29.08.2010 - 15:22 Uhr

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Herzklopfen beim Blick in die Mailbox

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Kirchheim. Als „Christel von der Post“, in Gelb gekleidet, betritt Chris­tiane Maschajechi die kleine Bühne in der Stadtbücherei. Währenddessen aus dem Gettoblaster die bekannte Melodie aus der Operette

Brigitte Gerstenberger

„Der Vogelhändler“ schallt und Maschajechi, gar lustig anzuschauen, dazu im Playback-Verfahren ihre mimischen Künste zum Besten gibt. Der letzte Akt des diesjährigen Sommer-Programms der Stadtbücherei hatte am Freitagabend begonnen und stand unter der Überschrift „Ich schenk Dir eine Rose!“ Eine Lesung, bei der die Schauspielerin „das Briefgeheimnis bewusst hinterging“, zitiert sie doch aus einem unerschöpflichen Liebesbrief-Fundus vom Mittelalter bis hin zur Liebeserklärung per E-Mail oder SMS.

Der Magie zärtlicher Worte kann sich wohl niemand entziehen. Auch wenn sie ein wenig aus der Mode gekommen sind, die richtigen Worte für einen Liebesbrief zu finden, ist heute wie damals nicht immer einfach. Ob Schüler oder Blackberry-Besitzer, in Zeiten, in denen sich immer schwerer getan wird mit einfachem Schreibgerät umzugehen und Texte ohne Autokorrekturfunktion zu formulieren, hat der klassische Liebesbrief an Bedeutung verloren.

Gleichwohl bereitet zu allen Zeiten das Schreiben von Liebesbriefen dem Verfasser zuweilen einiges an Kopfzerbrechen. So haben Forscher der Universitá di Siena in der Biblioteca Capitolare in Verona, der Stadt Romeos und Julias, eine Anleitung zum Verfassen von Liebesbriefen aus dem 12. Jahrhundert entdeckt. Auf Pergament geschrieben rät der mittelalterliche Liebesexperte unter anderem „die Schönheit der Angebeteten mit wertvollen Edelsteinen zu vergleichen“. Minnesänger wurden beauftragt, ein Liebesliedlein vor dem Fenster der Geliebten zu trällern. Und wer zu Federkiel und Briefpapier griff, konnte freilich nicht die Individualität seiner Handschrift verleugnen. Zwar fehlt die persönliche handschriftliche Note bei der E-Mail oder der SMS, dennoch kann ein digitaler Liebesbrief, versehen mit Smileys oder Emoticons, Videos, Bildern oder Musikdateien durchaus Herzklopfen verursachen. Und wie Christiane Maschajechi lebhaft zeichnend dem Publikum demonstrierte, hat die gesamte Telekommunikation mittlerweile den Liebesbrief revolutioniert. So werden zwischenzeitlich SMS-Strichcodes versandt, die selbst eine Rose erblühen lassen. Kürzel, erfunden in schnelllebigen Zeiten, als SMS-Funktionen lediglich Platz für Texte mit bis zu 160 Zeichen boten.

Robert Schumann, im Reich der Töne ein Götterliebling, und in seinen Liebesbriefen an Clara Wieck ein sensibler Träumer, er hatte längst einen Masterplan entwickelt, wie er die junge, berühmte Pianistin unters eheliche Joch zwingen konnte. Charakterlich wies das Genie offensichtlich einige Schwächen auf, die allerdings von Biografen meist verschwiegen wurden. 1840 ging Schumann aus dem berühmtesten Eheprozess der Musikgeschichte als Sieger hervor. Aus dem dreijährigen Liebeswerben um die minderjährige Clara zitierte Maschajechi: „Sind sie noch treu und fest? So unerschütterlich ich an sie glaube, so wird doch auch der stärkste Mut an sich irre, wenn man gar nichts von dem hört, was einem das Liebste auf der Welt.“

Auch eine andere Beziehung war legendär, diese begann 1958, als die zwanzigjährige Romy Schneider nach Paris ging, um sich auf den Film „Christine“ vorzubereiten. Sie war der europäische Filmstar und Alain Delon mit seinen 23 Jahren ein talentierter, aufstrebender Schauspieler. Als der Film in Wien mit Schneider und Delon gedreht wurde, flogen die Liebesfunken. Zu Romy Schneiders Tod schrieb er später: „Adieu ma Puppele! Mein Püppchen, ich schaue dich an, immer wieder. Ich will dich mit meinen Blicken verschlingen und dir immer wieder sagen, dass du nie so schön und ruhig warst! Ruh dich aus! Ich bin da. Ich habe von dir ein wenig Deutsch gelernt. Die Worte: Ich liebe dich! Für immer“.

Liebeserklärungen von heiter bis wolkig. Poetisches Liebesgeflüster von Erich M. Remarque an Marlene Dietrich oder der satirische „Heiratsantrag eines Filmschauspielers“ von Loriot. Heute hingegen können Liebeserklärungen zu jedem Zeitpunkt romantisch und originell in die Mailbox flattern. Ob man allerdings die schnelle Liebesbotschaft, heruntergescrollt auf einem kleinen Display, als wirklich verträumt empfindet, ist jedem selbst überlassen.

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