Lokales

19-Tonnen-Koloss rumpelte gemächlich auf den Acker

Ein Anziehungspunkt nicht nur für Technik-Freaks und Schlepperfreunde war gestern das Hägelesfest in Ötlingen. "Stargast" war anlässlich des Max-Eyth-Jahres das Dampfpfluglokomobil.

IRIS HÄFNER

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KIRCHHEIM Es dampft und pfeift, rattert und rüttelt, ein unverwechselbarer Ölgeruch liegt zudem in der Luft. Den Pflug als kleinen Punkt in 250 Meter Entfernung fest im Blick setzt der Maschinist sein eisernes Unikum in Aktion. Konzentriert hat er Druck, Seilwinde, Wasserstand und Feuerungsanlage im Auge, damit der vierscharige Pflug samt seiner dreiköpfigen Besatzung in gleichmäßigem Tempo den Boden umgraben kann.

Dampfpflügen ist etwas Besonderes. Statt eines Traktors oder Pferdegespanns sind gleich zwei Lokomobile nötig, die sich am jeweiligen Ackerende gegenüberstehen. Maximal auf 300 Meter Distanz kann die Seilwinde den Pflug hin und zurück ziehen. Gelenkt wird dieser mit einem eisernen Rad, die zwei weiteren Mitfahrer dienen als Ballast. Beim Rückwärtsfahren wird der Pflug, der bislang in die Höhe ragte, nach unten gekippt. Nun muss der Mann am Lenkrad rasch umdenken, denn will er das Gerät nach links bewegen, muss er nach rechts lenken. Der Pflug selbst ist im Gleichgewicht, kann also nicht auf die Seite kippen. Dies dürfte für die Verantwortlichen ein beruhigendes Gefühl gewesen sein, denn die Zuschauer waren von der alten Technik derart begeistert, dass sie den Pflugscharen gefährlich nahe kamen.

Der Lehmboden im Hägele ist schwer. Der Maschine wird viel abverlangt. "In Holland hatten wir einmal eine Vorführung auf Sandboden. Das ging durch wie Butter", erinnern sich die Mitglieder der Historischen Dampftechnik Kirchheim, die den eisernen Koloss präsentierten. Wegen der schweren Bodenverhältnisse sinkt der Druck schnell von 12 auf 10 Bar ab. Mehr als 12,5 Bar sollte die Maschine allerdings nicht haben, der Überdruck entlädt sich über ein Ventil.

Während eines der 19 Tonnen schweren Lokomobile arbeitet, hat der Maschinist des anderen nicht unbedingt Pause. Damit die nötige Energie vorhanden bleibt, heizt er kräftig nach und lässt den Wassertank befüllen. Diesen Part hat die Feuerwehr mit ihrem Tanklöschfahrzeug übernommen. Dann beginnt das Zusammenspiel der einzelnen Apparate von Neuem.

Ordentlich Dampf machen mussten die Mitglieder nicht nur ihrem Lokomobil, sondern auch bei ihren Restaurierungsarbeiten. "Zum Schluss hat's pressiert", erzählt Richard Planitz. Zwar erstrahlte die altehrwürdige Maschine, die mehr oder weniger als zusammengebauter Schrotthaufen in der Werkstatt ankam, in neuem Glanz, doch irgendwo in ihrem Innern war ein Klopfen zu vernehmen. Schließlich war das Problem erkannt und dann behoben worden. Rechtzeitig zum Hägelesfest konnte der Dampffplug von Fowler, Leeds in England, Baujahr 1909, sowie der Vierschar-Kipppflug von Kemna, Baujahr 1919, zum ersten Mal gezeigt werden.

Gerade noch drei vollständig erhaltene Sätze gibt es in Deutschland, einer davon steht in der vereinseigenen Werkstatt auf dem Gelände der Max-Eyth-Schule. Wie es sich für einen Star gebührt, bekam der eiserne Gigant sowohl auf dem Hin-, als auch auf dem Rückweg eine Polizeieskorte. Das hat aber vor allem pragmatische Gründe: "Wir haben einen langsamen Gang und einen ganz langsamen Gang. In einer Grünphase schaffen wir es nie über die Kreuzung", erzählt der Lokomobilfahrer. Zwar ist das Gefährt für die Autofahrer ein fast stehendes Hindernis, die Bewunderung ist den Dampftechnik-Freunden jedoch gewiss.

Doch nicht nur die Eisenkolosse wurden gebührend bewundert. Auch die vielen Traktoren begeisterten die Besucher. Die unterschiedlichsten Modelle wurden von ihren Besitzern stolz und auf Hochglanz poliert in Reih und Glied präsentiert. Bei derart guter Pflege erledigen die alten Schlepper weiterhin treu ihre Arbeit. Davon zeugen auch die alten Kennzeichen, die nicht selten noch das grüne NT für Nürtingen ziert. Porsche Diesel, Hanomag, Deutz, Allgaier, Holder oder ein Eicher "Panther" von der Maschinenfabrik Rau Kirchheim sind auch weiterhin noch für den Einsatz auf dem Acker bereit.

Ihre Einsatzfähigkeit auf dem Acker eindrucksvoll unter Beweis gestellt hat auch Kirchheims Oberbürgermeisterin Angelika Matt-Heidecker. Geradezu unermüdlich führte sie geschickt den Pflug hinter einem alten Traktor, an dessen Steuer Ötlingens Pfarrer Keller saß. Als das Stadtoberhaupt dezent den Wunsch äußerte, dass es langsam Zeit für ein Bier wäre, ließ sich ein Zuschauer nicht lumpen, gab ihr seines zum Stärken und übernahm auch prompt das Pflügen. "Ich habe zum ersten Mal einen Pflug aus der Nähe gesehen. Die Arbeit war beeindruckend für mich. Es hatte geradezu etwas Erhabenes das Gefühl der Erde den Boden zu bestellen, aus dem später Nahrung wächst", sagte sie nach ihrem Arbeitseinsatz. Dass sie auch in die Nähe eines Dampfmobils gekommen ist, davon zeugten zahlreiche Ölspritzer auf der Bluse. Im Gegensatz zu einem Motor, ist die Dampftechnik ein offenes System, bei dem die Kraft der Mechanik hautnah mitzuerleben ist.

Veranstalter der zuschauerträchtigen Veranstaltung, bei dem auch ein Kamerateam des SWR vor Ort war, sind die Schlepperfreunde Ötlingen-Lindorf, gemeinsam mit der Evangelischen Johanneskirchengemeinde Ötlingen. Den Bezug zur Scholle bekam Pfarrer Keller, als er drei Jahre lang in der Landwirtschaft mit schwererziehbaren Kindern als Sozialpädagoge arbeitete. "Die bodenständige Arbeit hat eine heilende Wirkung", so seine Erfahrung.

Die Schlepperfreunde Ötlingen-Lindorf haben sich 1999 zusammengefunden. Ihnen liegt die Erhaltung und Restaurierung von Traktoren, Erntemaschinen und anderen alten Geräten aus der Landwirtschaft am Herzen. Die Besucher konnten deshalb auch eine historische, mobile Holzsäge in Aktion sehen und gemeinsam mit den Arbeitern an der Dreschmaschine "Staub schlucken". Letzteres machte einst das Dreschen in den Scheunen zu einer gefürchteten und recht unbeliebten Tätigkeit in der kalten Jahreszeit. Vorführungen eines Schmieds, Seilers und Korbflechters rundeten das Angebot ab.Fotos: Jean-Luc Jacques