31.05.2014 - 02:02 Uhr

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Die Kuh als solche im Segelflugsport

Die „Fliegerstadt“ Kirchheim präsentierte sich ihren Gästen aus Rambouillet gestern um die Mittagszeit zwar eher vom Boden aus. Aber dennoch war es für die Bürgerbusfahrer aus Kirchheims Partnerstadt durchaus beeindruckend, Segelflugzeuge aus der Nähe bestaunen zu können und sachkundig erklärt zu bekommen, was es beim Segelfliegen alles zu beachten und zu beobachten gilt.

Segelflugtage auf der Hahnweide , 50 Besucher aus Rambouillet mit Thilo Holighaus
Segelflugtage auf der Hahnweide , 50 Besucher aus Rambouillet mit Thilo Holighaus

Andreas Volz

Kirchheim. Eine Tour rings um Kirchheim stand dieses Mal auf dem Programm für die Rambolitains, die sich zum verlängerten Wochenende per Bürgerbus in Kirchheim eingefunden haben. Erster Stopp des gestrigen Ausflugs war in Weilheim, zur Besichtigung der gläsernen Produktion bei der Firma Scholderbeck. Die französischen Gäste waren begeistert – von der Führung durch Bernd Sigel wie auch von der Möglichkeit, ihre eigenen Brezeln herzustellen. Und wer weiß, ob es nicht in absehbarer Zeit auch in Rambouillet ofenfrische Brezeln zu kaufen gibt: Immerhin ist ein Mitglied der Bürgerbustruppe selbst Bäcker von Beruf.

Nächster Etappenort für den französischen Bürgerbus war die Hahnweide – „la pâture du coq“, wie die sinngemäße Übersetzung auf französisch lauten müsste. Als fachlich wie (fremd)-sprachlich äußerst kompetenter „guide“ begrüßte Tilo Holighaus im Namen der Fliegergruppe Wolf Hirth die Gäste auf dem „aérodrome“, also auf dem Flugplatz.

Dass Segelflieger als erstes über das Wetter reden, ist völlig normal. Immerhin ist die Wetterbeobachtung ein wesentlicher Bestandteil ihres Sports. Zu seinem Bedauern aber musste Tilo Holighaus gleich zu Beginn erklären, dass es auch am siebten Wettkampftag um das Wetter nicht bestens bestellt sei. Um die Mittagszeit aber war er noch mehr als zuversichtlich, dass gegen 13.30 Uhr gestartet werden könnte. Dann nämlich hätten die Bürgerbusfahrer Schleppstarts erleben können – einen nach dem anderen –, und die internationalen Wettbewerbsteilnehmer hätten endlich wieder einen Wertungstag zu verbuchen gehabt.

Auch wenn die Zuversicht für gestern Nachmittag nach und nach schwand, so steht für Tilo Holighaus und alle anderen Mitglieder der Fliegergruppe Wolf Hirth fest, dass es am heutigen Samstag besonders schön wird. „Der letzte Wettkampftag muss schön sein“, erklärte er in seiner Eigenschaft als Gästeführer, „weil sich die Leute dann an diesen Tag erinnern und deshalb gerne im nächsten Jahr wiederkommen.“ Aber zur Hahnweide kommen die Piloten aus aller Welt auf jeden Fall gerne, erläuterte er: Weil dort auch die Spitzenleute antreten, sei der Wettbewerb jetzt schon ein gutes Training für die anstehenden Weltmeisterschaften. Rege internationale Beteiligung gehört grundsätzlich zum Hahnweidewettbewerb, und so konnte Tilo Holighaus den Gästen aus Rambouillet auch mitteilen, dass gerade etliche ihrer Landsleute in Kirchheim sind, darunter „mehrere Mitglieder der französischen Nationalmannschaft“.

