Mit einer außerordentlichen Vertreterversammlung wurde am Mittwochabend das letzte Kapitel der Ära Mohr bei der Volksbank Kirchheim-Nürtingen geschlossen. Die Vertreter wählten einen neuen Aufsichtsrat und zeigten sich erleichtert, dass die Entlassungen verhindert werden konnten. Zugleich äußerten einige aber auch ihre Verwunderung und ihr Unverständnis darüber, dass die mit einem massiven Imageschaden verbundene Eskalation der Auseinandersetzung nicht verhindert werden konnte.
Frank Hoffmann
Nürtingen. Der von vielen befürchtete letzte Eklat blieb aus. Der kurz vor Weihnachten geschasste Vorstandssprecher der Volksbank Kirchheim-Nürtingen, Axel Mohr, blieb der Versammlung in der Nürtinger Stadthalle fern, sodass die Sitzung relativ ruhig und sachlich abgewickelt werden konnte. Gleichwohl zeigten das mehrfach deutlich vernehmbare Grummeln im Saale und etliche kritische Nachfragen der Vertreter, wie viel Porzellan in den vergangenen Wochen zerdeppert worden ist und wie mühevoll die ersehnte Rückkehr zur Normalität ist. Axel Mohrs Brief an die Volksbank-Vertreter mit massiven Vorwürfen an seine ehemaligen Vorstandskollegen hatte kurz vor der Versammlung natürlich zusätzlich Öl ins Feuer gegossen.
407 der insgesamt 534 Vertreter, deutlich mehr als sonst, waren in die Nürtinger Stadthalle gekommen. Hinzu kamen 150 weitere Mitglieder und 350 Mitarbeiter der Bank, sodass die Plätze im großen Saal nicht ausreichten. Etliche mussten die Reden auf Videowänden in den anderen Räumen der Stadthalle verfolgen.
Initiiert hatte die außerordentliche Vertreterversammlung der Betriebsrat der Volksbank im Dezember, um die betriebsbedingten Kündigungen zu verhindern. Innerhalb weniger Stunden waren die für die Einberufung notwendigen 300 Unterschriften zusammen. „Insgesamt haben den Antrag über 1 600 Mitglieder unterschrieben“, beschrieb der Betriebsratsvorsitzende Franz Weber die enorme Resonanz. Der damals geforderten Abwahl des Aufsichtsrats und der Abberufung Axel Mohrs durch die Vertreterversammlung kamen das Gremium und Mohr mit ihrem freiwilligen Rückzug zuvor.
Die Versammlung hatte daher jetzt die Aufgabe, einen neuen Aufsichtsrat zu wählen. Eindeutig im Mittelpunkt stand jedoch die Vergangenheitsbewältigung. Dass diese in geordneten Bahnen ablief, dafür hatte Dr. Andreas Fandrich als Versammlungsleiter zu sorgen. Der Wirtschaftsanwalt ist Aufsichtsratsvorsitzender der Volksbank Ebingen. Mehrfach ermahnte er alle Beteiligten, keine schmutzige Wäsche zu waschen und den Blick in die Zukunft zu richten, „um die Volksbank Kirchheim-Nürtingen aus den Schlagzeilen und wieder in ruhiges Fahrwasser zu bringen“. Die Aussprache blieb denn auch sachlich, kritische Fragen und Kopfschütteln über unbefriedigende Antworten gab es aber sehr wohl.
Zunächst nutzte der bisherige Aufsichtsratsvorsitzende Dr. Andreas Hoffmann die Gelegenheit, um die Vorgänge aus der Sicht der zehn Aufsichtsräte zu schildern. Er ging dabei vor allem auf die Vorwürfe ein, das Gremium habe zu spät reagiert. Dabei verwies Dr. Hoffmann auf die Rolle des Aufsichtsrats, der sich aus dem operativen Geschäft der Bank herauszuhalten habe: „Das operative Geschäft der Bank, und hierzu gehören auch alle Personalentscheidungen, ist in der alleinigen Verantwortung des Vorstands.“ Daher habe sich der Aufsichtsrat zwar mit dem Strategiekonzept 2014 beschäftigt – und die Zielsetzung Kostenreduzierung und Ertragssteigerung begrüßt –, nicht aber mit der Umsetzung. Im Übrigen sei im Vorstand und im Aufsichtsrat bereits seit über zwei Jahren bekannt gewesen, dass in Bezug auf die Kostenstruktur Handlungsbedarf besteht, „allerdings war man sich auch vor Axel Mohr im Vorstand nicht einig, welche Maßnahmen ergriffen werden sollen“.
