30.04.2009 - 14:13 Uhr

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Ziel: Respektvoller Umgang mit Verwirrten

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Die Gesellschaft wird immer älter. Mit dem Alter nehmen auch Demenzerkrankungen zu. „Alzheimer-Patienten werden zum Bild unserer Gesellschaft gehören“, sagt Kirchheims Sozialamtsleiter Roland Böhringer. Die Stadt und die sozialen Dienste reagieren auf diese Herausforderung: Ab sofort findet einmal monatlich eine Alzheimer-Sprechstunde im Haus der sozialen Dienste statt. Der Startschuss fällt am Donnerstag.

irene strifler

Kirchheim. Ansprechpartner für alle, die sich Gedanken machen, ob sie selbst oder ihre Angehörigen von einer Demenzerkrankung bedroht sind oder die wissen wollen, wie das Leben mit der Alzheimer-Krankheit lebenswert weitergeführt werden kann, ist Hartwig von Kutzschenbach. Er ist Leiter von SOFA (Sozialpsychiatrischer Dienst für alte Menschen) im Kreis und Vorsitzender der Alzheimer-Gesellschaft Baden-Württemberg. Für ihn rückt das Thema Demenz im beruflichen Alltag von

„Der Zuwachs an Alzheimer-Patienten ist enorm“

Jahr zu Jahr mehr in den Vordergrund. „Der Zuwachs an Alzheimer-Patienten ist enorm“, berichtet er. Das liegt daran, dass die Bevölkerung immer älter wird. Mit zunehmendem Alter steigt das Risiko, an „Alzheimer“ zu erkranken. „Unser Anliegen ist es, in unserer Gesellschaft einen respektvollen Umgang mit verwirrten Menschen zu erreichen“, nennt Roland Böhringer das wichtigste Ziel der neuen Initiative. Ein Blick auf die Statistik macht die Dimensionen klar, die die Erkrankung bereits heute angenommen hat: Die Zahl der über 65-Jährigen, die in Kirchheim leben, wurde Mitte vergangenen Jahres mit knapp 8 100 beziffert, Tendenz steigend. Nach Böhringers Informationen wird landesweit eine Erkrankungsquote von 6,8 Prozent in dieser Altersklasse angenommen. Das wären also derzeit schon rund 550 Menschen in Kirchheim.

Die Voraussetzungen für ein gutes Miteinander bezeichnen Fachleute in Kirchheim als geradezu ideal: Man kennt sich, kann Verwirrte notfalls nach Hause bringen, die Nachbarschaft passt aufeinander auf. Dass das Miteinander durchaus gelingen kann und nicht zur Ausgrenzung der Erkrankten führen muss, stellen einzelne Fälle täglich unter Beweis.

Ganz wichtig für einen offenen, unproblematischen Umgang ist, keine Angst vor den Erkrankten zu haben. „Menschen, die auffällig werden, werden plötzlich mit anderen Maßstäben gemessen“, weiß Kutzschenbach aus langjähriger Erfahrung. So gibt es wohl kaum jemanden, der nicht schon mal vergessen hat, wo der Hausschlüssel liegt oder warum er in den Keller gegangen ist. Wenn das jedoch dem alten Herrn von nebenan passiert, der sich ohnehin zunehmend komisch verhält, dann schrillen die Alarmglocken.

So kritisch ist die Situation dann nicht unbedingt. „Sobald wir uns um die Sache kümmern, wächst die Zuversicht, dass eine Lösung gefunden werden kann“, erzählt von Kutzschenbach. Die Leute von SOFA, die oft vom Ordnungsamt hinzugezogen werden, beurteilen, ob Menschen noch alleine leben können beziehungsweise welche Hilfen sie brauchen. Auch wenn jemand den Herd anlässt, heißt das noch lange nicht, dass er nicht mehr allein zurechtkommt. Die Lösungspalette kann vom Abschalten des Herdes bis zum Einbau eines Bewegungsmelders reichen. Von Kutzschenbach plädiert für mehr Toleranz gegenüber Menschen mit Demenzerkrankungen. Voraussetzung für Toleranz ist aber Aufklärung und Wissen.

