Kirchheim. Als der club bastion Ende August bekannt gab, dass es gelungen sei, Carl Palmer mit seiner Band für ein Konzert nach Kirchheim zu holen, waren die Karten im Nu vergriffen. Der 1950 im mittelenglischen Birmingham geborene schlagzeugverrückte Carl Palmer ist seit
anDREAS KENNER
seinem 14. Lebensjahr Vollprofi. Die Stationen seiner Anfänge lesen sich dabei wie das „who is who“ der Popgeschichte. So spielte er schon mit „Chris Farlowe and The Thunderbirds“, „Arthur Brown and His Crazy World“, Steve Winwood und „Atomic Rooster“.
Als 1970 Greg Lake von King Crimson und Keith Emerson von Nice einen Schlagzeuger suchten, sagte Carl Palmer sofort zu, und eine der Supergruppen in der Pop-Geschichte war geboren. Klassische Themen wie „Pictures at an Exhibition“ wurden verarbeitet und zu wahren Pophymnen umgeschrieben. Alben wie „Tarkus“, „Trilogy“, „Brain Salad Surgery“ oder „Works Volume I & II“ erhielten Platin. Emerson, Lake and Palmer sind beim California Jam vor 500 000 Menschen aufgetreten und tourten mit einem 80-köpfigen Symphonie-Orchester um die Welt.
Gerade mal 21 Jahre alt, wurde Carl Palmer 1971 vom Melody Maker erstmals zum besten Schlagzeuger der Welt gewählt. 1981 war Carl Palmer einer der Mitbegründer von „Asia“. Das Debüt Album „Asia“ wurde sieben Millionen Mal verkauft. Hits wie „Heat of the Moment“, „Only Time Will Tell“, „Wildest Dreams“ oder „Sole Surviver“ folgten.
Die Welttournee von „Asia“ im Frühjahr 2008 war ein riesiger Erfolg. Dass Carl Palmer dieses Jahr für sein Gesamtwerk den Britischen Klassik-Rock Award verliehen bekam, unterstreicht seinen Stellenwert. Über 50 Millionen Platten hat Carl Palmer bislang verkauft. Einige im Publikum hatten Emerson, Lake and Palmer in den 70ern bereits in der Bastion gesehen, allerdings lediglich auf der Leinwand. Dass Carl Palmer einmal persönlich auf der Clubbühne seine Schlagzeugkünste zeigen wird, hätte damals niemand für möglich gehalten. Mit Gitarrist Paul Bielatowicz und Bassist Stuart Clayton wurde er mit begeistertem Applaus begrüßt. Die Carl Palmer Band brachte das ganze Spektrum von Emerson, Lake and Palmer von „Tarkus“ über „Hoedown“, „Peter Gunt“ bis zu „Pictures at an Exhibition“ auf die Bühne, hinzu kamen einige von Carl Palmer neu arrangierte Klassiker wie etwa als Zugabe „Carmina Burana“ von Carl Orff. Kurze, harte Stücke wie „Promenade 1 und 2“ in denen Carl Palmers stakkatoartiges Spiel dominierte, wurden abgelöst von wie „The Only Way“.
Intensiv, dynamisch, vielseitig und unglaublich schnell ist das Schlagzeugspiel des Carl Palmer. Der Abend war mitunter laut und heftig und Carl Palmer verlangte mit seiner in den 70er-Jahren als „progressive Rock“ bezeichneten Mischung aus Klassik, Jazz und Rock dem Publikum einiges ab. Viele, die von „ELP“ nur „Lucky Man“ in Erinnerung hatten, waren überrascht, in welcher Intensität Carl Palmer und seine Band musizierten.
Das 1971 veröffentlichte „Tarkus“ gilt als die einflussreichste und musikalisch radikalste Rocksuite des „progressive Rock“. Gekennzeichnet sind die Titel durch hektische Ostinati, Aggressivität und einen häufigen Taktwechsel. Der Untertitel „Eruption“ wechselt innerhalb von nur 20 Takten von zehn Achtel- zu drei Vierteltakt, wieder zu zehn Achtel- und schließlich zu vier Vierteltakt. So etwas haben viele entweder noch gar nie oder vor 20 Jahren zum letzten Mal gehört. Das Ganze mit einer Dynamik vorgetragen, dass man sich bereits nach fünfzehn Minuten Sorgen machen musste, ob Carl Palmer denn dieses irre Tempo ein ganzes Konzert lang durchhalten kann.
Um dies zu schaffen, ließ er seinen beiden kongenialen Musikern genügend Raum und Zeit zur Entfaltung. Besonders Gitarrist Paul Bielatowicz riss das Publikum immer wieder zu Begeisterungstürmen hin. Ihm gelang es im wahrsten Sinne des Wortes spielend, das Keyboard von Keith Emerson zu ersetzen. Seine Soli waren mit die Höhepunkte des Abends, wobei Bassist Stuart Clayton einige Läufe spielte, die so in Kirchheim auch noch nie zu hören waren. Das absolute Highlight war allerdings das legendäre „Fanfare for the Common Man“. Das dabei von Carl Palmer zelebrierte Schlagzeug-Solo wurde nach dem Konzert vom Publikum mit den Worten „unglaublich, fantastisch, wahnsinnig, unbeschreiblich, Weltklasse . . .“ beschrieben.
Carl Palmer zeigte hierbei sein ganzes Können und seine mitreißende Spielfreude. Angefeuert vom Publikum lieferte er ein Feuerwerk ständig wechselnder Rhythmen, Töne, Klänge und Lautstärken. Wie von Zauberhand kreiste der Schlagzeugstock auf Palmers Handflächen, was bei den Zuschauern für ungläubiges Staunen sorgte. Wer sich vor dem Konzert gefragt hat, warum der Mann so ein großes Schlagzeug in der kleinen Bastion aufbaut, war nun restlos davon überzeugt, einen der ganz großen Musiker der Rockgeschichte zu erleben. Nicht enden wollender Beifall war der Lohn für diese Fanfare und ein erschöpfter, aber strahlender Carl Palmer verneigte sich vor seinem Publikum.
Auch als Zugabe servierte Palmer nochmals etwas sehr Ungewohntes und forderte mit seiner Interpretation über Carmina Burana von Carl Orff nochmals die volle Konzentration des Publikums. Kirchheims Kultschlagzeuger Gottlob Schmid von der „Abrissband“ brachte es auf den Punkt. „Das war einmalig, aber ungeheuer anstrengend. Band und Publikum haben alles gegeben.“ Der Weltstar Carl Palmer hat sich in der kleinen Kirchheimer Bastion sichtlich wohlgefühlt und die Nähe zum Publikum genossen.
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