30.01.2012 - 02:02 Uhr

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Putzmeister an chinesisches Unternehmen verkauft

Die Firma Putzmeister wird an den chinesischen Hersteller von Baumaschinen und Betonpumpen Sany Heavy Industry verkauft. Dies gab das Aichtaler Unternehmen überraschend am Freitag bekannt. Sany erwirbt gemeinsam mit einem Minderheitseigner als stillem Teilhaber 100 Prozent von Putzmeister.

Henrik Sauer

Aichtal. „Die Putzmeister Holding und die Sany Heavy Industrie haben heute die Unterzeichnung einer Vereinbarung über den Zusammenschluss beider Unternehmen bekannt gegeben“, heißt es in der Pressemitteilung der Firma. Die Transaktion stehe noch unter dem Vorbehalt der Zustimmung der relevanten Behörden. Zu den finanziellen Details der Transaktion hätten beide Parteien Stillschweigen vereinbart.

Der Verkauf habe strategische Gründe, sagt Norbert Scheuch, Vorsitzender der Geschäftsführung bei Putzmeister. Der Weltmarkt für Betonpumpen habe sich seit der Wirtschaftskrise vor drei Jahren verändert. Sei Putzmeister einst der weltgrößte Hersteller mit einem Marktanteil von 30 Prozent gewesen, sei dieser Anteil heute auf neun Prozent zurückgegangen. Dies auch, weil der chinesische Markt mittlerweile 70  Prozent des Weltmarkts ausmache. „Europa und USA sind nicht mehr die Hauptmärkte“, so Scheuch. Auch gebe es heute mehr „globale Spieler“ im Weltmarkt, deshalb müsse man bei Putzmeister aufpassen, nicht unter die Räder zu kommen.

Sany, mit Sitz in Changsha, sei die Nummer eins in China, dem größten und am stärksten wachsenden Markt für Betonpumpen. Der Zusammenschluss mit Putzmeister, als nach wie vor führendem Anbieter in den meisten Märkten außerhalb Chinas, folge daher einer klaren Logik. Aus der Transaktion gehe ein globaler Marktführer für Betonpumpen hervor. „Das passt bestechend. Sany macht den chinesischen Markt, wir machen den Rest der Welt,“ so Scheuch.

Aichtal werde der Sany-Hauptsitz sein für Betonequipment in der Welt außerhalb von China, heißt es in der Pressemitteilung, und werde „einen hohen Grad unternehmerischer Freiheit behalten“. An den Arbeitsplätzen dort werde sich „definitiv“ nichts ändern, ergänzt Scheuch. Putzmeister werde als Marke weitergeführt. Rund 900 Mitarbeiter sind in Aichtal beschäftigt. Weltweit sind es rund 3 000 Mitarbeiter.

Nichtsdestotrotz gibt das 1958 gegründete Aichtaler Unternehmen seine Eigenständigkeit als Familienunternehmen auf und wird Teil eines Konzerns. „Aber es ist eine zukunftsträchtige Lösung, auch für die Mitarbeiter.“ Sany sichere mit seiner Finanzkraft Putzmeister Wachstumsperspektiven: „Die Chancen und Entwicklungsmöglichkeiten sind besser als alleine“. Darüber sei man sich im Management, dem Aufsichtsrat sowie im Stiftungsvorstand und dem Stiftungskuratorium einig gewesen. Der Erlös des Verkaufs komme in vollem Umfang der „Karl Schlecht Gemeinnützigen Stiftung“ und der „Karl Schlecht Familienstiftung“ zu. In diese beiden Stiftungen hatte Firmengründer Karl Schlecht die Firmenanteile übertragen.

Die Entscheidung für den Verkauf sei aus freien Stücken getroffen worden, betont Norbert Scheuch, der auch unter Sany Vorsitzender der Geschäftsführung bleiben werde und außerdem Mitglied des Sany-Vorstands werde. Das Unternehmen habe sich, nachdem es in der Wirtschaftskrise 2008 starke Auftragseinbrüche zu verzeichnen hatte, wieder aufgerappelt, so Scheuch. Auch einen personellen Aderlass hatte es gegeben. Derzeit befinde man sich in einem „stetig moderaten Wachstum“. Vergangenes Jahr habe man mit einem Umsatz von 571 Millionen Euro eine „gute Steigerung“ verzeichnet: „Es geht uns gut, aber wenn wir nichts tun, könnte es uns bald schlecht gehen“, so Scheuch.

Sany Heavy Industry wurde 1994 als privatwirtschaftliches Unternehmen gegründet. Die Produktpalette umfasst nahezu das gesamte Spek­trum von Baumaschinen. Die Muttergesellschaft Sany Group agiert weltweit mit rund 70 000 Mitarbeitern in mehr als 150 Ländern. Gründer und Vorstandschef ist Liang Wengen. Sany Heavy Industry unterzeichnete 2009 einen Vertrag zum Bau eines Forschungs- und Entwicklungszentrums mit angeschlossener Produktion in Bedburg bei Köln.

Karl Schlecht, Gründer von Putzmeister und Vorsitzender der Familienstiftung, bezeichnet in der Pressemitteilung den Verkauf als „Vorzeigebeispiel einer globalen Transaktion“. Zum ersten Mal entscheide sich damit ein deutscher Mittelständler für den Verkauf seines Unternehmens nach China. Sany sei eines der wenigen großen chinesischen Unternehmen, die von einem Gründer geführt werden, der gleichzeitig Mehrheitseigentümer ist: „Liang Wengen ist einer der erfolgreichsten Unternehmer Chinas. Er teilt nicht nur unseren Unternehmergeist, sondern auch die Werte von Putzmeister.“

Die Nachricht vom Verkauf kam am Freitagnachmittag völlig überraschend, auch für den Betriebsratsvorsitzenden Gerhard Schamber. Aufgrund börsenrechtlicher Vorschriften in China habe Putzmeister noch am Freitagabend den Verkauf publizieren müssen. Gerhard Schamber musste seine Gefühle denn auch erst mal ordnen: „Ich hätte das nicht erwartet.“ Wichtig ist für ihn die Zusage, dass der Verkauf auf den Standort Aichtal und die Mitarbeiter dort keine Auswirkungen haben werde. Alle Vereinbarungen und auch die Tarifbindung blieben ersten Informationen nach bestehen.

 

Die Gewerkschaft IG Metall ruft heute um 8.30 Uhr am Haupteingang von Putzmeister zu einer Kundgebung auf. Es sprechen Gerhard Schamber, Betriebsratsvorsitzender, und Sieghard Bender, Erster Bevollmächtigter der IG Metall Esslingen. Der Tenor: „War Putzmeister pleite? Wir glauben nicht. Im Gegenteil: Nach der Sanierung in der Krise, die vor allem die Belegschaft getragen hat, ist Putzmeister wieder viel wert.“ Es soll auch die Frage erörtert werden, wer die hundert Millionen Euro Kaufpreis bekommt.

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