Natürlich, so Hoffmann, habe der Aufsichtsrat zur Kenntnis genommen, dass sich die Vorstände auch jetzt nicht einig sind, wie und vor allem mit welcher Geschwindigkeit das grundsätzlich unumstrittene Strategiekonzept 2014 umzusetzen ist. Es sei aber nicht Aufgabe des Aufsichtsrats, für einen Konsens unter den Vorständen zu sorgen, betonte Hoffmann. „Ein Aufsichtsrat ist keine Schlichtungskommission für strittige Vorstandsthemen.“
Sitzung muss angesichts sich anschreiender Vorstände vertagt werden
Erst am 16. Dezember habe der Aufsichtsrat erfahren, dass es für die geplanten 58 betriebsbedingten Kündigungen keinen Vorstandsbeschluss gibt. Die Sitzung musste damals „angesichts sich anschreiender Vorstände“ vertagt werden, berichtete Andreas Hoffmann. Gleichwohl setzte das Gremium weiter auf eine Einigung und appellierte an die Vorstände, einen tragfähigen Konsens zu finden. Am 21. Dezember zog der Aufsichtsrat dann die Reißleine. Der Vertrag mit Axel Mohr – der übrigens keinen Cent Abfindung erhält, so Dr. Hoffmann auf Nachfrage – wurde aufgehoben, und der Aufsichtsrat kündigte seinen Rücktritt zur Vertreterversammlung am 13. Januar an. „Am 16. Dezember haben wir vom fehlenden Vorstandsbeschluss erfahren, am 21. Dezember wurde Axel Mohr zum Rücktritt bewegt. Schneller kann kein Aufsichtsrat reagieren“, sieht Dr. Hoffmann den Vorwurf, zu spät gehandelt zu haben, widerlegt. Ein großer Fehler Axel Mohrs sei sicher gewesen, dass er nie das Vertrauen der Mitarbeiter hatte und auch gar nicht versucht habe, dieses zu gewinnen.
Vorstandsmitglied Harald Kuhn konnte dies nur bestätigen. Was die Bewertung der Ereignisse betrifft, kam er allerdings teilweise zu deutlich anderen Ergebnissen. Kuhn bestätigte, dass sich die Führungsriege der Volksbank bereits seit Längerem mit der strategischen Ausrichtung der Bank beschäftigte. „Dabei bildete die Stärkung des Vertriebs den Schwerpunkt unseres Handelns.“ Dies hätte von 2005 bis 2007 zu einem Anstieg um 15 Mitarbeiter geführt, „ohne dass sich die geplanten Erträge einstellten“. Er habe deshalb mit Nachdruck eine Kostenreduzierung angemahnt. Nach längeren Diskussionen habe sich der Vorstand auf einen Personalabbau um 15 Mitarbeiter über die natürliche Fluktuation im Jahr 2008 verständigen können. Das gemeinsam mit dem neuen Vorstandssprecher Axel Mohr im August 2009 entwickelte Strategiekonzept 2014 „ist eine konsequente Weiterentwicklung der bisherigen Vorgehensweise“. Ganz bewusst habe man sich mehrere Jahre Zeit genommen, um die geplante Kostenreduzierung und den dazu notwendigen Personalabbau ohne Kündigungen bewerkstelligen zu können. Dies wollte aber Axel Mohr nicht. Er plädierte für einen deutlichen Einschnitt mit 58 betriebsbedingten Kündigungen.
