16.01.2009 - 20:24 Uhr

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Der Ruheständler gleicht einem knienden Kamel

ho

Am Wochenende hat die evangelische Kirchengemeinde Dettingen Dr. Heiko Krimmer in den Ruhestand verabschiedet. 21 Jahre lang hatte er als Pfarrer in Dettingen gewirkt.

Andreas Volz

Dettingen. Anfang und Ende von Pfarrer Krimmers Wirken in Dettingen waren zwar nicht komplett gleich, aber doch in zwei wesentlichen Punkten ähnlich: Kirchenchor und Posaunenchor führten gemeinsam dieselbe Kantate auf wie bei Heiko Krimmers Investitur am 16. August 1987. Und er selbst setzte sich über die vorgegebene Ordnung hinweg, indem er für den gestrigen Sonntag kurzerhand den Predigttext wählte, auf den er schon die Predigt bei seiner Amtseinsetzung in der Dettinger Georgskirche aufgebaut hatte – den Schluss der Bergpredigt aus Matthäus 7, wo es unter anderem heißt: „Wer diese meine Worte hört und tut sie, der gleicht einem Mann, der sein Haus auf Fels baut.“

Seit über tausend Jahren würden die Menschen in Dettingen das Wort Gottes hören, führte Pfarrer Krimmer in seiner Abschiedspredigt aus. Das sei auch in den härtesten Zeiten so gewesen, etwa im 30-Jährigen Krieg, als zu den Kriegswirren auch noch Pestepidemien hinzukamen. Von einem seiner Vorgänger aus dieser Zeit sei überliefert: „Er weste hier 14 Tage und verstarb.“

Hören sei das eine, tun das andere. Für Dr. Heiko Krimmer ist Gottes Wort ein schaffendes Wort. Aufgabe des gleichnishaften Sämanns sei es, dieses Wort zu säen, damit es wirke und wachse. Schließlich gelte es noch, „im Wort fest“ zu sein, das eigene Haus auf festen Grund zu bauen. „Wir bauen das Haus unseres Lebens, dürfen unser Leben also bewusst gestalten“, erklärte Pfarrer Krimmer. Vor allem komme es darauf an, nicht auf Sand zu bauen, denn die Platzregen, die Wasser und die Stürme, die im biblischen Text angesprochen sind, kommen „bei jedem von uns, früher oder später“.

Für Heiko Krimmer sind nun zumindest die Stürme der beruflichen Belastung zu Ende. Kirchheims Dekanin Renate Kath dankte ihm daher im Namen des Kirchenbezirks und der Landeskirche für seine Dienste und hieß ihn – nicht ohne Hintergedanken in Richtung Aushilfen und Vertretungen – im Kreis der Ruheständler willkommen. Immerhin bleiben Heiko und Wiltrud Krimmer ganz in der Nähe: Ihr neues Domizil haben sie in Owen.

Beim Stehempfang, der auf den Gottesdienst folgte, dankte Pfarrer Wilfried Veeser vom Dettinger Pfarramt II seinem Kollegen für die gute Zusammenarbeit, für dessen väterliche Art und dafür, dass er jeder Form neuer Medien letztlich nur fast erfolgreich getrotzt habe: „Das Pfarramt ist heute sogar ganz normal per E-Mail erreichbar.“

Im Namen der weltlichen Gemeinde verabschiedete Bürgermeister Rainer Haußmann den langjährigen Pfarrer, dem er eine „gewaltige Strahlkraft“ bescheinigte, mit den Worten: „Der Herr will uns prüfen. Eine andere Erklärung habe ich nicht.“ Gäbe es jetzt schon die Rente mit 67, hätte die Dettinger Kirchengemeinde vielleicht noch einen kleinen Aufschub bis zum Abschied gehabt. Da es Heiko Krimmer aber nach Owen ziehe, werde ihm Dettingen auch weiterhin „zu Füßen liegen“.

Pfarrer Winfried Hierlemann brachte einen zusätzlichen Aspekt ins Spiel: „Wenn Sie katholischer Pfarrer wären, dürften Sie noch fünf Jahre im Amt bleiben.“ So aber hatte Winfried Hierlemann sich gestern schon im Namen der Dettinger Maria-Königin-Teilgemeinde Sankt Nikolaus von der Flüe bei seinem evangelischen Kollegen für die gute und außergewöhnlich häufige ökumenische Zusammenarbeit zu bedanken. Höhepunkt sei die gemeinsame Taufe eines evangelischen und eines katholischen Kindes gewesen.

Stellvertretend für alle Dettinger Vereine verabschiedete sich Roland Sigel von Pfarrer Krimmer, wobei er feststellte: „Das Adieu der Dettinger gilt nur ihrem evangelischen Pfarrer, nicht aber dem Menschen Heiko Krimmer.“ Weitere Grußworte, aus denen Pfarrer Krimmers Tätigkeitsspektrum hervorging, sprachen Sibylle Lehmann für die Landessynode und den Gesprächskreis „Lebendige Gemeinde“, Matthias Köhler für den Württembergischen Brüderbund und Schwester Thea für das „Haus an der Teck“ und die Aidlinger Schwestern.

Zum Schluss ergriff Heiko Krimmer selbst das Wort und bemerkte, dass ihm die Zeichen von außen sagen würden: „Jetzt reicht‘s.“ Von der körperlichen und geistigen Kraft her sei es nun an der Zeit aufzuhören. Einerseits freue er sich, wenn die 24-Stunden-Bereitschaft als Pfarrer nicht mehr für ihn gelte, und andererseits wolle er nicht noch einmal erleben, „dass während einer Predigt der Notarzt vorfährt“.

Mit dem Thema „Ruhestand“ hat sich Heiko Krimmer auf seine Art auseinandergesetzt und sich gefragt, was denn „Ruhe“ auf Hebräisch bedeute. Zwei Wörter hat er gefunden. Das eine ist der allseits bekannte „Schabbat“. Dieser bedeute aber Ruhe im Sinne von „Vollendung“, und die Voll­endung wollte Pfarrer Krimmer nicht für sich in Anspruch nehmen. Er hielt es lieber mit dem zweiten Ausdruck, der sehr bildhaft ist und wörtlich übersetzt soviel heiße wie: „das Kamel knien lassen“.

Auch die endgültige irdische Ruhe nahm Heiko Krimmer in den Blick, indem er an Abraham erinnerte, von dem geschrieben sei: Er starb „alt und lebenssatt“. Das Leben Abrahams sei zur Reife gekommen und erfüllt gewesen. In diesem Zusammenhang kam der scheidende Dettinger Pfarrer auf seine christliche Grundüberzeugung zu sprechen: „Wenn ein Kamel nach einer längeren Strecke tatsächlich kniet, dann bleibt der Kamelführer dabei und schaut, ob es auch wirklich zur Ruhe kommt.“ Zum Abschluss dieses kleinen Gleichnisses sagte Heiko Krimmer: „Das wünsche ich mir auch.“

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