In Kirchheim und Lenningen haben die Narren gestern die Rathäuser gestürmt
Narren erobern die Rathäuser

Kirchheim und Lenningen sind seit gestern wieder fest in närrischer Hand: Die Kloster-Deifel und die Lenninger Hexa haben am Schmotzigen Doschtig die Rathäuser gestürmt.

Rathaussturm mit Umzug in Oberlenningen
Rathaussturm mit Umzug in Oberlenningen
Kirchheim/Lenningen. „Holt mir die Geli aus dem Rathaus!“ Mit diesen Worten gab der Vize-Zunftmeister der Kirchheimer Kloster-Deifel, Uwe Walker, um punkt 17.17 Uhr den Kirchheimer Amtssitz frei zur Erstürmung. Kaum war das Kommando ertönt, strömten die Deifel von allen Seiten her ins Rathaus, musikalisch begleitet von den Adelberger Guggen „Domm Gloffa“. Die Machtübernahme und das Narrengericht wollten sich zahlreiche Kirchheimer nicht entgehen lassen: Sie beobachteten von unten aus, wie die Kloster-Deifel ein Rathausfenster nach dem anderen öffneten und schließlich ihr Banner ausrollten.

Mit ein paar Minuten Verspätung, aber dafür professionell und originell ausgestattet, erschien Kirchheims Oberbürgermeisterin Angelika Matt-Heidecker samt Gefolgschaft vorm Tribunal. In Anspielung auf das kommunalpolitische Top-Thema der vergangenen Monate hatten sich die Stadtchefin und zahlreiche Rathaus-Mitarbeiter in ein „Einbahnverkehr am Alleenring“-Outfit geworfen: Overall und Westen in Neongelb, Bauhelm und Hüte, die übersät waren mit Einbahnstraßen- und Kreisverkehr-Symbolen. Eine Steilvorlage, mit der die Oberdeifel allerdings nichts anzufangen wussten: Sie handelten das Aufregerthema in einem Satz ab.

Dafür überließen sie es dieses Jahr den Bürgern, die Fragen fürs Narrengericht zu stellen. „Wann wird das Hallenbad gebaut?“ lautete eine davon. „Ich verspreche, dass es gebaut wird“, sagte die Oberbürgermeisterin und nannte einen Zeitrahmen von fünf bis sechs Jahren. Kritik gab es am Zustand der Teck-Realschule. „Dort ist es zu kalt.“ Die Stadtchefin versicherte, dass die Planungen bereits liefen. Auf die Schippe genommen wurde zudem die Kirchheimer Räum- und Streuverordnung: Wie könne ein 2,50 Meter breiter Weg auf jeder Seite 1,50 Meter breit geräumt werden?

Aber auch Privates gab „die Geli“ preis: So erfuhren die Zuschauer, dass das Lieblingsstofftier der Oberbürgermeisterin ein Teddybär war und „Tears in Heaven“ von Eric Clapton noch immer ihr Lieblingssong ist. Das verordnete Zirkeltrainung absolvierte Angelika Matt-Heidecker tapfer – auch wenn mangels Bühne nur wenige Zuschauer gut sehen konnten: Sie bügelte und wusch, rührte Spätzles-Teig und fütterte – in Vorbereitung auf das, was der Neu-Schwiegermutter in absehbarer Zeit blühen könnte – ein ausgewachsenes Deifel-Baby mit der Flasche. Ihren Lohn dafür bekam die Stadtchefin allerdings nicht umsonst: Die Deifels-Tüte mit Utensilien erwarb sie, indem sie einen schweren Geldsack an Uwe und Karin Walker überreichte.

Lenningen war schon am Nachmittag in Narrenhand. Der Einladung der Lenninger Hexa waren nicht nur die Guggenmusiker Lez Fezz aus Wernau, sondern auch die Schurwald-Trolle und die Altbacher Neck‘r Hexa ond Deifl gefolgt. An der katholischen Kirche setzte sich der närrische Zug in Bewegung, von manch kleinem Fastnachter kritisch beäugt, sahen die Hexen, Teufel und Trolle doch gar fürchterlich aus. Sicher an Mamas Bein gedrückt, nahmen sie mit großen Augen, dann allerdings mit wachsendem Interesse, die Lutscher und Bonbons aus den Händen der seltsamen Gestalten entgegen. Und was ein echter Narr werden will, muss erst noch lernen. „Du musst kräftig rasseln“, forderte etwa Papa-Troll seinen Nachwuchs auf, der dann auch artig Krach machte, und seine Holzperlen mächtig klappern ließ.

Am Marktplatz angekommen, nahm die Party Fahrt auf. Von der lockeren Stimmung ließ sich mancher Besucher anstecken und fieberte dem Rathaussturm entgegen. „Wie wird der Schultes diesmal aussehen?“ lautete die Frage des Nachmittags. Die Rathaustreppe zierte ein Transparent mit dem Lenninger Tischkicker und ließ erste Vermutungen aufkommen. Doch weit gefehlt. Ein blondgelockter Bursche mit goldverziertem Jackett und Siegerlächeln trat aus der Rathaustür. „Richtig goldig sieht er aus“, lautete denn auch der Hexa-Kommentar. In einer kurzen Ansprache wurden Michael Schlecht liebevoll die Leviten gelesen und das Wichtigste aus Hexensicht proklamiert. Auch ihnen macht der Einwohnerschwund Sorgen, weshalb sie nach einer Lösung gesucht und prompt eine gefunden haben: Lenningen muss ein Promi-Flecka werden. Das geht ganz einfach, und zwar, indem der Schultes Nachfolger von Thomas Gottschalk wird und „Wetten, dass . . .?“ übernimmt.

Für seinen großen Auftritt im ZDF durfte er deshalb schon mal üben. Da die Lenninger Hexa dem Jugendtreff einen Tischkicker gespendet haben, lautete nun die Vorgabe: Wenn Michael Schlecht nicht alle drei Wetten gewinnt, muss er das erste Lenninger Tischkicker-Turnier organisieren. Zunächst musste er mindestens zehn Kinder finden, die mit ihm gemeinsam das Fliegerlied singen und dazu auch tanzen. Da der Schultes zwar schön geflogen und gesprungen ist, aber tapfer geschwiegen hat, war schon die erste Wette dahin. Bei der zweiten Wette lief es schon weitaus besser. Da gab es gar einen Bonuspunkt, weil er nicht nur drei Verwaltungsangestellte oder Gemeinderäte überreden konnte, die „Auf de schwäb‘sche Eisenbahne“ auf der Rathaustreppe sangen, sondern fünf. Ganz knapp verlor Michael Schlecht jedoch die dritte Wette. Er fand nicht aus jedem der sieben Lenninger Ortsteile einen Bewohner. Die verlorene Wette tat der Stimmung jedoch keinen Abbruch, im Gegenteil, denn die Jugendlichen können sich nun auf ihr erstes Tischkicker-Turnier freuen.

Und dass Michael Schlecht Thomas Gottschalk in Modefragen in nichts nachsteht, wurden die Zuschauer erst so richtig bei der Polonaise gewahr: Zum goldverzierten Jackett trug er stilsicher ein rotkariertes Hemd, Sepplhosen, Kniebundstrümpfe und Wanderschuhe.

 

INFO

Mehr Fotos von Jean-Luc Jacques und Jörg Bächle gibt es im Internet unter www.teckbote.de.