07.11.2006 - 01:30 Uhr

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Suche nach einer Lösung in Sachen Hausunterricht

Für eine Menge Aufsehen hat die Entscheidung eines bibelgläubigen Bissinger Ehepaars gesorgt, seine drei schulpflichtigen Kinder ab diesem Schuljahr zu Hause zu unterrichten. Hausunterricht ist nach deutscher Schulgesetzgebung in der Regel nicht erlaubt. Gemeinsam mit der Familie versucht das Landratsamt Esslingen nun, eine Lösung zu finden.

BIANCA LÜTZ

BISSINGEN Seit den Sommerferien gehen die drei schulpflichtigen Kinder der Bissinger Familie nicht mehr in die Schule. Die Eltern hatten ihre drei Ältesten abgemeldet, um sie selbst zu Hause zu unterrichten. "Mein Mann übernimmt die beiden Großen und ich den Kleinen", erzählt die Mutter. "Wir wollen zum Beispiel keine okkulten Einflüsse durch Literatur über Hexen und Zauberer", geht die 33-Jährige, deren Familie der Nürtinger Brüdergemeinde angehört, auf die Beweggründe ein. Auch in anderen Bereichen weicht ihre Sichtweise von der Lehre an staatlichen Schulen ab: "Wir unterstützen nicht die Evolutionstheorie", sagt die Mutter. Zwar erwähne sie ihren Kindern gegenüber die "andere Lehre", wolle aber nicht, dass sich diese verfestige.

Ihr Material für den Deutsch- und Sachkundeunterricht bezieht die Bissinger Familie vom freien christlichen Heimschulwerk der Philadelphia-Schule. "In Mathe haben wir aber die gleichen Bücher wie die Kinder an der Bissinger Grundschule", berichtet die Mutter.

Die örtliche Bildungseinrichtung schlecht reden möchte die Familie nicht: "Wir sehen es gar nicht so, dass die Schule hier schlecht ist", betont die 33-Jährige. Viele Ansätze der Schulleitung findet sie sogar gut. Für ihren Geschmack kommen ihre Sprösslinge in staatlichen Bildungseinrichtungen allerdings mit zu viel "Gewalt" und zu wenig Religion in Berührung.

In einer Pressemitteilung zum Thema "Schulverweigerung in Bissingen" stellt das Landratsamt Esslingen klar, dass der Bissinger Schulleitung keine Vorfälle von Gewalt und Mobbing an der Grundschule bekannt sind und auch vonseiten der Eltern keinerlei Beschwerden vorliegen. "Bei diesem sehr sensiblen Thema hält das Amt für Schule und Bildung sehr engen Kontakt mit den Schulleitungen", heißt es darin.

"Wir wünschen uns einfach, dass Alternativen zugelassen werden", betont die Mutter von fünf Kindern und macht sich für die Duldung von Heimschulunterricht in Deutschland stark. In den meisten anderen EU-Ländern, darunter Österreich, Frankreich, Dänemark und Großbritannien, ist das sogenannte "Homeschooling" erlaubt.

"Es gibt kein Recht, Kinder aus religiösen Gründen nicht in die Schule zu schicken", geht Susanne Neib, Pressesprecherin des baden-württembergischen Kultusministeriums, auf die geltenden rechtlichen Grundlagen in der baden-württembergischen Landesverfassung und der Schulgesetzgebung ein. Auch dass die Gemeinde als Schulträgerin ab einem bestimmten Punkt die Polizei einschaltet wie in Bissingen geschehen und die Kinder der Schule "zwangsweise zuführen" lässt, sei absolut rechtens: "Das Schulgesetz gibt das her", betont sie.

