Lokales

1097 Tage Wanderschaft

Hochdorf ade: Drei Jahre und einen Tag lang muss sich Marco Wittek von Elternhaus und Wohnort fernhalten, 60 Kilometer groß ist der Radius der "Sperrzone". Der 18-jährige frisch gebackene Zimmermann ist auf der Walz. Zunächst in Begleitung erfahrener Zunftbrüder.

KARIN AIT ATMANE

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HOCHDORF Duschgel, Schuhcreme, Kleiderbürste? "Brauchst du nicht!", entscheidet Daniel Richter, der schon eine zweijährige Wanderzeit hinter sich hat. Er reduziert das ohnehin kleine Häufchen Gepäck noch einmal deutlich. Marco schaut zweifelnd, als auch noch das Handtuch aussortiert wird, lässt sich aber von einem "Du hast ja uns!" beruhigen. Drei "Rolandsbrüder" sind gekommen, um den Jung-Zimmermann unter ihre Fittiche zu nehmen und ihn in die Rituale und Vorschriften ihrer Zunft, dem Rolandsschacht, einzuführen. Beim Schnüren des Bündels wird klar, warum auch das bisschen Gepäck noch zu viel war. Drei quadratische Tücher, so genannte Charlottenburger, dienen als Koffer. Ein zweiter Satz Arbeitskleidung wird samt Hammer und Zollstock um den "Mittelstab" gewickelt und verschnürt. An diese Rolle knüpft der Erfahrenste in der Runde zwei weitere Stoffbündel: eins mit dem Schlafsack, eins mit Unterhosen und Socken. Das war's laminierte Zeugnisse, Pass und Notizbuch verstaut Marco in der Jacke.

Wer auf die Walz geht, hält die Tradition hoch und folgt Regeln, die teilweise seit dem Mittelalter gelten. Das Handy bleibt zu Hause, Kontakt mit der Familie ist aber erlaubt. In erster Linie gehe es um die Berufserfahrung, sagen die jungen Männer mit den schwarzen Schlaghosen, "andere Methoden, andere Arbeitsweisen kennenlernen". Gleich danach kommt die Lebensschule: andere Gegenden und Kulturen kennenlernen, auf Menschen zugehen, eine Bleibe finden. Im Sommer ist das kein Problem, da darf es gerne das "1000-Sterne-Hotel" sein. Ansonsten besorgt oft der jeweilige Chef eine Unterkunft. Oder sie suchen Herbergen auf oder kommen privat unter. Über mangelnde Gastfreundschaft klagt keiner in der Runde. Die Arbeitssuche schildern sie ebenfalls unproblematisch. "Handwerkliche Arbeiter sind überall gesucht, da hat man kein Problem", sagt Richter. Die Gestik sei überall ähnlich, weiß der Schweizer Thomas Meister: "Die lernt man, dann versteht man auch einen Chinesen." Richter ist in zwei Jahren Wanderschaft "einmal rund um Europa" gekommen.

Zu erzählen hätten die bereits Bewanderten eine Menge. Das wollen sie aber Marco überlassen, wenn er in frühestens drei Jahren wiederkommt. Oder noch später: Vielleicht würden es ja auch vier, meint er. Ihn zieht es ins Ausland, nach Kanada, und nach Neu-Mexiko mit einem Kollegen aus Ebersbach wenn der auch sein Bündel geschnürt hat. Aber zunächst nehmen die Brüder den Neuling mit auf ihre aktuelle Baustelle im Bayrischen, zu Fuß und per Autostopp öffentliche Verkehrsmittel sind verpönt.