Genau da wollen die Stadt und die sozialen Dienste ansetzen. Bisherige Beratungsangebote, die nicht auf Alzheimer-Probleme ausgerichtet waren, wurden von Betroffenen nicht genutzt. „Die Hemmschwelle war einfach zu hoch“, mutmaßen die Fachleute. Das soll jetzt anders werden. In die Alzheimer-Sprechstunde kann man ganz ohne Anmeldung kommen. Sie richtet sich an Menschen, die sich fragen, ob mit ihnen

„Je früher Hilfe gesucht wird, desto besser“

noch alles wie immer läuft. Zielgruppe sind aber auch Angehörige. „Interessierte können ganz unkomp­liziert nach dem Marktbummel bei mir reinschauen“, stellt sich von Kutzschenbach auf eine Reihe von Besuchern ein. Zeit ist ein wichtiger Aspekt bei voranschreitenden Demenzerkrankungen: „Je früher jemand Hilfe sucht, desto einfacher ist es, ein stützendes System aufzubauen“, sagt der SOFA-Leiter. Ziel ist, dass jeder sein Leben so lange wie möglich wie gewohnt führen kann. Das hat viel mit verständnisvollem Umgang miteinander und mit Menschenwürde zu tun. Aber es hat auch einen ganz pragmatischen Hintergrund: Auch aus finanziellen Gründen muss es gelingen, die zunehmende Zahl demenzkranker Menschen in die Gesellschaft zu integrieren.

Kirchheim hat sich nun bei der Robert-Bosch-Stiftung beworben, um im Rahmen einer Demenzkampagne gefördert zu werden. Auch dort hat man längst das große Thema der Zukunft erkannt und die Ängste, die damit verwoben sind. Mit Ideen und Fördergeldern kann viel erreicht werden: Fortbildungen für Angehörige oder Pflegekräfte, Vorträge zum Abbau von Vorurteilen und vieles mehr gehören zum Reigen der Angebote, die Böhringer und von Kutzschenbach für sinnvoll halten. Schließlich wächst die Zahl der Menschen, die im Alltag auf Alzheimer-Erkrankte treffen. Das kann zum Beispiel die Wurstverkäuferin sein, vor deren Theke die alte Dame aus der Nachbarschaft nun schon zum dritten Mal am selben Vormittag auftaucht. Gerade in Städten, in denen Nachbarschaft noch funktioniert, oder wieder gezielt in einzelnen Quartieren gefördert wird, besteht die Chance, dass Kranke sozusagen ein Stück weit aufgefangen werden von der Allgemeinheit. – Keine schlechte Perspektive in Zeiten der „Versingelung der Gesellschaft“, wie‘s Roland Böhringer formuliert.

Noch ist das Thema Demenz allerdings weitgehend tabuisiert. Zwar gibt es in Kirchheim die Wohngruppe des Vereins „Gemeinsam einsam“, die Vorreitercharakter in Deutschland hat, und auch etliche Heime sind an dem Thema dran. Dennoch sind die Vorbehalte in der Bevölkerung groß. Das Gedächtnis zu verlieren, ist eine unheimliche Vorstellung.

Doch bis es dazu kommt, ist ein weiter Weg zurückzulegen. „Demenz darf man nicht vom Ende her betrachten, sondern vom Anfang“, plädiert von Kutzschenbach für einen offenen, sensiblen Umgang mit der Thematik, die sich meist zunächst in Vergesslichkeit äußert. Spezielle Angebote können dabei entscheidend helfen, das Leben weiterhin lebenswert zu gestalten.

Die Alzheimer-Sprechstunde findet erstmals am Donnerstag, 7. Mai, von 9.30 bis 12 Uhr im Haus der sozialen Dienste am Widerholtplatz in Kirchheim statt. Sie wird künftig an jedem ersten Donnerstag im Monat wiederholt. Eine Anmeldung ist nicht erforderlich. Anrufe sind während der Sprechstunde unter der Nummer 0 70 21/5 02-3 64 möglich.

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