"Das Gesetz ist völlig veraltet", findet hingegen Corinna Fischer, Vorsitzende des Vereins Netzwerk Bildungsfreiheit. "Der Schulzwang stammt noch aus den Zeiten des Reichsschulpflichtgesetzes von 1938", sagt sie. "Unser Ziel ist die Deregulierung des Schulsystems in Deutschland." Weg vom Schulanwesenheitszwang und hin zur Bildungspflicht, lautet die Devise des Vereins. In dem Netzwerk zusammengeschlossen haben sich laut Corinna Fischer sämtliche Arten von Heimschul-Bewegungen egal ob sie christlich, menschenrechtlich oder reformpädagogisch motiviert sind. "Dazu gehören die Eltern Hochbegabter, Anhänger von Sudbury- oder Freien Schulen."

Offiziell seien dem Netzwerk Bildungsfreiheit rund 300 Familien in Deutschland bekannt, die ihre Kinder zu Hause unterrichten. "Das heißt, es geht um rund 1000 bis 2000 Kinder", sagt Corinna Fischer. "Allerdings gibt es eine riesige Dunkelziffer. Inoffiziell sind es sicher doppelt so viele." In der Region Stuttgart, so schätzt die Vereinsvorsitzende, praktiziert rund ein Dutzend Familien das Homeschooling. Polizeieinsätze gegen Homeschooler verurteilt das Netzwerk Bildungsfreiheit. In einer Pressemitteilung des Netzwerks heißt es, ein solches Vorgehen sei bislang in Baden-Württemberg nicht üblich gewesen.

Der Verein pflegt Kontakte zu zahlreichen Heimschul-Familien. "Die Ergebnisse sind fantastisch", sagt Corinna Fischer. Sie kenne mehrere Homeschool-Kinder, die ohne Probleme den Realschulabschluss oder sogar das Abitur bestanden hätten.

Nach eigenen Angaben hat die Familie aus Bissingen durchaus Interesse daran, mit der Schule und den Behörden zu kooperieren: "Wir lassen die Leistungen unserer Kinder gerne regelmäßig von außen überprüfen", betont die Mutter. In Österreich sei es beispielsweise üblich, dass staatliche Schulen jedes Jahr den Wissensstand von Heimschul-Kindern überprüfen.

Zum Bissinger Fall und zu möglichen Lösungsansätzen in Sachen Hausunterricht will das Kultusministerium keine Stellungnahme abgeben: "Die Zuständigkeit dafür liegt beim Regierungspräsidium", sagt Susanne Neib. Das Regierungspräsidium Stuttgart setzt allerdings ebenfalls auf das Subsidiaritätsprinzip: "Da ist das Amt für Schule und Bildung im Landkreis Esslingen zuständig", heißt es vonseiten der Pressestelle. Beim Landkreis wiederum greift man nun auf Juristen des Kultusministeriums zurück: "Wir klären jetzt mit dem Kultusministerium ab, welche Ermessensspielräume es gibt", kündigt Wolf-Dieter Roser von der Pressestelle des Esslinger Landratsamts an.

Langfristiges Ziel ist es laut einer Pressemitteilung des Landratsamts, "eine sachgerechte, auf rechtlicher Grundlage basierende Lösung zu finden". Ein "sehr konstruktives Gespräch" mit der Familie habe bereits stattgefunden. Für Mitte Dezember ist ein weiteres Treffen geplant. "So lange erhalten die Kinder Hausunterricht", informiert Peter Keck, Pressesprecher im Landratsamt Esslingen. Dabei sei eine Zusammenarbeit mit der Schule für Kranke des Landkreises angedacht. Bis Weihnachten sollen keine weiteren Zwangsmaßnahmen erfolgen. Außerdem wollen die Schulpsychologische Beratungsstelle und der Soziale Dienst des Landratsamts die Familie begleiten. Sie haben angeboten, mit ihr zusammen die Konfliktsituation aufzuarbeiten und Lösungswege aufzuzeigen.

Ein Zurück zur staatlichen Schule kann sich das Bissinger Ehepaar eigenen Aussagen zufolge im Moment nicht vorstellen. Zeichne sich keine alternative Lösung ab oder drohe aufgrund des Homeschoolings gar der Sorgerechtsentzug, bleibe nur die Flucht aus ihrem Heimatort Bissingen: "Im Notfall würden wir auswandern", sagt die Mutter.

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