Im Dettinger Rathaus schnuppert derzeit eine Studentin aus Ungarn Praxisluft: Die 22-jährige Livia Magyar schwärmt von ihren „Kollegen“ und von der Landschaft rund um die Teck – aber auch von schwäbischen Leckereien wie Spätzle und Leberkäs‘.
heike allmendinger
Dettingen. Was ist ein amtlicher Veränderungsnachweis? Für viele Menschen, die in Deutschland leben, ist diese Frage wohl schwierig zu beantworten. Wie muss es dann erst der 22-jährigen Livia Magyar aus Ungarn ergehen, die zwar Verwaltungswissenschaft studiert – aber eben nicht die deutsche, sondern die ihres Heimatlandes?
Mit solchen und ähnlichen Schwierigkeiten sieht sich die junge Frau, die noch bis Ende September ein dreimonatiges Praktikum bei der Gemeindeverwaltung in Dettingen absolviert, derzeit fast täglich konfrontiert. Dennoch hat sie ein Strahlen im Gesicht, die Widrigkeiten und sprachlichen Probleme im deutschen Bürokratiedschungel scheinen Livia Magyar nichts anhaben zu können: „Im Rathaus sind alle sehr nett. Wenn ich etwas nicht verstehe, dann erklären sie mir es.“
Zu den Mitarbeitern der Dettinger Verwaltung, die der Studentin mit Rat und Tat zur Seite stehen, gehört auch Jörg Neubauer. „Wir versuchen, sie in den laufenden Betrieb einzubinden, damit sie die Arbeit im Rathaus kennenlernt“, sagt der Kämmerer. So hilft Livia Magyar im Bauamt, im Bürgerbüro und bei der Kämmerei mit. Außerdem ist sie bei den Dettinger Gemeinderatssitzungen mit von der Partie. „Hier lernt sie, wie das Zusammenspiel zwischen Verwaltung und Gemeinderat funktioniert“, fügt Jörg Neubauer hinzu.
Anfang Juli war Livia Magyar gemeinsam mit sechs weiteren Studenten der Corvinus-Universität in Budapest, mit der die Hochschule für öffentliche Verwaltung und Finanzen in Ludwigsburg seit 1989 eine Hochschulpartnerschaft pflegt, in den Kreis Esslingen gereist. Ihre Kommilitonen schnuppern seither bei den Gemeindeverwaltungen in Wendlingen, Wernau, Aichwald, Deizisau, Plochingen und Altbach Praxisluft. Ermöglichen konnten die beiden Hochschulen die Praktika der Studenten im Rahmen des EU-Programms „Lifelong Learning – Lebenslanges Lernen – Erasmus“ .
„Vor neun Jahren organisierten wir erstmals für ungarische Studenten der Partnerhochschule Praktika in Deutschland“, erzählt Peter Raviol von der Ludwigsburger Hochschule. Schon damals war Dettingen mit im Boot – und auch sechs Jahre später erhielt ein Student aus Ungarn einen Praktikumsplatz im Dettinger Rathaus.
„Zu den Voraussetzungen für ein Praktikum in Deutschland gehören nicht nur die Studiennoten, sondern auch gute deutsche Sprachkenntnisse und soziale Kompetenz“, betont Peter Raviol. Eine Vergütung für ihre Tätigkeit erhalten die Studenten nicht. Aber die Suche nach einer Unterkunft für die jungen Leute übernehmen die Kommunen, bei denen die Praktika stattfinden. Im Fall von Livia Magyar musste man in Dettingen nicht lange überlegen, wo die 22-Jährige während ihres Aufenthalts im Kreis Esslingen unterkommen soll – schließlich wohnt die Tante der jungen Frau in Kirchheim.
„Wir müssen die Menschen in Europa zusammenbringen und Vorurteile abbauen. Das ist mir eine Herzensangelegenheit“, erklärt Peter Raviol den Hintergrund des Praktikantenprojekts. Bei Livia Magyar jedenfalls ist dieser Gedanke bereits gelungen: Sie ist ganz begeistert von Dettingen – von den Leuten und der Landschaft, aber auch von den Spätzle und vom Leberkäs‘. Und außerdem weiß sie mittlerweile auch, was ein amtlicher Veränderungsnachweis ist . . .

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