Veranstaltung der Raiba Teck zum Thema „Euro-Krise und kein Ende?“
Lehrstunde in Sachen Ökonomie

Die Schieflage der Staatsfinanzen von Griechenland und Co. beschäftigt die Politik seit vielen Monaten – und ein Ende ist nicht in Sicht. Zum Thema „Euro-Krise und kein Ende?“ sprach Professor Hans-Peter Burghof in der Dettinger Schlossberghalle.

Dettingen. Es war ein heißes Thema, das die Raiffeisenbank Teck zum Auftakt der Exklusiv-Veranstaltungen für ihre Mitglieder in der Schlossberghalle angepackt hat. „Eurokrise und kein Ende?“ lautete der Titel. Und die Resonanz war groß: Die Veranstaltung war bestens besucht. Dazu mag auch der Referent beigetragen haben: Denn mit dem bekannten Ökonom Hans-Peter Burghof, der an der Universität Hohen­heim lehrt, war es der Genossenschaftsbank gelungen, einen renommierten Fachmann zu gewinnen.

Dass die Systematik von Märkten und Denkmodelle zur Sanierung von Staatsfinanzen nicht dröge sein müssen, erlebten die Zuhörer in dem rund zweistündigen Vortrag. Burghof verstand es, die komplexen Vernetzungen von Kapitalmarkt und Staatsfinanzen in Erklärungsmodelle zu packen, die auch für Zuhörer ohne Ausbildung im Bankenwesen verständlich waren.

Drei Modelle zur Lösung der Euro-Krise stellte der Experte vor. So würden viele Politiker den Kapitalmarkt als Ursache für die Krise sehen. „Es ist wie der Blick der Menschen im Mittelalter auf einen Vulkan: Da brodelt‘s, da qualmt’s und manchmal explodiert es auch. Da sitzt unten ein Drachen drin und dem muss man Ketten anlegen.“ Aus dieser Argumentation heraus sei unter anderem die Finanztransaktionssteuer entstanden. „Doch wer sind die Finanzmärkte? Schauen Sie in den Spiegel“, machte der Ökonom klar, dass dies jeden treffe – und sei es nur, weil seine Versicherung sich am Kapitalmarkt absichert. „Aber mit dem Problem hat das nichts zu tun.“

Mit der Spieltheorie machte er klar, wie ein sogenannter Run ein ganzes Land in den Orkus stürzen kann. Diese Theorie setze für den Markt gewisse Gleichgewichte vo­raus. Geraten sie aus der Waage, kann dies eine Kettenreaktion nach sich ziehen. Burghof griff sich anschließend fünf Zuhörer heraus. Jeder sollte mit jeweils 100 Euro den Fantasiestaat Grekitalia finanzieren. Dafür versprach er drei Prozent Zinsen auf die Einlage, die auch vom Land wirtschaftlich zu stemmen seien. Wegen einer steuerfinanzierten Sexaffäre im Land stieg einer der Finanziers aus. Um die verbleibenden nicht zu verlieren und von ihnen mehr Geld zu bekommen, bot Grekitalia nun mehr Zinsen. Doch die seien nicht zu erwirtschaften – damit steige das Risiko für den Investor, was weitere Absprünge zur Folge habe.

„Die Frage ist nun: Wie kann man einen solchen Run verhindern“, fragte der Experte. Eine Möglichkeit sei, sich in das Land einzukaufen – entweder direkt oder auf dem Anleihenmarkt. „Wenn Sie das machen, ist es verboten, wenn die Europäische Zent­ralbank das macht, ist es mutig“, bemerkte Burghof. Eigentlich reiche es sogar, glaubhaft zu machen, dass man die entsprechende Summe einsetzen würde. „Allein das stoppt den Run.“

Nur: Auf Dauer, glaubt Burghof, wird dieses Modell nicht funktio­nieren – der Kapitalmarkt wird es den Europäern nicht ewig glauben. Zudem setze Europa sehr viel Mittel ein, um ein kleines Land oben zu halten, das eigentlich seit einem Jahr pleite ist.

„Das Schlimmste ist, die Realität nicht zu akzeptieren“, warnt Burghof. Eine geordnete Staatspleite sei wesentlich ungefährlicher als eine unorganisierte. Die koste nicht nur viel Geld und im schlimmsten Fall Menschenleben, sondern auch Zeit, die die Griechen längst nutzen könnten, um sich neu aufzustellen. Für Burghof ist der Fall Griechenland symptomatisch für eine Fehlentwicklung in der EU. Der Rettungsschirm zerstöre das Prinzip der Verantwortung für das eigene Handeln. „Man darf nicht vergessen: Es sind alles souveräne Staaten.“ Von außen steuern zu wollen, sei zum Scheitern verurteilt. Und es lasse sich auch nicht mit der Idee Europas vereinen, die hinter dem Staatenbund stehe. Vielmehr müsse es Anreize zur seriösen Haushaltspolitik geben. „Der einzige, der abstraft, ist der Kapitalmarkt“, machte Burghof klar. Dafür dürfe man die Regierungen nicht schützen, diesem Druck müssten sie sich stellen. Das Gute dabei: „Kapitalmärkte bewerten Zukunft, nicht Vergangenheit.“ Jedoch betreibe die europäische Politik derzeit genau das Gegenteil. Mit der Folge, dass Berlusconi in Italien – das nach der Anhebung seiner Zinsen ein hartes Sparprogramm aufgelegt hatte – nach den europäischen Hilfen seinen Finanzminister zurückpfiff und alle Sparpläne auf Eis legte.

Entschieden sprach sich der Referent gegen die Vereinheitlichung aus. „Ein stabiles Europa braucht die Vielfalt und die unterschiedlichen Systeme.“ Andernfalls erwische es nicht nur einen europäischen Staat oder zwei Staaten, sondern alle. „Denn wer selbst ersäuft, kann nicht helfen.“

Diversität ist also das Zauberwort, auch und vor allem im Finanzwesen. „Hätten wir sie in Deutschland nicht gehabt, hätte 2008 kein Stein mehr auf dem anderen gestanden“, warnte Burghof davor, nur noch große Geschäftsbanken zu bevorzugen. Mehr Demokratie ist deshalb sein Wunsch für Europa. Derzeit werde Europa an den Menschen vorbeiregiert, warnte er vor dem großen Ungleichgewicht in Parlament und Gremien.

Gerne hätte sein Publikum dem Referenten noch länger gelauscht und mit ihm diskutiert. Doch nach über zwei Stunden war die Lehrstunde in Sachen Ökonomie beendet.