18.12.2012 - 02:02 Uhr

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Graupner unter dem Schutzschirm

Das Kirchheimer Modellbau-Unternehmen Graupner hat beim Esslinger Amtsgericht ein Schutzschirmverfahren beantragt. Gestern wurden zunächst die rund 130 Mitarbeiter in Kirchheim über die Situation informiert. Anschließend wandten sich die Geschäftsführer Stefan Graupner und Günter Kölle an die Presse.

Andreas Volz
Das Kirchheimer Modellbau-Unternehmen Graupner hat beim Esslinger Amtsgericht ein Schutzschirmverfahren beantragt.  Foto: Jean-Luc Jacques

Das Kirchheimer Modellbau-Unternehmen Graupner hat beim Esslinger Amtsgericht ein Schutzschirmverfahren beantragt.  Foto: Jean-Luc Jacques

Kirchheim. Das Schutzschirmverfahren „bietet Schutz vor Vollstreckung bei drohender Zahlungsunfähigkeit oder Überschuldung und belässt das Unternehmen in Eigenverwaltung“, hieß es gestern in einem persönlichen Gespräch der Geschäftsleitung mit dem Teckbo­ten. Das Verfahren sei kein Insolvenzverfahren und führe auch nicht zwangsläufig zur Insolvenz. Ziel sei es vielmehr, während des dreimonatigen Schutzschirmverfahrens die Restrukturierung des Unternehmens bis März 2013 abzuschließen und eine Insolvenz abzuwenden.

Das Schutzschirmverfahren gibt es noch nicht lange in Deutschland. Seit März haben rund 160 Unternehmen ein solches Verfahren beantragt, im Landkreis Esslingen ist Graupner erst das zweite Unternehmen, das in ein Schutzschirmverfahren geht, sagte Günter Kölle. Nahezu alle Verfahren in Deutschland seien bisher „gut verlaufen“. Deshalb zeigte sich Günter Kölle zuversichtlich: „Wir sind nicht niedergeschlagen. Die Nachrichten hätten schlimmer sein können.“

Positiv ist nämlich, dass das Amtsgericht Esslingen das Schutzschirmverfahren überhaupt genehmigt hat, wie Stefan Graupner erläutert: „Das Verfahren wird nur dann bewilligt, wenn man nachgewiesen hat, dass das Unternehmen nachhaltig positive Ergebnisse erzielen kann. Wir konnten das belegen.“ Nicht zuletzt habe es 2012 – wie auch im Vorjahr schon – Umsatzzuwächse im zweistelligen Bereich gegeben.

Die Schieflage, mit der sich das Kirchheimer Traditionsunternehmen nun konfrontiert sieht, hat also weniger mit dem Umsatz zu tun, sondern mehr mit den anfallenden Kosten. Günter Kölle: „Wir haben eine Kostenstruktur, die so hoch ist, dass es für den jetzt getätigten Umsatz nicht ganz ausreicht.“ Zum einen betreffe das die Produktionskosten, zum anderen gebe es einen aggressiven Preiswettbewerb durch „Anbieter aus den USA und China“.

Die Zukunft sei bestens besetzt bei Graupner – nicht nur durch den Umsatz, sondern auch durch die neue Technologie, auf die vor drei Jahren umgestellt worden war. Bei den Fernsteuerungen habe die moderne Digitaltechnik HoTT (Hopping Telemetry Transmission) die Analogtechnik abgelöst. Es gebe aber bei den Kosten noch zu viele Altlasten aus den Vorjahren. Belastend seien unter anderem die Investitionen in die neue Technologie gewesen, die das Unternehmen in die Zukunft führen soll.

Stefan Graupner spricht von einer notwendigen Restrukturierung des Familienunternehmens. Die große Richtung gehe vom Produktionsbetrieb hin zu einem Entwicklungs-, Marketing- und Vertriebsunternehmen. Wie die Neustrukturierung konkret aussehen soll, dafür ließen sich derzeit noch keine Aussagen treffen. Aber das Schutzschirmverfahren biete drei Monate Zeit, um einen entsprechenden Plan vorzulegen. Fest steht natürlich, dass das Konzept „mit Einschnitten verbunden ist“. Zur Zukunft der Arbeitsplätze hieß es gestern, dass ein Abbau nicht auszuschließen sei. Auch darüber sei die Betriebsversammlung gestern umfassend informiert worden. Näheres zur Entwicklung der Arbeitsplätze lasse sich aber noch nicht abschätzen.

Bis März zumindest bringt das Schutzschirmverfahren einen wesentlichen Vorteil für die Mitarbeiter: „Die Zahlung von Löhnen und Gehältern ist in den nächsten drei Monaten sichergestellt“, sagte Stefan Graup­ner gestern. Er betonte noch einen weiteren wichtigen Aspekt in der aktuellen Situation: „Wir erfahren eine sehr große Unterstützung bei allen Mitarbeitern, Geschäftspartnern, Kunden, Banken. Ich bin wirklich beeindruckt, wie unsere Partner sich für Graupner einsetzen.“ Für Günter Kölle ist dieser Rückhalt auch darauf zurückzuführen, dass es gelungen sei, die Bewilligung für das Schutzschirmverfahren zu erhalten.

Das Verfahren gebe der Geschäftsführung Instrumente in die Hand, um den letzten Schritt zur Neustrukturierung flexibel genug angehen zu können, meinte Günter Kölle. Vor allem aber könne die Geschäftsleitung weiterhin selbständig agieren. Statt eines Insolvenzverwalters gibt es in diesem Verfahren einen Sachwalter, der dem Management unterstützend und beratend zur Seite steht.

Der Sachwalter, den das Amtsgericht Esslingen für Graupner akzeptiert hat, ist Dr. Wolfgang Bilgery von der Stuttgarter Sozietät Grub Brugger & Partner. „Dr. Bilgery hat Erfahrung“, sagte Günter Kölle gestern, „für ihn ist das ein normaler Vorgang.“ In Abstimmung mit ihm als Sachwalter entscheide die Geschäftsleitung weiterhin selbst.

Als wichtigste Vorteile für Graup­ner sieht Günter Kölle die neue Technologie, die Entwicklung sowie den Markennamen. Stefan Graupner spricht deshalb von der „hohen Strahlkraft“, die die Marke Graupner im Fachhandel und bei den Endkunden habe. Auf dieser Strahlkraft gilt es aufzubauen, wenn das Umstrukturierungskonzept gemeinsam mit allen Beteiligten entwickelt wird – also mit dem Sachwalter, mit den Banken und mit dem Betriebsrat.

„In den kommenden drei Monaten wartet harte Arbeit auf uns, da machen wir uns nichts vor“, konstatiert Stefan Graupner, der sich zuversichtlich zeigt, dass es am Ende einen Maßnahmenkatalog gibt, der sein Unternehmen gut für die Zukunft aufstellt. Für Günter Kölle stehen ebenfalls „alle Ampeln auf Grün“, um den jetzt eingeschlagenen Weg erfolgreich gehen zu können. Das Schutzschirmverfahren begreift er als große Chance für Graupner.

Für jeden einzelnen Mitarbeiter sei es wichtig, „dass das, was er macht, einen Sinn hat“, meint Günter Kölle. Er sieht das Schutzschirmverfahren auch für die Geschäftsleitung als eine große Herausforderung. Deshalb betont er: „Wir haben es selbst in der Hand. Wir können aktiv werden, dass es ein gutes Ende nimmt. Und das gibt uns Energie.“

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