24.08.2016 - 02:02 Uhr

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2 100 Stunden für Papas tollsten Bus

Peter Dietrich
Im Innern des Busses aus den 1960er-Jahren lagern derzeit unzählige Materialien. Fotos: Peter Dietrich
Im Innern des Busses aus den 1960er-Jahren lagern derzeit unzählige Materialien. Fotos: Peter Dietrich

Esslingen. Was haben Esslingen am Neckar, Solingen im Westen und Eberswalde im Osten gemeinsam? Sie sind die letzten drei deutschen


Im Innern des Busses aus den 1960er-Jahren lagern derzeit unzählige Materialien. Fotos: Peter Dietrich
Im Innern des Busses aus den 1960er-Jahren lagern derzeit unzählige Materialien. Fotos: Peter Dietrich

Städte mit O-Bus-Betrieb. Was hat nur Esslingen? Dort restaurieren derzeit Enthusiasten ehrenamtlich einen Bus mit Baujahr 1962. Nächstes Jahr soll er wieder fahren.

Was denn da im Weg stehe, fragte sich Harald Boog, als er 2012 als Technischer Werkleiter zum Städtischen Verkehrsbetrieb Esslingen (SVE) kam. Seine Tochter, die den O-Bus 22 zum 100-jährigen Bestehen des SVE zu Gesicht bekam, sah die Dinge etwas anders: „Papa, das ist dein tollster Bus.“ Boog fragte sich, ob man den Bus restaurieren könne. Viel Geld, das war schnell klar, könnte der SVE dafür nicht beisteuern, aber immerhin Fachwissen und ehrenamtliche Stunden von Mitarbeitern.

Der O-Bus 22 ist ein wahres Urgestein in der Welt der Busse: Als er 1962 in Dienst ging, war er der Siebte und Letzte einer damals modernen Serie, die sich bewährt hat. Gebaut wurde er von Henschel, die Elektrik stammte von Kiepe Elektrik und BBC. Der Obus 22 hat nun mehr als 1,4 Millionen Kilometer auf dem Tacho. Bis 1969 hatte er hinten einen Schaffnerplatz, der später ein beliebter Kindersitz war. 1986 endete der Regeleinsatz des Busses endgültig, als letzter seiner Serie. Es gab weiterhin Mietsonderfahrten, beim Bürgerfest beherbergte er vor dem Alten Rathaus eine Sektbar.

1987 gab es eine Überholung, die Karosserie wurde aufgearbeitet und der Bus bekam Ersatzteile von O-Bus 21. „Er wurde aber nicht von Grund auf überholt“, sagt Ronald Kiebler. Kiebler ist nicht nur Mitglied des Vereins Stuttgarter Historische Straßenbahnen (SHB), sondern auch Elektroingenieur – und, da er sich nicht im rechten Moment weggeduckt hatte, Projektleiter der Restaurierung. So schlimm ist das aber für ihn nicht: Der O-Bus begeisterte ihn schon als Schüler.

Im Jahr 2003 fiel der O-Bus 22 bei der Sicherheitsprüfung durch und kam im Februar 2004 ins SHB-Museum, damals noch in Stuttgart-Zuffenhausen, mittlerweile in Bad Cannstatt. Im Juli 2009 gab es in Zuffenhausen ein beträchtliches Hochwasser. Danach war der Bus nicht mehr fahrfähig. Mickaél Christophe Pandion, ab 2008 Werkleiter des SVE, holte den O-Bus zurück nach Esslingen. Anfangs stand für die Restaurierung eine Summe von 70 000 bis 80 000 Euro im Raum. Kiebler erinnert sich noch an die erste Befundung im November 2013 in einer gemeinsamen Runde von Profis und Amateuren. „Der gute Zustand hat uns sehr motiviert, es gab wenig Rost und am Aluminiumrahmen und der Aluminiumbeplankung wenig Aluminiumfraß.“

Elektrische Komponenten wanderten in eine Fachwerkstatt, vieles andere wurde ehrenamtlich erledigt. Meist arbeitet seither ein harter Kern von sechs bis sieben Leuten am Bus. Ehrenamtlich ist billiger, dauert aber länger. Ursprünglich sollte der Bus im Frühling 2016 wieder fahren, derzeit geht Kiebler vom Frühsommer 2017 aus. Doch die Verzögerung hat auch andere Gründe: „Wir haben mehr gemacht, als wir ursprünglich geplant haben“, sagt Kiebler.

Bisher hat der Trupp 2 100 Stunden geschuftet. Die Kreissparkasse Esslingen-Nürtingen wurde als Sponsor gewonnen, der O-Bus 22 wird eine zeitgenössische Reklame bekommen. Wenn es endlich so weit ist, soll es regelmäßige Touren geben.

Bis dahin ist noch viel zu tun, etwa an der Druckluftanlage mit ihren sechs Behältern. Sie versorgt die – für 1962 sehr moderne – Luftfederung, die elektropneumatische Steuerung, Bremsen und Türen. Die Beläge der Radbremse, die es zusätzlich zur elektrischen Bremse gibt, müssen erneuert werden, das Differenzialgetriebe für die Hinterräder ausgewaschen und die Dichtungen erneuert werden. Die Überholung solle technisch für lange Jahre genügen, wünscht sich Kiebler. Eines steht schon fest: Am Bus werden die originalen Wappen und Liniensteckschilder wieder angebracht.

Der O-Bus braucht zwei Zulassungen: Einmal straßenrechtlich vom TÜV, außerdem eine nach der Straßenbahn-Bau- und Betriebsordnung (BOStrab). Elektrisch gibt es aber einen großen Unterschied: Eine Straßenbahn ist durch den Kontakt zu den Schienen ständig geerdet, ein Bus durch die Gummireifen nicht. Deshalb braucht er zur Sicherheit doppelte Isolierungen. Apropos Sicherheit: Der O-Bus 22 besitzt keine Fahrsperre bei offenen Türen. Ein moderner Bus käme damit nicht durch.

Die O-Bus-Liebhaber sorgen dafür, dass O-Bus 22 nicht den Weg seines Zwillings O-Bus 21 geht. Nach seiner mehrfachen Organspende für den Bruder kam er im Frühjahr 1988 zur Verschrottung nach Reichenbach. Wenn der O-Bus 22 wieder startet, ist ein Detail für den Fahrer extrem wichtig: Wie bei anderen O-Bussen ist das Bremspedal rechts und das Strompedal links von der Lenksäule.

Technische Daten

Allgemein: Der O-Bus 22 aus dem Jahr 1962 hat ein Gesamtgewicht von 16 Tonnen und ein Leergewicht von 8,1 Tonnen. Er bietet 36 Sitz- und 75 Stehplätze. Der Bus ist in selbsttragender Aluminium-Leichtbauweise konstruiert und hat rund 110 000 Mark gekostet. 
Technik: Zur Luftfederung kommt die Führung der Achsen durch Blattfedern. Es gibt eine druckluftunterstützte Handbremse, Druckluftscheibenwischer, Zentralschmierung, eine hydraulische Lenkhilfe und einen Langkau-Isolationswächter. Die Widerstandssteuerung hat 20 Fahr- und zehn Bremsstufen. Die Abwärme wird zum Heizen genutzt. 

Hilfe: Um den Fahrschalter von vorne zu erreichen, hat der SVE bei der ganzen Serie in Eigenarbeit Bugklappen eingebaut, jede sah ein klein wenig anders aus. pd

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