14.10.2008 - 17:02 Uhr

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Walcker weckt landsmannschaftliche Gefühle

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Wer sich bei einer viertägigen Fahrt in das Ruhrgebiet und dessen nähere Umgebung auf rußgeschwärzte Kohlezechen mit rauchenden Schloten eingestellt hatte, wurde in mehrfacher Hinsicht angenehm überrascht. Den 40 Teilnehmern der Orgelfahrt des Kirchheimer Fördervereins Kirchenmusik boten sich auch gepflegte Grüngürtel und Flussauen sowie Parkanlagen mit Schlössern und Burgen. Vor allem aber über zehn Orgeln, denen das Hauptinteresse der traditionellen Jahresausfahrt galt.

Roland Krämer

Kirchheim. Vorgeschlagen und ausgewählt hatte die Instrumente der Kirchheimer Bezirkskantor Ralf Sach, der im Zielgebiet der Orgelfahrt geboren wurde und dort seine Kindheit und Jugend verbracht hat. Diese Orgeln für die Vereinsmitglieder vorführen und spielen zu können, war für ihn somit ein Heimspiel im besten Sinne des Wortes.

Dass nur eine der vorgestellten Orgeln aus der Zeit vor 1900 stammt, ist in der Geschichte der Region begründet. Um die Wende zum letzten Jahrhundert entstanden im Zug des Kohleabbaus viele Arbeitsplätze, die große Zuwanderungen vor allem aus östlichen Gebieten zur Folge hatten. Es wurden Kirchengemeinden gegründet, neoromanische oder neogotische Kirchen gebaut und diese häufig mit neobarocken Orgeln im Sinne der „Orgelbewegung“ ausgestattet. Die Zerstörungen insbesondere im Zweiten Weltkrieg führten dann dazu, dass Orgeln entweder verfielen oder mit erheblichen finanziellen und bis heute andauernden Anstrengungen restauriert oder durch neue ersetzt werden mussten. So wird verständlich, dass die meisten der besuchten Instrumente ihr heutiges Klangbild erst den letzten beiden Jahrzehnten verdanken.

Ralf Sach bereitete es sichtlich Freude, durchwoben mit individuellen biografischen Erinnerungen, die Vereinsmitglieder durch diese so entstandene Klangvielfalt der westfälischen Orgellandschaft zu führen.

Zum Auftakt stand in der Christuskirche Recklinghausen ein Instrument im Mittelpunkt, das 1960 von Paul Ott, einem Vertreter der Orgelbewegung, gebaut wurde. Dem barocken Klangideal nachempfunden, überzeugte es mit klarem, hellem Klang. Einer spontanen Idee folgend, setzten Bezirkskantor Ralf Sach an der großen Ott-Orgel und Kirchenmusikdirektor Ernst Leuze an der kleinen Führer-Orgel von 1967 zu einem vergnüglichen Wechselspiel an. Über den gesamten Kirchenraum hinweg spielten sie sich die musikalischen Bälle gegenseitig zu. So entwickelte sich nicht etwa eine Auseinandersetzung zwischen David und Goliath, sondern ein Glanzstück musikalischer Improvisation.

Deutsche Spätromantik mit der 1909 von Franz Breil gebauten Orgel stand in der katholischen Kirche Sankt Martinus in Herten-Westerholt auf dem Programm. Die Schar der Orgelkundigen war schnell gespalten. Von einem wunderbaren Instrument schwärmten die einen, andere empfanden das Klangbild bei langem Nachhall als eher dumpf und verschwommen.

Zur Tradition der Orgelfahrten gehört auch der Besuch kleiner Kirchen mit kleinen Orgeln. In der Friedenskirche in Selm wird der Besucher überrascht durch originelle alte Secco-Malereien, vor allem aber durch die von der Orgelbaufirma Friedrich Fleiter mit nur einem Manual und fünf Registern gebaute Orgel – klein, aber fein und den Kirchenraum durchaus füllend.