Neben Details zum Wettbewerb ging es bei der Führung auf der Hahnweide auch um Details zum Segelflug allgemein: „Das ist ein Sport mit vielen Facetten. Man verwendet die Energie der Natur und muss nach Aufwinden suchen, um sich dort hochzuschrauben.“ So leicht sich das anhört, so viel gibt es dabei zu beobachten: „Man muss auf das Wetter achten, auf den Wind, auf die Sonne, auf die Wolken, aber auch auf den Boden und viele weitere Faktoren.“ Selbst bei einem Wald komme es noch darauf an, welche Bäume dort wachsen. Vögel, die ihrerseits die Thermik nutzen, könnten den Fliegern ebenfalls behilflich sein.

Nicht zuletzt orientieren sich die Wettbewerbsteilnehmer aber auch an ihren Sportkameraden und schauen, wo diese ihre Kreise ziehen, die sie nach oben führen sollen. In diesem Fall komme auch noch die entsprechende Taktik ins Spiel: Das taktierende Beobachten der anderen sei oft ganz ähnlich wie im Radsport.

Wer zwischendurch keinen Aufwind bekommt und somit nicht mehr zum Ausgangspunkt zurückkehren kann, der muss nach einem geeigneten Platz für eine Außenlandung suchen. Das sei völlig normal und komme immer wieder vor. Große Freude löste Tilo Holighaus unter seinen Zuhörern aus, als er ihnen den französischen Fachausdruck nannte: Während sich „Außenlandung“ eher technokratisch-langweilig anhört, verwenden die Franzosen einen wesentlich blumigeren Ausdruck: „aller aux vaches“ oder gar „se vacher“, was ungefähr so viel bedeutet wie „sich zu den Kühen begeben“ oder „sich unter die Kühe mischen“.

Beim näheren Betrachten der einzelnen Flugzeuge interessierten sich die Rambolitains stark für die ausklappbaren Propeller und die Motoren, die zwei unterschiedlichen Zwecken dienen können: Die kleineren Motoren sollen helfen, eine Außenlandung – oder eben eine „Begegnung mit den Kühen“ – zu verhindern, indem sie den Piloten, der keine Höhe mehr gewinnen kann, doch noch zum Ausgangsflugplatz zurückführen. Die größeren Motoren wiederum ermöglichen sogar einen Eigenstart. Das heißt, dass der Pilot ohne fremde Hilfe in die Luft gehen kann, also ohne Seilwinde oder ohne Schleppstart, gezogen von einem Motorflugzeug.

An dieser Stelle gab es dann einen einzigen Fall von Verständigungsproblem, was aber nicht an der Sprache lag, sondern am Verständnis für die Sache: Für die Frage, wie lange der Motor am Stück genutzt werden kann, hatte Tilo Holighaus nämlich kein richtiges  Verständnis: „Die Frage stellt sich für uns nicht. Man braucht den Motor beim Start vielleicht fünf bis zehn Minuten und dann nicht mehr. Wir machen ja Segelflug.“ Und gerade beim Wettbewerb ist es wichtig, spätestens nach Überfliegen der virtuellen Startlinie auf gar keinen Fall mehr einen Motor zu benutzen – sonst fliegt man aus der Wertung.

Die Bürgerbusfahrer jedenfalls werteten den Besuch auf der Hahnweide als ausgesprochen positiv. Schließlich war es für viele von ihnen die erste Begegnung mit dem Segelflug überhaupt und somit hochinteressant, obwohl gestern alle Segler am Boden blieben. Bei einem Start am frühen Nachmittag hätten die Rambolitains übrigens auch an ihrem dritten Etappenort den Wettbewerb verfolgen können: vom Freilichtmuseum Beuren aus. Über Beuren wäre für gestern der Ausklinkpunkt für die Schleppstarts vorgesehen gewesen.

So allerdings können die Gäste aus Kirchheims Partnerstadt – wie die Segelflieger selbst – nur auf besseres Wetter am heutigen Samstag hoffen, um vielleicht doch noch spektakuläre Starts und Landungen erleben zu können. Am Sonntag dagegen wäre das Wetter nicht mehr ganz so wichtig, weder für den Flugwettbewerb noch für den Bürgerbus: Wer den ganzen Tag im Bus sitzt, auf dem Weg von Kirchheim nach Rambouillet, für den darf es draußen ruhig etwas kühler und wolkenvergangen sein.

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