Anhand von Protokollauszügen der Aufsichtsratssitzungen vom September und November konnte Harald Kuhn belegen, dass sich sowohl er als auch Dieter Helber gegen betriebsbedingte Kündigungen und für einen über mehrere Jahre verteilten Personalabbau über die natürliche Fluktuation ausgesprochen hatten. Helber warnte damals bereits vor dem erheblichen Imageschaden für die Bank. Auch nach der Eskalation in der Dezembersitzung und dem Hinweis auf den fehlenden Vorstandsbeschluss „gab es seitens des Aufsichtsrats beschwichtigende Worte, aber keine definitive Lösung der Auseinandersetzung“. Als sich Dr. Hoffmann am darauffolgenden Tag bei der Verabschiedung von Dieter Helber uneingeschränkt für den Weg von Axel Mohr aussprach, sei ihm nichts anderes übriggeblieben, als seinen Widerstand gegen die geplanten Kündigungen öffentlich zu machen.
„Leider blieb unser Widerspruch ohne Erfolg“, bedauerte auch Dieter Helber den damals fehlenden Rückhalt im Aufsichtsrat. „Herr Kuhn und ich haben lange versucht, Axel Mohr intern zu bremsen.“ Dieter Helber ging in seiner Rede zudem auf die in einem Brief an die Vertreter geäußerten Vorwürfe Axel Mohrs ein. „Der Brief ist an Dreistigkeit nicht zu überbieten und strotzt nur so vor Halbwahrheiten und Unwahrheiten“, empörte sich Helber. So schildere Mohr durchaus zutreffend, dass 2006 und 2007 neun Personen zusätzlich eingestellt wurden. „Das ist aber nur die halbe Wahrheit, 2008 und 2009 wurden nämlich insgesamt 21 Stellen unter Ausnutzung der natürlichen Fluktuation abgebaut.“
In der anschließenden Aussprache lobten etliche Vertreter Kuhn und Helber für ihr couragiertes Auftreten und ihren Einsatz zur Verhinderung der Entlassungen. Die mit einem erheblichen Imageschaden verbundene öffentliche Auseinandersetzung sorgte allerdings bei einigen für Unverständnis. „Warum konnte dies bei drei Vorständen nicht verhindert werden?“ Verantwortlich dafür sei vor allem die starre Haltung Axel Mohrs und der fehlende Rückhalt für ihre Gegenposition im Aufsichtsrat, antworteten Kuhn und Helber.
Große Verwirrung hatte ein Brief an alle Vertreter ausgelöst. In dem Schreiben vom 10. Dezember wird das Strategiekonzept kurz vorgestellt und begründet, weshalb zur Umsetzung 58 betriebsbedingte Kündigungen notwendig seien. Unterzeichnet haben den Brief Axel Mohr, Dieter Helber und Harald Kuhn. „Dies war ein großer Fehler“, bekannten Kuhn und Helber unumwunden, „dadurch entstand ein falscher Eindruck.“ Zustande gekommen sei dies durch die sich damals überschlagenden Ereignisse. Mittlerweile sei die Presse anonym über den geplanten Stellenabbau informiert worden, und Axel Mohr habe kurzfristig eine Pressekonferenz einberufen müssen, um seine Pläne vorzustellen. „Wir wollten nicht, dass Sie dies aus der Zeitung erfahren, und haben deshalb in der Hektik den Brief mit unterschrieben“, erläuterten die beiden Vorstandsmitglieder.
Der neu gewählte Aufsichtsrat (siehe Bericht auf Seite 16) wird sich nun zunächst vor allem mit der Suche nach einem neuen Vorstandsmitglied beschäftigten und alles tun, um die Wogen nach der kurzen, aber aufreibenden Ära Mohr zu glätten. Auch wenn die betriebsbedingten Kündigungen nun endgültig vom Tisch sind, wird die Personaldecke bei der Volksbank Kirchheim-Nürtingen in den kommenden Jahren wohl deutlich ausgedünnt. Zumindest hat keiner der Vertreter und Mitglieder am Mittwoch die Notwendigkeit der Personalreduzierung in Zweifel gezogen.
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