Den Eröffnungsvortrag der archäologischen Fachtagung zum Kirchheimer Jubiläumsjahr hielt Dr. Horst Wolfgang Böhme aus Mainz, emeritierter Professor für Frühgeschichte und Mittelalterarchäologie an der Philipps-Universität Marburg. Kirchheim ist ihm alles andere als unbekannt: Wegen der alamannischen Gräberfunde im Paradiesle und im Rauner hat er sich schon oft mit Kirchheim beschäftigt.
Andreas Volz
Kirchheim. Bevor er sich näher mit den Kirchheimer Gräberfeldern aus dem 6. und 7. Jahrhundert befasste, ging Horst Wolfgang Böhme im Kornhaus auf die Besiedlung des einstmals römischen Limeshinterlands um das Jahr 300 ein, ganz wie es seinem Vortragsthema entsprach: „Die Region um Kirchheim zwischen Völkerwanderungs- und Merowingerzeit“. Dem Rätischen Limes sei schon 235 ein endgültiges Ende bereitet worden, während der Obergermanische Limes „noch bis in die 270er-Jahre einen bescheidenen Bestand“ gehabt habe. Also könne „von einem einmaligen Überrennen der gesamten Limesfront 259/260 durch die Germanen keine Rede mehr sein“. Die germanischen Stämme, die im Limeshinterland zu Beginn des 4. Jahrhunderts sesshaft wurden, seien von den Römern nicht nur geduldet, sondern möglicherweise sogar gefördert worden.
Allerdings sei keinesfalls von einer einheitlichen Volksgruppe auszugehen. Bei den elbgermanischen Stämmen – die aus der Region „zwischen Ostsee und Mittelgebirgen“ stammten, also zwischen Mecklenburg-Vorpommern und Böhmen – habe es sich um „kleine, voneinander unabhängige Siedlergruppen“ gehandelt. „Ein Zusammengehörigkeitsgefühl hat wohl kaum bestanden“, meint Horst Wolfgang Böhme. Dennoch hätten die Römer das Gebiet „Alamannia“ genannt und die Bewohner als „Alamanni“ bezeichnet – trotz deren „recht heterogener Zusammensetzung“. Wichtig war dem Frühgeschichtler aber die Feststellung: „Die Alamannen sind nicht als solche eingewandert, sondern wurden erst hier zu Alamannen.“
In Kirchheim sei eine alamannische Siedlung des 4. und 5. Jahrhunderts an der Stuttgarter Straße nachgewiesen – unmittelbar südlich der Lauter. In der Mitte des 5. Jahrhunderts sei die Siedlung wohl verlagert worden – in die heutige Dettinger Vorstadt, östlich der Lauter. Etwa 350 Körperbestattungen des 5. bis 7. Jahrhunderts seien in Kirchheim bislang freigelegt worden. Die Gesamtzahl der frühmittelalterlichen Gräber in Kirchheim schätzt Horst Wolfgang Böhme auf 800 bis 1 000, weswegen er auch feststellte: „Der Kirchheimer Alamannenfriedhof zählt zu den größten seiner Art.“
Die rund 170 Gräber, die beim Bau der Konrad-Widerholt-Schule 1970 im Rauner ausgegraben wurden, lassen einerseits „nur eingeschränkte Aussagemöglichkeiten“ zu, sagte der Fachmann. Andererseits aber gebe es einen „äußerst positiven Aspekt dieser Kirchheimer Nekropole“: Nur 21 Prozent der Gräber, die 1970 untersucht wurden, seien „antik beraubt“. Nehme man die Gräber hinzu, die 1995 in unmittelbarer Nähe gefunden wurden, sinke dieser Wert sogar auf 17 Prozent. Anderswo dagegen liege der Wert bei 80 bis 90 Prozent. Folglich seien die Kirchheimer Alamannengräber trotz aller Einschränkungen „eine außerordentlich wichtige Quelle“.
Bei den Gräbern, die 1970 entdeckt wurden, gebe es vier Bestattungen, die durch reiche Beigaben auffallen und die außerdem recht dicht beieinanderliegen. Horst Wolfgang Böhme sprach deshalb von einer „besonderen Familie“, die dort zwischen 550 und 580 ihren eigenen Grabbezirk gehabt hatte. Seit Mitte des 6. Jahrhunderts habe die Zahl der Bestattungen „spürbar“ zugenommen, was der emeritierte Professor auf den Zuzug einer neuen Bevölkerungsgruppe zurückführt: Die Zuzügler stammten wohl aus fränkischem Merowingergebiet und gehörten zur neuen Oberschicht, seit die Merowinger 537 die Herrschaft über Alamannia von den Ostgoten übernommen hatten. In den besonders prächtig ausgestatteten Gräbern im Rauner könnten demnach solche Vertreter der neuen fränkischen Ordnungsmacht gelegen haben.
Zu den auffälligen Grabbeigaben gehören vollständige Bewaffnungen, aber auch Pferdezaumzeug und andere Reitutensilien als Symbol für einen berittenen Krieger. Mitunter wurden sogar Pferde in der Nähe von Kriegern bestattet. Außer diesen eher martialischen Grabbeigaben finden sich aber auch Schmuckstücke, in einem Fall sogar Schuhe mit Silberschnällchen, Tongefäße und diverse christliche Gegenstände. Am auffälligsten diesbezüglich sind die Goldblattkreuze, die manchen Toten auf einem Schleier über das Gesicht gelegt wurden.
Diese Sitte war vor allem im Langobardenreich südlich der Alpen verbreitet, führte Horst Wolfgang Böhme aus. Die Frau, die als erste mit Goldblattkreuz in Kirchheim bestattet wurde, gilt deshalb allgemein als Langobardin. Durch Krieg und Handel seien viele Alamannen nach Oberitalien gekommen und hätten von dort Sitten und Gebräuche ebenso mitgebracht wie die neueste Mode oder auch entsprechende Schmuckstücke. In dem Fall jener Frau aus Grab 87 dürfte sich ein „Kirchheimer“ sogar eine Frau aus Italien mitgebracht haben.
In einem anderen Fall wartete Böhme mit einer gewagten neuen Hypothese auf: Bei allen herausragenden Bestattungen im Rauner lassen sich Paarbeziehungen zuordnen. Bei einer etwa 50-jährigen Frau dagegen, der Böhme ein fünfjähriges Mädchen mit auffallend reichen Grabbeigaben zuordnete, fehlt der Mann. Er könnte natürlich in der Fremde gestorben sein oder an einer anderen Stelle in Alamannia begraben liegen. Er könnte aber auch – so die Spekulation des Referenten – in der heutigen Martinskirche bestattet worden sein: „Dort wurde ein knapp 50-jähriger Mann in einer sorgfältig aus Stein gebauten Grabkammer zur letzten Ruhe gebettet.“
Sollte diese These richtig sein, würde das bedeuten, dass es unterschiedliche kultische Auffassungen sogar innerhalb einzelner Familien gab. Zum Ausdruck kommen sie darin, dass man sich als Angehöriger der Oberschicht zur selben Zeit entweder mit Goldblattkreuz in einem Reihengräberfeld bestatten ließ oder in einer Kirche. Das Goldblattkreuz steht für die alamannisch-langobardische Tradition, das Begräbnis in einer Kapelle ist ein Zeichen der neuen fränkischen Kultur. „Wohl kaum zufällig“, stellt Horst Wolfgang Böhme in einer Kurzbeschreibung seines Vortrags abschließend fest, „war dieser erste christliche Sakralbau am Ort, der daher schon bald Kirchheim genannt wurde, dem fränkischen Nationalheiligen Martin geweiht.“

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