25.10.2006 - 01:30 Uhr

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Streit um Schulpflicht

Weite Kreise zieht derzeit der Fall einer Bissinger Familie, die ihre Kinder zu Hause unterrichten möchte. Seit gut vier Wochen schicken die gläubigen Eltern drei ihrer Kinder nicht mehr in die Schule aus Sicht der zuständigen Behörden ein Grund einzugreifen: Sie verhängten ein Bußgeld und ließen die Kinder von der Polizei zur Schule bringen.

B. LÜTZ / A. KIRSAMMER

BISSINGEN Vier Wochen lang waren die drei schulpflichtigen von insgesamt fünf Kindern des Bissinger Ehepaars nicht in der Schule erschienen. Nachdem Rektor Wolfgang Rose die Eltern erfolglos mündlich und schriftlich aufgefordert hatte, ihre Kinder wieder zum Unterricht zu schicken, schaltete die Gemeinde die Polizei ein. "Wir haben sehr lange abgewartet", sagt Bissingens Bürgermeister Wolfgang Kümmerle. Nach Gesprächen mit dem Kultusministerium und dem Amt für Schule und Bildung des Kreises habe er sich zum Wohle der Kinder für eine "zwangsweise Zuführung zum Unterricht" entschieden. Am Freitag brachte die Polizei die Kinder zur Schule, am Montag verhinderten die Eltern und Freunde ein solches Vorgehen.

Im Gespräch mit dem Teckboten schildert die Mutter ihre Beweggründe: "Mein ältester Sohn ist ein guter Schüler, aber in den drei Jahren, die er zur Schule gegangen ist, hat er systematisch nachgelassen." Gewalt auf dem Schulweg und Mobbing in der Klasse hätten dazu geführt, dass sich der Neunjährige zurückgezogen habe. Auch ihre achtjährige Tochter, die nach Angaben der Mutter eine "wilde Klasse" besucht, leide unter Angst und ständigen Kopfschmerzen. "Weil sie in der Schule nicht mitgekommen ist, mussten wir jeden Tag zwei bis drei Stunden zu Hause nacharbeiten."

So entschloss sich das Ehepaar, seine Kinder selbst zu Hause zu unterrichten eine Methode, die sich "Homeschooling" nennt. "Dazu haben wir Material von einer Fernschule", erzählt die Mutter. Sie hat Trompete studiert, ihr Mann ist Klavierlehrer und leitet eine private Musikschule im Ort. Das Ehepaar, das der Brüdergemeinde in Nürtingen angehört, hat zudem religiöse Beweggründe: "Die Bibel hat in der Schule keinen Platz außer im Religionsunterricht", kritisiert die Mutter. Ihr Wunsch sei, dass ihre Kinder in Ehrfurcht vor Gott aufwachsen. Zwar kann sie sich vorstellen, dass ihre Kinder später wieder zur Schule gehen allerdings erst "wenn sie gefestigt und selbstbewusster sind." Bis dahin möchte sie das Recht auf Hausunterricht erwirken. "Außer in Rumänien, Bulgarien und Deutschland ist das in jedem EU-Land möglich", sagt die Bissingerin.

In einer Erklärung weist der Verein "Netzwerk Bildungsfreiheit" auf eine Aussage der ehemaligen baden-württembergischen Kultusministerin Annette Schavan hin, wonach man "gegen derartige Familien" keine Polizeieinsätze durchführe, weil "es diesen Kindern ansonsten in aller Regel an nichts mangelt". Auch der Sprecher des Ministeriums habe sich entsprechend geäußert: "In Baden-Württemberg wird auf Zwangsmittel wie Polizeieinsätze verzichtet. Das können wir weder den Kindern noch der Polizei dauerhaft zumuten."

Peter Keck, Pressesprecher des Esslinger Landratsamts, sind solche Anweisungen nicht bekannt. "Eigentlich sieht das Schulgesetz nicht vor, Kinder aus solchen Gründen von der Schule zu befreien." Nachdem sich die Familie offenkundig nach wie vor nicht dazu bewegen lässt, ihre Kinder zur Schule zu schicken, fand gestern ein Gespräch von Vertretern der Gemeindeverwaltung, der Schule sowie des Amtes für Schule und Bildung statt. "Es wurde beschlossen, den Eltern nahezulegen, dass sie einen förmlichen Antrag auf Befreiung von der Schulpflicht stellen", so Keck. Über dessen Ausgang wird das Amt für Schule und Bildung entscheiden. Bis dahin soll laut Bürgermeister Kümmerle ein weiterer Polizeieinsatz unterbleiben.

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