Noch immer gibt es weltweit 23 000 Atomwaffen, viele davon jederzeit einsatzbereit. Mindestens 20 lagern in Büchel in der Eifel. Zum dritten Mal setzte sich am Samstag die Pacemakers-Regio-Radtour für eine atomwaffenfreie Welt ein. Die von der Zukunftswerkstatt Kirchheim und anderen organisierte Tour, diesmal mit 70 Mitfahrern, findet immer mehr Unterstützer.
PETER DIETRICH
Kirchheim. Bevor sich die Teilnehmer der Pacemakers-Regio-Radtour auf ihre Sättel schwingen, erhalten sie von Dekanin Renate Kath und Pastoralreferent Reinhold Jochim einen ökumenischen Reisesegen – für viel Schatten, Bewahrung vor Unfällen und gute Begegnungen. Mit dabei sind Jugendliche aus Südkorea, Russland, der Ukraine, Spanien und den USA. Sie besuchen derzeit ein dreiwöchiges internationales Workcamp in der Begegnungsstätte Mutlangen. Zur Unterstreichung des Anliegens sind viele Fahrräder bunt geschmückt, andere Fahrer haben ihre Forderung nach Abrüstung aufs T-Shirt geschrieben.
„Pacemaker, also Schrittmacher, sind nötig, denn es geht uns zu langsam“, sagt Karl-Heinz Wiest von Pax Christi Kirchheim bei der Auftaktkundgebung vor dem Kirchheimer Rathaus. Dass sich die USA und Russland im neuen Start-Vertrag verpflichtet hätten, die Zahl ihrer nuklearen Waffen zu verringern, sei ein großer Fortschritt. Doch leider blieben die Vorgaben der Vereinten Nationen in ihrem Aktionsplan zur atomaren Abrüstung sehr unverbindlich. Deshalb unterstütze die Radtour das Ziel der internationalen Vereinigung „Mayors for Peace“, der Bürgermeister für den Frieden: die Abschaffung aller Atomwaffen.
Elf der weltweit über 4 000 Bürgermeister für den Frieden stammen aus der Region, jüngst kamen Thomas Matrohs aus Deizisau und Matthias Ruckh aus Wolfschlugen zum Bündnis hinzu. Auch die Landräte der Landkreise Esslingen und Göppingen, Heinz Eininger und Edgar Wolff, zählten erstmals zu den offiziellen Unterstützern der Pacemakers-Regio-Radtour. Außerdem stehen in den angefahrenen Orten Kirchengemeinden, Parteien, Gewerkschaften, Vereine und Ladengeschäfte hinter dem Projekt.
Kirchheims Oberbürgermeisterin Angelika Matt-Heidecker trat den Mayors für Peace im Jahr 2005 bei. Sie erläutert bei der Startkundgebung ihre Gründe: „Ich habe einen Amtseid geleistet, dass ich die Verantwortung für die Bürgerschaft der Stadt Kirchheim trage. Bei einem Einsatz von Atomwaffen kann ich das nicht mehr. Deshalb ist es klar, dass wir uns für Abrüstung einsetzen müssen. Wir haben noch circa 20 Atomwaffen hier in Deutschland lagern. Es muss das Ziel sein, dass diese Waffen aus der Bundesrepublik verschwinden.“ Wegen vieler Termine fährt Matt-Heidecker die Tour nur bis Nürtingen mit. „Ich hoffe, dass das Signal trotzdem wirkt.“
Seit der letzten Tour habe sich einiges getan, freut sich Klaus Pfisterer von der Deutschen Friedensgesellschaft – Vereinigte KriegstdienstgegnerInnen (DFG-VK) Neckar-Fils. Es gebe einen neuen Start-Vertrag, US-Präsident Obama habe die Einsatzkriterien für sein Atomarsenal stark eingeschränkt. Der Bundestag habe in einem interfraktionellen Antrag den Abzug der US-Atomwaffen aus Deutschland gefordert. „Diese Entwicklungen machen uns Mut, aber wir sind nicht blauäugig.“ Die Atomwaffenstaaten Pakistan, Indien, Israel und Nordkorea müssten ihre Atomwaffenpotenziale offenlegen und in den internationalen Abrüstungsprozess einbezogen werden. Der Atomstreit mit dem Iran verlange eine faire Verhandlungslösung.
Leider gebe es auch Bremser der Abrüstung. So habe im April die Mehrheit der Nato-Außenminister den Abzug der Atomwaffen aus Deutschland als „verfrüht“ abgelehnt. Klaus Pfisterer fordert die Regierung auf, die im Koalitionsvertrag vereinbarte Zielsetzung umzusetzen, die in Deutschland verbliebenen US-Atomwaffen abzuziehen. Deutschland müsse atomwaffenfrei werden.
An drei Stationen auf der 70 Kilometer langen Rundtour, in Nürtingen, Köngen und Esslingen, versorgen die Gemeinden die Friedensradler mit Obst und Getränken. In Köngen gibt es neben einer Rede von Bürgermeister Hans Weil eine Vorführung des Kindergartens. Leider beginnt es nach Esslingen stark zu regnen, hinzu kommen Unwetterwarnungen der Polizei. So entscheiden sich die durchnässten Fahrer in Plochingen, die vierte Station Ebersbach auszulassen und direkt nach Kirchheim zurückzukehren. Die nächste Tour komme bestimmt, versichert Pfisterer.

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