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LOKALES

 

Echte Hilfe statt bloßer Schonräume

12.05.2009

Veranstaltungen

12.05.2009

PFAD macht sich für die Rechte und Bedürfnisse von Pflege- und Adoptivkindern stark




Pflege- und Adoptivkinder gehen häufiger als andere in Sonderschulen. Das liegt nach Erkenntnis des Vereins „PFAD“ für Pflege- und Adoptivfamilien im Kreis Esslingen daran, dass diese Kinder nicht die Unterstützung bekommen, die sie für ihre Entwicklung brauchen. Die Mitglieder von PFAD, eine Reihe engagierter Eltern, machen sich für gezielte Hilfestellung statt falscher Schonräume stark.

irene strifler

Kirchheim. Jedes Kind, das adoptiert oder in einer Pflegefamilie aufgenommen wird, bringt eine Vorgeschichte mit. „Allein das Weggegeben-Werden stellt eine traumatische Erfahrung für einen Säugling dar“, erläutert Ellen Mendler-Reinhart, die selbst zwei Kinder adoptiert hat. „Den Kindern fehlt das Urvertrauen“, sagt Susanne Martin, die vier Pflegekinder hat. Vertrauen müsse erst in der Familie aufgebaut werden, doch dann stünden die Kinder auch noch vor der Aufgabe, in der Gesellschaft zu bestehen.

An dieser Einbindung in der Gesellschaft arbeiten die beiden Frauen gemeinsam mit gleichgesinnten im Verein „PFAD für Kinder“. „Unsere Kinder sind anders als andere“, erzählt Susanne Martin. Während in der Familie meist schnell ein guter Umgang miteinander entsteht, kommt es in Kindergarten und Schule sehr oft zu Problemen.

„Diese Mädchen und Jungen haben ausgeprägte Schwächen, besonders im sozial-emotionalen Bereich“, erklären die PFAD-Vertreterinnen. Zum Teil liegen Lernschwächen vor, häufig Verhaltensauffälligkeiten. „Die Kinder werden dann in der Klasse schnell gemobbt“, schildern die Frauen eine fatale Entwicklung. Was sie sich wünschen, ist gezielte Hilfe, gegebenenfalls Einzelbetreuung.

Wer als Baby beispielsweise gelernt hat, dass Schreien nichts bewirkt, zieht sich oft ganz zurück oder macht später durch völliges Quertreiben auf sich aufmerksam. Hier ist nach Meinung der PFAD-Mitarbeiter vertrauensvolle Begleitung durch Erwachsene nötig, die Erfolge bestätigen und motivierend wirken. „Unsere Arbeit ist präventiv“, verdeutlicht Ellen Mendler-Reinhart, dass es nicht darum geht, einzuschreiten, wenn das sprichwörtliche Kind in den Brunnen gefallen ist. Dies sei im Interesse der gesamten Gesellschaft.

Hoffnungen setzen die PFAD-Leute in die neue UN-Konvention über die Rechte behinderter Menschen. Ihr zufolge verpflichtet Deutschland, Kinder mit Behinderungen nicht mehr aus dem normalen Bildungssystem auszugrenzen. „Das oberste Ziel ist die Inklusion“, fasst Mendler-Reinhart zusammen. Übersetzt bedeutet der pädagogische Fachbegriff „Dazugehörigkeit“. Dahinter steht der Gedanke, dass alle Menschen eine Gesellschaft darstellen.

Aus dieser Forderung ergeben sich für die PFAD-Vertreter auch räumliche Konsequenzen: „Wir wollen, dass die Kinder dort versorgt werden, wo sie sind, sie sollen wohnortnah gefördert werden“, erklärt Susanne Martin. Ein Ziel ist, die Kinder nicht vorschnell auf Förderschulen anzumelden. „In diesem Fall steht nicht immer die gezielte Hilfestellung im Vordergrund, sondern es werden Schonräume gewährt“, schildert Susanne Martin ihre Erfahrungen. Wichtig sei, die Lehrkräfte für die spezielle Situation zu sensibilisieren.

Oft bedeutet dies gar nicht so viel Aufwand. Ellen Mendler-Reinhart nennt ein Beispiel dafür, dass Pflegekinder oft Dinge anders verstehen als sie gemeint sind: Eine Lehrerin verbot die Tintenkiller-Benutzung im Unterricht während eines Diktats. Das Kind traute sich daraufhin überhaupt nicht mehr, einen Fehler zu verbessern. Panikreaktionen verhindern weiteres Nachdenken. – In solchen Fällen kann mit kurzen Einzelgesprächen zwischen Pflegemutter und Lehrkraft viel geklärt werden.

Manchmal sind regelmäßige Absprachen notwendig. Zum Beispiel bei einem 16-jährigen Pflegekind, das die Schule schwänzt und die Unterschrift der Erziehungsberechtigten fälscht. Hier müssen Eltern und Schule eng zusammenarbeiten und eine Einheit darstellen. Die Kinder versuchen sonst, wie andere auch, die verschiedenen Instanzen gegeneinander auszuspielen. „Eine ‚stabile Chefetage‘ bietet Halt und Sicherheit“, fasst Ellen Mendler-Reinhart zusammen.

Pädagogische Fachkompetenz haben sich die PFAD-Vertreterinnen in jahrelangen Schulungen und mithilfe zahlreicher Bücher angeeignet. „Eine Ärztin hat mir vor langer Zeit gesagt: Sie sind gleichzeitig Therapeutin und Mutter“, erzählt Susanne Martin. In dieser Doppelrolle bewährt sie sich nun schon seit vielen, vielen Jahren. Außerdem besteht regelmäßiger Kontakt zum Jugendamt.

Was andere überhören, nehmen PFAD-Eltern eher als verschlüsselten Hilferuf wahr. „Unsere Kinder sind sensible Barometer“, erklärt Ellen- Mendler-Reinhart. Längst lässt sie sich nicht mehr ins Bockshorn jagen, wenn Probleme als „Erziehungsfehler“ abgetan werden. Deswegen ist auch ein Erziehungsbeistand nicht unbedingt hilfreich. Vielmehr geht es eben um maßgeschneiderte Hilfe in der Schule. Mendler-Reinhart nennt das Stichwort „Nachteilsausgleich“, wodurch kranken Schülerinnen und Schülern besondere Fürsorge im Schulalltag garantiert werden soll.

Den PFAD-Vertreterinnen ist wichtig, dass die Situation von Pflege- und Adoptivkindern öffentlich bekannt wird. „Die Rechte der leiblichen Eltern werden sehr hoch gehängt, uns ist es wichtig, darzustellen, was die Kinder wirklich brauchen“, erklärt Susanne Martin.

Noch ist der Verein PFAD eine sehr junge Einrichtung. 30 Adoptivfamilien sind den Vorstandmitgliedern bekannt, wobei bei diesen Auslandsadoptionen die größte Zahl darstellen. Wer Kontakt aufnehmen möchte zu PFAD, kann sich unter der Nummer 0 70 22/5 55 51 an die Vorsitzende Susanne Martin wenden oder unter 0 70 21/4 35 38 an Ellen Mendler-Reinhart. Die Email-Adresse lautet pfad-esslingen@web.de.

In einer Vortragsreihe zusammen mit dem Pflegekinderdienst des Landratsamtes referiert Professor August Huber heute, 12. Mai, ab 19 Uhr im Landratsamt Nürtingen, Europastraße 40, über „Kraftquelle für eine gute Pädagogik“. Gesprächskreise mit Pflege- und Adoptiveltern finden am 16. Juni und am 15. September in der Schlachthofgaststätte Nürtingen um 20 Uhr statt.

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