Neidlingen. Eine hartnäckige Malaria-Erkrankung, politische Unruhen und gar die Furcht vor einer Entführung durch Al Kaida während ihres letzten Aufenthalts in Westafrika – all das konnte Regina Fährmann nicht davon abhalten, im Oktober erneut
zum „Schwarzen Kontinent“ aufzubrechen. Wieder wird sie bis zum Beginn der Regenzeit im kommenden Frühjahr auf ihrem Fahrrad, mit Eselskarren oder per Bus auf Schotterpisten von Dorf zu Dorf ziehen und mit Gruppen vor Ort Schattentheaterstücke einüben und aufführen, um über Aids und die Genitalverstümmelung (FGM) von Frauen aufzuklären.
Schon vor einem Jahr hatte die 69-Jährige in Neidlingen ihre „Zelte“ abgebrochen, zog aus dem gemieteten Haus aus und startete eine achtmonatige Reise nach Afrika. Von einer Malaria-Erkrankung geschwächt, musste sie bei den Proben im Liegen Regie führen. Trotz der oft widrigen Umstände – Burkina Faso scheint für Regina Fährmann auch durch zahlreiche enge Kontakte zu Einheimischen fast zehn Jahre nach ihrem ersten Besuch inzwischen eine zweite Heimat geworden zu sein. In Dörfern ohne Elektrizität und Handy-Empfang dient ihr auf ihren Reisen ein kleines Kurbelradio häufig als einzige Verbindung zur Außenwelt. Wochenlang schläft sie in Moskitozelten, Nächte in einer Rundhütte ohne Tür und Fenster stellen da bereits einen regelrechten Luxus dar.
Was Regina Fährmann antreibt, erneut all die Strapazen auf sich zu nehmen, ist das Wissen, dass sie mit ihren eindringlichen Aufführungen ein Umdenken der Einheimischen bewirken kann. Bei den Schattentheaterstücken erfahren die Menschen oft zum ersten Mal die medizinischen Zusammenhänge, denn über Sexualität und Beschneidung zu reden, ist ein großes Tabu. Dabei arbeitet die Neidlingerin mit ganz einfachen Mitteln: Ein Leintuch, Figuren aus Karton oder Schlauchreifen und Taschenlampen zur Beleuchtung genügen, um den Zuschauern selbst erschütternde Szenen vor Augen zu führen. So greift ein Stück beispielsweise die auf die Genitalverstümmelung zurückzuführende Thematik der vielen Totgeburten auf. Von Tränen geschüttelt erzählt eine Frau ihrem Mann in einem Stück, dass ihr Kind gestorben sei, weil es aufgrund der Narben nicht rechtzeitig geboren werden konnte. „Schattentheater ermöglicht auf sensible Weise, die Menschen zum Nachdenken und Sprechen zu bringen“, so die Erfahrung Regina Fährmanns. Der Leiter einer Krankenstation beglückwünschte sie vergangenes Jahr zu ihrem Erfolg: „Ihr habt geholfen, ein Blatt in der Geschichte des Dorfes Ouahabou zu wenden durch eure Aufklärung.“ Immer wieder hätten ihm Menschen erzählt, wie sehr sie das Schattenspiel beeindruckt habe und dass sie nun verstehen würden, warum die Genitalverstümmelung aufhören sollte.
In ihren Rundbriefen, die sie in unregelmäßigen Abständen an die Mitglieder des Förderkreises Aids- und FGM-Aufklärung sendet, berichtet Regina Fährmann von solchen Glücksmomenten. Verkraftet werden muss aber auch, wenn einer der teilweise selbst an Aids erkrankten Spieler stirbt. Und mitunter bleiben Spannungen zwischen Gruppenmitgliedern nicht aus. Da fehlt plötzlich der Übersetzer und Leiter einer Truppe, weil er von heute auf morgen das Handtuch geworfen hat, und Regina Fährmann verschweigt auch nicht, dass es bei aller Herzlichkeit auch Konflikte zwischen ihr und Mitgliedern der Großfamilie Kotanabou, wichtige Anlaufstelle für sie bei ihren Afrikareisen, gibt. Durch die doch sehr großen kulturellen Unterschiede komme es unweigerlich immer wieder zu Missverständnissen.
Die Spieler gehen bis an den Rand der Erschöpfung: „Es ist erstaunlich, wie sie müde und staubig von der Feldarbeit ins Dorf zurückkehren und wenig später mit dem Aufbau der Bühne beginnen“, erzählt die Neidlingerin. „Dafür müssen beindicke Holzständer in die Erde gerammt werden. Mit schwieligen Händen bewegen sie dann bei der Aufführung die Stabfiguren so geschickt, dass das Publikum das Spiel mit Staunen erlebt.“ Wie beim Schattentheater selbst, liegen Licht und Schatten bezüglich des Erfolgs der Aufklärung stets nah beieinander: Während die Zuschauer das Spiel in einem Dorf gebannt verfolgen und sich der Sohn des Regionalkönigs beispielsweise gegen die Beschneidung ausspricht, protestieren die Menschen bei anderen Aufführungen, indem sie vorzeitig nach Hause gehen.
Ob „Katjana“ oder „Pognabou“ – in Kassana, der Sprache der Gourounsi, trägt das Schattenspiel gegen Beschneidung einen anderen Titel als in Guormantché. Inhaltlich gestaltet Regina Fährmann die Stücke jeweils gemeinsam mit den verschiedenen Ethnien, damit die Botschaft bei den Menschen ankommt. So entwickelte sie zusammen mit einer Gruppe ein Folgestück zum ersten FGM-Schattenspiel. „Das wollen wir überall dort zeigen, wo die grauenvolle Praxis der Beschneidung fortbesteht, trotz des Verbots und der Androhung von Gefängnisstrafe.“
„Ich würde mir wünschen, dass mich jemand auf meinen Reisen durch Afrika unterstützt“, gibt Regina Fährmann unumwunden zu. Auch wenn das nicht durch ein Begleiten möglich ist, so ist ihr auch durch eine Mitgliedschaft im Förderkreis Aids- und FGM-Aufklärung geholfen, bestreitet sie ihre Reisen doch ausschließlich aus Spendengeldern. Dabei lässt sich in Afrika bereits mit wenig Geld eine Menge erreichen. Eine Aufführung kostet rund 50 Euro. Davon werden auch die Schattenspieler bezahlt, die damit ihre Familien ernähren können.
Nähere Informationen gibt es im Internet unter der Adresse www.feuervogel.org. Spenden werden entgegengenommen auf dem Konto 42 015 006, Bankleitzahl 612 612 13.
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