21.07.2014 - 02:02 Uhr

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„Atomwaffen sind nutzlos“

Mit 1 000 Milliarden US-Dollar könnte man viel Sinnvolles tun, etwa gegen Armut und für den Klimaschutz. Die USA wollen diese Summe in den nächsten 30 Jahren lieber für atomare Rüstung ausgeben. Mit der sechsten Pacemakers-Regio-Radtour forderten 50 Radler die weltweite Abschaffung aller Atomwaffen.

Peter Dietrich
Etwa 50 Teilnehmer starteten bei der Pacemakers-Regio-Rad-Tour in Kirchheim.Foto: Peter Dietrich
Etwa 50 Teilnehmer starteten bei der Pacemakers-Regio-Rad-Tour in Kirchheim.Foto: Peter Dietrich

Kirchheim. Die Rundtour begann am Samstagmorgen mit einer kurzen Kundgebung vor dem Kirchheimer Rathaus. Klaus Pfisterer von der Deutschen Friedensgesellschaft – Vereinigte KriegsdienstgegnerInnen (DFG-VK) Neckar-Fils ging auf die drei Schreckenszahlen 17 000, 2 000 und 20 ein: „Weltweit gibt es immer noch etwa 17 000 Atomwaffen im Besitz von neun Ländern. Davon sind etwa 2 000 in ständiger Alarmbereitschaft. Im Rahmen der sogenannten nuklearen Teilhabe der NATO sind weiterhin US-Atombomben in Europa stationiert, auch in Deutschland. Es sind etwa 20 in Büchel in der Eifel.“

Dabei habe US-Präsident Barack Obama 2009 in Prag von einer atomwaffenfreien Welt gesprochen. Im März 2010 habe der Deutsche Bundestag parteiübergreifend mit einer großen Mehrheit den Abzug der Atomwaffen von deutschem Boden gefordert. Pfisterer blickte auch nach Japan: „Dass die japanische Regierung ihre pazifistische Grundhaltung aufgeben will, ist angesichts der eigenen Geschichte völlig unverständlich.“ Solle der Weltfrieden nicht weiter gefährdet werden, müssten alle Staaten, auch Israel, Indien und Pakistan, den Atomwaffensperrvertrag unterzeichnen.

Auch Deutschland müsse handeln: „145 Staaten unterzeichneten bei der zweiten Konferenz zu den humanitären Auswirkungen von Atomwaffen in Mexiko 2014 die Absichtserklärung, dass Atomwaffen ,nie wieder und unter keinen Umständen mehr eingesetzt‘ werden sollen. Bisher verweigert Deutschland seine Unterschrift.“

Die sechste Pacemakers-Regio-Radtour wurde von einem breiten Bündnis von Friedensgruppen, Kirchen und Gewerkschaften unterstützt. Zu den Unterstützern gehörte die internationale Vereinigung „Mayors for Peace“, Bürgermeister für den Frieden. Das Bündnis zählt weltweit mehr als 6 000 Bürgermeister, darunter viele aus der Region; die Landräte von Esslingen und Göppingen sind ebenso dabei wie Kirchheims Oberbürgermeisterin Angelika Matt-Heidecker, die den Anfang der Tour mitfuhr. „Gehen Sie im Frieden Gottes“, wünschte Dekanin Renate Kath den Friedensradlern. Die Tour habe sie an ein Zitat aus Psalm 24 erinnert: „Suche den Frieden und jage ihm nach.“

In Ebersbach, der ersten Obst- und Getränkestation, empfingen der Göppinger Landrat Edgar Wolff und Bürgermeister Sepp Vogler die Radler. Für Vogler ist „die Zeit, in der Atomwaffen zur nationalen Sicherheit beigetragen haben sollen, vorbei. Genau das Gegenteil ist der Fall“. Wolff zitierte den Schriftsteller Heinrich Böll, der einmal gesagt habe, keine Sache in der Welt könne die Anwendung der Atombombe rechtfertigen. Atomwaffen, so Wolff weiter, seien eine Bedrohung für die Menschen und nutzlos: Bei Problemen wie dem Klimawandel oder der Armut würden sie nichts helfen. „Es gibt in Europa 180 taktische Atomwaffen, 20 in unserem Land, das sind genau 20 zu viel.“ Nun sollten diese „Relikte des kalten Krieges“ sogar noch modernisiert werden, beklagte Wolff. Wenn es eine internationale Ächtung für Chemiewaffen gebe – warum dann nicht auch für Atomwaffen?

Der Mitorganisator der Tour, Tobias Bollinger vom Sozialen Friedensdienst Göppingen, sagte, parallel zur Regiotour seien rund 50 Pacemaker, also Schrittmacher, mit denselben Forderungen unterwegs nach Berlin zum Bundeskanzleramt. Von Stuttgart aus hätten die Fahrer 600 Kilometer zurückgelegt. Mit der Modernisierung der Atomwaffen würden die Waffen noch über Jahrzehnte erhalten bleiben, kritisierte Bollinger. „Damit würde das Risiko eines technischen oder menschlichen Fehlers enorm steigen, von den finanziellen und ökologischen Folgen ganz zu schweigen.“

Nächste Station war Esslingen. Dort unterstützte Oberbürgermeister Jürgen Zieger die Forderung nach einer Vernichtung aller Atomwaffen weltweit. Der frühere DGB-Kreisvorsitzende Thomas Bittner warnte: „Konflikte eskalieren schnell, und es können Fehler passieren.“ Er wandte sich an die Abgeordneten aus der Region: „Tun Sie alles, damit die Atomwaffen aus Deutschland verschwinden.“

Ab Esslingen fuhr Bürgermeister Otto Ruppaner aus Köngen mit. Bittner bat ihn, seinem Vorgänger Hans Weil als „Bürgermeister für den Frieden“ zu folgen. Ruppaner bestätigte diese Bitte mit entschiedenem Kopfnicken. In Deizisau schloss sich Bürgermeister Thomas Matrohs der Tour an. Bürgermeister Armin Elbl empfing die Radler in Wernau. Die atomare Bedrohung sei nach wie vor da, sagte er. Doch es gebe immer wieder kleine Erfolge: „Zur Zeit des kalten Krieges gab es noch mehr Sprengköpfe.“

Die einzelnen Bürgermeister sammelten bei den Friedensradlern auf unterschiedliche Weise Pluspunkte. Jürgen Zieger in Esslingen bekam sie, weil er erstmals an einem Amtssitz die grüne „Mayors für Peace“-Fahne hatte hissen lassen. Bürgermeister Elbl erreichte es mit etwas ganz anderem: Am Getränkestand vor dem Quadrium gab es auch Weizenbier.

Einen großen Applaus bekam die Polizei, sie hatte die Tour mit Fahrrad und Motorrad sehr umsichtig begleitet. Auch dank ihrem Einsatz kehrten die verschwitzten Friedensradler nach etwa sechs Stunden unfallfrei nach Kirchheim zurück.

 

Weitere Infos gibt es auf www.mayorsforpeace.de und www.pace-makers.de im Internet.

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