänder zu Harry Potter durch die Luft. Nebenan, von wo das Bild nach draußen projiziert wird, ist es brütend heiß, dank der Projektionsgeräte. Die produzieren, abgesehen von Film, hauptsächlich eines: Krach. Es rattert und knattert so laut, dass man kaum glauben kann, dass die Zuschauer im Saal gar nichts bemerken. Ungefähr 20000 Euro ist eine solche Projektionsmaschine wert. Für Werbung wird die ältere der beiden Maschinen benutzt, für den Hauptfilm die neue.

Am späten Nachmittag öffnet auch das Tyroler-Kino seine Pforten. Es ist ein sogenanntes „Art House“, also ein kleines Kino, das künstlerisch anspruchsvolle Filme zeigt. Es hat eine beschauliche Sitzanzahl von 56 Plätzen. Eben ein privater Betrieb, viel persönlicher und gemütlicher als die Kinoketten, in denen man für einen Pack Haribo 30 Minuten anstehen muss. Eine sehr alte Kinomaschine steht im Foyer. An ihr zeigt Eberhard Frech Schulklassen, wie früher Kino gemacht wurde.

Obwohl es immer heißt, Kino.to und andere Portale würden echte Kinos in den Ruin treiben, kann sich Eberhard Frech nicht beschweren. Die Zuschauerzahlen sind gewachsen, wenn ihnen die Einführung von 3D auch zwischenzeitlich einen kleinen Dämpfer verpasst hat. Gegen den Charme, den so ein kleines, privates Kino hat, können langsame DivX-Ladezeiten eben nichts ausrichten. Nach zweieinhalb Stunden intensiver Kinokunde trete ich die Heimreise an. Es regnet in Strömen, der Kinobesitzer bietet an, mich nach Hause zu fahren. Das wäre mir in einem großen Kino vermutlich auch nicht passiert.

 

Fotos: Jörg Bächle