Als wahres Kleinod erwies sich die Dorfkirche in Bochum-Stiepel. Beeindruckend die Fresken aus dem 12. bis 16. Jahrhundert, ebenso wie die 2004 von Harm Kirschner im norddeutschen Stil erbaute Orgel mit einem strahlenden Klang, aus dem viele wunderschöne Flöten besonders herausragen.

Zum vorläufigen und glanzvollen Höhepunkt der Reise wurde in der Evangelischen Kirche Essen-Werden die dortige Orgel aus dem Jahr 1900. Nicht in erster Linie deshalb, weil die Erbauerfirma E. F. Walcker aus Ludwigsburg landsmannschaftliche Empfindungen bei der schwäbischen Reisegruppe geweckt hätte und erst recht nicht deshalb, weil die Möglichkeit bestand, auf dem Kirchenstuhl des früheren Mäzens Alfred Krupp Platz zu nehmen. Vielmehr überzeug­te die Walcker-Orgel mit ihrer romantischen Disposition als ein in sich sehr stimmiges Instrument mit vollem, weichem und warmem Klang. „Traumhaft“ – so schwärmte auch Ralf Sach und führte mit dem letzten Satz aus Mendelssohns erster Sonate das ganze Spektrum von den leisesten Tönen bis zur vollen Wucht dieser Orgel vor. Geldmangel – so beklagenswert er immer ist – hat hier immerhin dazu geführt, dass ein altes Instrument weitgehend original erhalten geblieben ist.

Aus der Jahrhundertwende, ein Jahrhundert später, boten sich mehrere Orgeln zum Vergleich an: die 1983 von Alfred Führer in Lüdinghausen gebaute Orgel mit zart-schwebenden Flöten, drohenden Prinzipalen und einem jubilierenden Tutti – die von der Werkstatt Gebr. Stockmann 1998 restaurierte Orgel in Sankt Marien Lünen, die klar und transparent vom Pianissimo bis zum Fortissimo alles bewältigt mit einem hellen Klang in einer hellen Kirche – bis zur Orgel von Herbert Hey von 2001 in der Christuskirche Alt-Oberhausen, die sich klanggewaltig, allerdings mit beängstigend umwerfender Lautstärke, entfaltet.

Nachdem in der Stiftskirche Cappenberg zunächst dem berühmten Cappenberger Kopfreliquiar von Kaiser Friedrich Barbarossa die angemessene Reverenz erwiesen worden war, erlebte man dort die älteste Orgel der Reise – 1788 von Caspar Melchior Vorenweg erbaut. Mehrfache Restaurierungen, zuletzt durch die Firma Johannes Klais, konnten die ursprüngliche Disposition weitgehend original erhalten beziehungsweise wiederherstellen. Die Vielfalt der Register und die volle Pracht dieser Königin der Instrumente präsentierte Ralf Sach mit Muffats selten gespielten Variationen über ein schwedisches Volkslied.

Der fulminante Abschluss der Orgelfahrt fand in der evangelischen Marienkirche zu Dortmund statt. Dazu hatte Kantorin Andrea Bärenfänger besondere Überraschungen rund um die neobarocke, von der Firma Steinmann 1967 gebaute und 2007 von der Firma Schuke restaurierte mechanische Schleifladenorgel bereit. Im gemeinsam besuchten Gottesdienst beeindruckte Andrea Bärenfänger damit, dass dieses Instrument auch Musik aus der Romantik wiedergeben kann. Im Anschluss gab sie für die Kirchheimer Gäste ein exquisites Orgelkonzert, in dem sie zunächst – begeistert und begeisternd zugleich – „ihre“ Orgel vorstellte. Mit geschickter Hand entführte sie ihre Zuhörer in Klangbeispiele, wie sie um 1530 zum Zeitpunkt der ersten Orgel in dieser Kirche geklungen haben mögen. Von Paul Hofhaimer bis Johann Sebastian Bach wurden verschiedene Register in den Mittelpunkt gestellt und so reizvolle Klangerlebnisse vermittelt, mit obertonreichen, aber insgesamt klaren, direkten und harmonisch ausgewogenen Aussagen bis hin zum krönenden Plenum.

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