Neidlingen. Die Landfrauen fühlten sich dem Motto verpflichtet „Warum in die Ferne schweifen, wenn das Gute liegt so nah“. Und die Aufforderung auf der Einladung zu diesem Erlebnistag „Gib der Seele einen Sonntag und dem Sonntag eine Seele“ von Peter Rosegger wurde gerne umgesetzt.
Die Stadt Leonberg mit einer reichen und bewegenden Geschichte und ihrem einzigartigen Pomeranzengarten war ein lohnendes Ziel des Jahresausfluges. Unvergessliche Eindrücke bot den Neidlingerinnen diese Entdeckungstour, denn meist wird die Stadt nur beim Vorbeifahren auf der Autobahn zur Kenntnis genommen, obwohl ein Hinweisschild zum 400 Jahre alten, einzig erhaltenen Renaissancegarten in Deutschland neugierig werden lässt. Vom Hausberg Engelberg, dem Wahrzeichen Leonbergs, genossen einige Landfrauen eine atemberaubende Aussicht.
Den Charme einer Stadt, die Verbindung von Tradition und Zukunft lernt man bei einem Stadtrundgang kennen. Peter Höfer, Gymnasiallehrer a. D. für Deutsch und Geschichte, zudem Autor stadtgeschichtlicher Theaterstücke, ließ die Stadtgeschichte komplett lebendig werden. So wurde der Weg zum Schauen und Staunen in der historischen Altstadt am Marktplatz und Marktbrunnen bereitet. „Markt zu halten“ zeugt noch heute von einem bedeutenden Stadtprivileg und der Marktplatz – ringsum von Fachwerk-Prunkgebäuden umgeben – von bürgerlichem Wohlstand. Der – von ehemals neun Brunnen – heute noch einzige Marktbrunnen, ist ein echter „Herrscherbrunnen“, den Herzog Christoph 1566 aufstellen ließ, ihn mit Zepter und Wappen gerüstet zeigt, um so seine Macht über die Leonberger Bürger zu demonstrieren.
Als prächtiger Fachwerkbau aus dem Jahr 1480 präsentiert sich das Alte Rathaus und wenige Schritte weiter das Kepler-Haus, in dem der berühmte Astronom, Astrologe und Mathematiker Johannes Kepler mit seinen Eltern von 1575 bis 1579 wohnte. Ab 1584 wurden die Keplers in der württembergischen Amtsstadt wiederum ansässig. Kepler, der immer als großer Sohn von Weil der Stadt genannt wird, wo er zwar 1571 geboren wurde, nannte sich selbst „Leomontanus“ und „Bürgersohn von Leonberg“. Seine Mutter war Leonbergerin und in der dortigen Lateinschule hat er bereits als Zwölfjähriger das Landesexamen, die Ausleseprüfung fürs weitere Studium, bestanden. Weitere Namen, wie der des Dichters Hölderlin, tauchen auf. Der große deutsche Philosoph Schelling wurde 1775 im Leonberger Pfarrhaus geboren. Später, im Tübinger Stift, teilten sich die drei großen Schwaben ihre Studierbude: Hegel, Hölderlin, Schelling – das geistreiche Trio.
Die Stadtkirche besitzt einen eigenwilligen Charme: Kurz nach der Stadtgründung 1248/49 wurde sie im romanischen Stil erbaut, später gotisch erweitert und prachtvoll ausgestattet mit einzigartigen bürgerlichen Renaissance-Grabdenkmälern aus der Werkstadt des bedeutenden Bildhauers Jeremias Schwartz. Beeindruckt hat die Landfrauen nicht nur das „ehemalige Kleine-Leute-Viertel“ von Weingärtnern, Tagelöhnern, Kleinbauern und Handwerkern, sondern auch das Bauen reicher Bürger, wie etwa der Renaissance-Bau „Korn‘sche Haus“. Das Schloss, einst von der Burg von Herzog Christoph 1560/65 zum Schloss umgebaut und erweitert, diente als herzoglicher Witwensitz, doch auch Schillers Mutter verbrachte dort einige Witwenjahre.
Und dann: der Pomeranzengarten – einzigartig in Deutschland. Namensgebend für den Garten wurde die Pomeranze, die Bitterorange. Ohne Zweifel zählt diese Anlage heute zu den herausragenden gartenhistorischen Besonderheiten in der Bundesrepublik. Für die württembergische Herzoginwitwe Sibylla, die ein großes Pflanzen- und Kräuterwissen besaß, hat der bekannte Baumeister Heinrich Schickardt die Anlage 1609 geplant und gestaltet. Lässt man den Blick umherschweifen, finden die rechteckigen Beete Bewunderung, die mit Duft-, Gewürz-, Heilpflanzen und Blumen liebevoll bepflanzt sind. Der individuelle Gartenstil besticht, wird zum sinnbildlichen Vergnügen, und der Obelisk des zentral gelegenen achteckigen Brunnens mit seinen Löwenmäulern und Wappen sorgt für einen ästhetischen Gesamteindruck und versprüht den Charme alter Zeit. Schade nur, dass die Pomeranzen aus Witterungsgründen noch im Gewächshaus weilten. Im ältesten Gasthof der Stadt, im „Schwarzen Adler“, 1350 erstmals erwähnt, konnten die Neidlingerinnen genüssliche Entspannung erfahren.rr
