Kirchheim/Stuttgart. Regentropfen prasseln auf den schwarzen Zylinder und das glänzende Horn nieder. Passanten eilen mit Schirmen vorbei und die Marktleute haben sich in dicke Pullover und Jacken gehüllt. Rudolf Diebetsberger scheinen die
Bianca Lütz-Holoch
widrigen Wetterbedingungen kaum zu stören. „Vom Horn spielen wird mir warm“, winkt der 67-Jährige ab und zieht seinen schwarzen Frack etwas enger um sich. „Vielleicht hätte ich heute aber einen Pullover drunterziehen sollen.“ Er stellt einen Stuhl, drei Plakate, seinen Verstärker und eine indische Klangschale vor dem Kirchheimer Marktbrunnen auf, legt die Begleit-CD ein – und spielt. Zuerst Mozarts Hornkonzert Nr. 1, dann „My Way“ in einer Fassung für Saxofon. Schon als die ersten satten Klänge des Waldhorns ertönen, drehen sich die Menschen um. Sie lächeln und bleiben trotz Kälte und Regens kurz stehen. Einige Marktleute klatschen. Ein bisschen ist es, als würde Rudolf Diebetsberger mit seiner Musik tatsächlich Wärme verbreiten.
Im übertragenen Sinne trifft das auf jeden Fall zu. Der Orchestermusiker, der im österreichischen Freinberg nahe Passau geboren wurde und heute in Stuttgart lebt, hat früher für die Wiener Symphoniker und zuletzt jahrelang für die Stuttgarter Philharmoniker gespielt. Seit er pensioniert ist, stößt er jedoch für einen guten Zweck ins Horn – auf der Straße, auf dem Weihnachtsmarkt, auf Geburtstagen, bei Hochzeiten oder Firmenfesten. „Ich spende all das Geld, das ich mit meinen Auftritten einnehme, an die Andheri-Hilfe“, sagt Diebetsberger.
Und dann erzählt er. Er berichtet von den Hilfsprojekten der Organisation in Indien und Bangladesh, von Kindern, die einfach auf der Straße herumliegen, und Mädchen, die in ihrem Land kaum etwas wert sind. Und davon, dass es gerade einmal 40 Euro kostet, einem blinden Menschen das Augenlicht wiederzugeben. Wie viel es für Erblindete wert ist, wieder sehen zu können, wurde dem Hornisten klar, als er vor einigen Jahren zufällig einen Film über die Arbeit der Andheri-Hilfe sah: „Ein vier- oder fünfjähriges Mädchen, das zuvor blind gewesen war, konnte sich zum ersten Mal in Spiegel anschauen. Zu sehen, wie es lacht, war so schön.“
Das war der Moment, als Rudolf Diebetsberger beschloss, sich ganz aktiv für andere einzusetzen. „Ich habe so ein schönes Leben gehabt, jetzt möchte ich etwas zurückgeben.“ 2004 organisierte er erstmals ein Benefizkonzert mit den Stuttgarter Philharmonikern für die Andheri-Hilfe. Als er vor zwei Jahren pensioniert wurde und sich auf eine Pilgerreise auf den Jakobsweg begab, kam ihm plötzlich der Gedanke: „Warum soll ich nicht alleine weitermachen?“
Seither zieht Diebetsberger in Süddeutschland mit seinem Horn und Playback-CDs von Stadt zu Stadt, um Geld für die Andheri-Stiftung und da speziell für Straßenkinder und Blinde zu sammeln. Für Privatveranstaltungen und Feste legt der Idealist auch weite Wege zurück. „Es gibt ja billige Flüge heute“, sagt er. Eine Gage nimmt der Hornist nicht, Reisekosten und notwendige Übernachtungen erbittet er sich aber von seinen Auftraggebern. In seinem Repertoire hat der Musiker, der seit 46 Jahren Waldhorn spielt, so ziemlich alles von Mozart bis Michael Jackson: Marschmusik und Walzer, Klassik und Musicals, aber auch Gospels und Popmusik.
Was bei Privatveranstaltungen an Einnahmen zusammenkommt, kann sich sehen lassen. Wenn es gut läuft, erreicht Diebetsberger den vierstelligen Bereich. Auf der Straße wird es schwieriger. Da sind Standort und Wetter entscheidend. Die Bedingungen in der Teckstadt gestern waren freilich alles andere als ideal. „An solchen Tagen nehme ich fast nichts ein“, weiß Diebetsberger aus Erfahrung. Trotzdem harrt er aus, versucht seinen Verstärker vor Nässe zu schützen und wärmt sich dann und wann mit einem Kaffee auf.
Insgesamt hat der Hornist seit 2004 bereits 40 000 Euro für die Adheri-Stiftung erspielt. Jeden Einzahlungsbeleg bewahrt er sorgfältig in einer Mappe auf, die er auch freimütig herumzeigt. „Ich habe nichts zu verbergen“, betont der 67-Jährige. Umso mehr bekümmert es ihn, dass ihm bei seinen Streifzügen als Straßenmusiker immer wieder Steine in den Weg gelegt werden. „Ich habe so viel Ärger und Schwierigkeiten“, klagt Rudolf Diebetsberger. Oft seien es die Behörden, die ihm mit strikten Auflagen für seine Auftritte in den Städten zu schaffen machten. Einmal habe er sogar seine Klangschale, in der er das Geld sammelt, gegen eine geschlossene Büchse austauschen sollen. „Als würde ich da etwas herausnehmen und mich bereichern“, sagt Diebetsberger und schüttelt verständnislos den Kopf. „Ich mache das doch alles für einen guten Zweck.“
Vorgenommen hat sich der Orchestermusiker, mit seinen Auftritten die 100 000-Euro-Marke zu erreichen. „So lange halte ich aber nur durch, wenn ich nicht noch mehr Schwierigkeiten bekomme“, sagt Rudolf Diebetsberger und wünscht sich etwas mehr Entgegenkommen und Unterstützung bei seinem Kampf gegen die Armut in Indien und Bangladesh.
Rudolf Diebetsberger ist unter der Telefonnummer 07 11/69 53 62, unter der Handynummer 01 72/5 67 39 62 sowie per E-Mail unter r.diebetsberger@freenet.de erreichbar. Weitere Informationen zur Andheri-Hilfe gibt es auf der Homepage der Organisation, www.andheri-hilfe.de.

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