Eine Hängebrücke ist eine wacklige Sache. Doch sie kann Leben retten und helfen, tiefe Schluchten zu überwinden, um wieder festen Boden zu erreichen. Genau das ist das Ziel des neuen Projekts „Hängebrücke“, das Kindern aus suchtkranken Familien Halt bietet.
Irene Strifler
Kirchheim. Weit über zwei Millionen Kinder in Deutschland leben in Familien mit einem suchtkranken Elternteil. Die Sucht stellt meist das zentrale Problem im Alltag dar und belastet beileibe nicht nur die Eltern. Das ist auch in allen pädagogisch tätigen Einrichtungen in Kirchheim bekannt. Drei davon haben sich nun zusammengeschlossen und das Projekt „Hängebrücke“ auf die Beine gestellt, das durch die Teckboten-Weihnachtsaktion gefördert wird. Hier sollen Kinder zwischen zehn und zwölf Jahren, die aus Suchtfamilien stammen, unterstützt werden. Ziel ist, ihnen eine möglichst sorgenfreie Kindheit zu ermöglichen und ihnen eine Perspektive für ein späteres Leben ohne Sucht zu schaffen.
Die Idee zu diesem Projekt wurde beim Kirchheimer Pädagoginnentreff geboren. Drei Institutionen haben nun die Sache in die Hand genommen: der Kinderschutzbund, die Suchtvorbeugungsstelle des Landkreises und das Frauenhaus. Bei allen Einrichtungen ist Sucht ein großes Thema. Christiane Heinze von der Suchtprophylaxestelle des Kreises fasst das Problem zusammen: „Ein Drittel der Kinder aus Suchtfamilien haben als Erwachsene selbst mit schweren Problemen zu kämpfen, etwa Süchten oder Depressionen.“ Bei einem weiteren Drittel stellen sich ebenfalls Folgen ein, allerdings weniger schwerwiegende. Diesen Kreislauf will das Projekt unterbrechen. Es geht darum, sich zu trauen, die Brücke zu nutzen, Balance zu halten, Stärken und Schwächen kennenzulernen.
Dass der Bedarf auch in Kirchheim groß ist, steht außer Frage. „Es ist erschütternd, was Kinder alles mitkriegen“, weiß Ursula Umhey aus langjähriger Erfahrung ihrer Arbeit beim Kinderschutzbund. Was die Kinder wollen, ist eine heile Familie, denn auch Kinder suchtkranker Eltern lieben ihre Eltern über alles. Sie schützen sie, leiden oft an Schuldgefühlen und fühlen sich einsam. Fast immer verbergen sie alle Probleme, denn Süchte sind noch immer tabuisiert. „Betroffene Kinder haben das Gefühl, dass sie unbedingt funktionieren müssen“, bringt es Ulrike Beck-Kley vom Kinderschutzbund auf den Punkt. Sie wollen der Familie nicht noch zusätzliche Schwierigkeiten bescheren. Wenn sie von der Schule nach Hause kommen, schultern sie oft den Haushalt und die Betreuung der Geschwister. Sie übernehmen viel zu viel Verantwortung, anstatt ihre Kindheit genießen zu können.
„Wir wollen den Kindern Verlässlichkeit bieten und Kontinuität in der Betreuung“, sagt Irmgard Pfleiderer, die im Frauenhaus als Sozialpädagogin für Kinder zuständig ist. Doch erst mal muss das Tabu gebrochen werden. Das Kind muss spüren: Hier darf ich über mein Problem sprechen, hier geht es anderen ähnlich. Die Voraussetzung dafür ist Vertrauen. Das entsteht nicht von heute auf morgen. Deswegen wird die Gruppe auch möglichst abwechslungsreich gestaltet. Geleitet wird sie von einer jungen Sozialpädagogin. Gesucht wird auch noch eine männliche Betreuungsperson. Geplant sind nicht nur Therapiegespräche, sondern Ausflüge, Spielenachmittage und vieles mehr.
Auch die Eltern gilt es einzubinden. Elternabende und bei Bedarf Einzelgespräche sollen zu einem umfassenden Hilfsnetz führen. Die Kinder wiederum sollen in ihrem Selbstvertrauen gestärkt werden, damit sie lernen, mit ihren Problemen umzugehen. Sie werden darin unterstützt, eine positive Auffassung über das Leben zu entwickeln und aufrechtzuerhalten, denn Kinder suchtkranker Eltern brauchen die Aussicht auf eine gute Zukunft.
Das Projekt „Hängebrücke“ steckt in den Startlöchern. Es richtet sich in erster Linie an Zehn- bis Zwölfjährige. „In diesem Alter werden wichtige Weichen gestellt, außerdem besteht meist große Verunsicherung in Bezug auf den Übergang in eine weiterführende Schule“, erläutern die Sozialpädagoginnen. Die Kinder treffen sich voraussichtlich jede Woche. Dahinter steckt die feste Überzeugung, dass es leichter ist, eine Hängebrücke gemeinsam mit anderen zu überqueren. Fachkundige Hilfestellung erleichtert die Überquerung zudem. Dennoch bleibt die Hängebrücke eine wacklige Sache.
Wer sich für das Projekt „Hängebrücke“ interessiert oder sein Kind anmelden möchte, ist beim Kinderschutzbund unter der Nummer 0 70 21/7 45 44 oder der E-Mail-Adresse kinderschutz-kirchheim-teck@web.de richtig.
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