Lokales

„2009 geht es ums bloße Überleben“

Der Verband Südwestmetall hofft darauf, langfristig gestärkt aus der Krise hervorzugehen

„2009 ist gelaufen, da geht es nur noch ums Überleben“, lautet die schlechte Nachricht bei der Südwestmetall-Bezirksgruppe Neckar-Fils. Doch Geschäftsführer Joachim Kienzle hat auch eine positive Botschaft: „Unser Ziel ist, aus der Krise gestärkt hervorzugehen.“ 2011 könne die Region als „qualifizierteste und beste Volkswirtschaft der Welt“ dastehen, so seine Vision.

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irene strifler

Esslingen. Einstweilen jedoch haben die Betriebe der Metall- und Elektroindustrie in der Region bis auf ganz wenige Ausnahmen keinerlei Grund zu jubeln. „Wir wollen keine Katas­trophenstimmung verbreiten“, mahnte Rolf Hermle zwar bei der gestrigen Pressekonferenz zur Sachlichkeit. Doch der geschäftsführende Gesellschafter bei Balluff und stellvertretende Südwestmetall-Vorsitzende hatte ernüchternde Zahlen im Gepäck. Die aktuelle Umfrage zur wirtschaftlichen Situation der Mitgliedsunternehmen von Südwestmetall im Ländle wurde auf die Bezirksgruppe Neckar-Fils heruntergebrochen. Von den 123 von der Bezirksgruppe betreuten Betriebe haben sich 46 Prozent an der Umfrage beteiligt. Das Ergebnis zeigt klar, dass die weltweite Wirtschaftskrise die Metall- und Elektroindustrie in den Kreisen Esslingen und Göppin­gen mit voller Wucht erfasst hat.

Die wichtigsten Zahlen der Befragung sprechen eine deutliche Sprache: Fast drei Viertel der Betriebe in den Kreisen Esslingen und Göppingen melden eine drastische Verschlechterung der Auftragsentwicklung in den vergangenen drei Monaten. Zwei Drittel verzeichnen Stornierungen von Aufträgen in erheblich umfangreicherem Maße als sonst. Mehr als drei Viertel erwarten einen deutlichen bis leichten Rückgang des Umsatzes in 2009. Fast 70 Prozent rechnen mit weniger Arbeitskräften.

Im Gegensatz zu früheren Krisen sieht Rolf Hermle deutliche Unterschiede. Zum einen handle es sich um ein weltweites Problem. Alle Märkte sind betroffen, auch der Osten oder China böten keinen Puffer. Zum anderen seien die Unternehmen absolut entschlossen, alle Möglichkeiten einzusetzen, um den Abbau von Stammpersonal zu vermeiden. Hier wird intensiv auf das Hilfsmittel der Kurzarbeit gesetzt.

Der Verband Südwestmetall rechnet im Laufe des Jahres mit einer drastischen Erhöhung der Kurzarbeit. Im Gegensatz zu früher, als Kurzarbeit als Makel empfunden wurde, sehen die Unternehmenschefs darin nun eine echte Chance, ihre Häuser durch die Krise zu führen. Auch die Maschinenfabrik Heller in Nürtingen beispielsweise wird ab März zu dieser Maßnahme greifen, wie Personalleiter Manfred Fröhner bestätigte. Zur Entlassung von Stammpersonal

Kein Makel, sondern Chance: Kurzarbeit

werde es nicht zuletzt deshalb nicht kommen. Auch bei Heller ist der Auftragseingang in jüngster Zeit um 20 Prozent zurückgegangen.

„Wir fahren auf Sicht“, bestätigte Gerd Plettendorf, Geschäftsführer der Allgaier Werke in Uhingen, dass sich die konjunkturelle Situation rasant geändert hat. Im Hinblick auf schnelles Reagieren stellen die Unternehmensbosse der Politik überraschend gute Noten aus: „Die haben in Berlin ihre Hausaufgaben gemacht“. Das Konjunkturpaket wird ebenso gelobt wie die Verlängerung des Kurzarbeitergeldes auf 18 Monate. Als echter Standortnachteil für die Firmen der Region habe sich jedoch in jüngster Vergangenheit die Regelung entpuppt, dass dem Arbeitnehmer hierzulande 80 Prozent des ­Netto-Einkommens garantiert sind. Dadurch werde der Kurzarbeit-Spielraum stark eingeschränkt, so die Meinung der Unternehmensvertreter.

Beim Verband Südwestmetall setzt man nun auf Gespräche mit der IG-Metall, die eine Neuregelung möglich machen sollen. „Oberstes Ziel ist, Entlassungen zu vermeiden“, rechtfertigt Kienzle das Ansinnen. Ferner sollen Pläne entwickelt werden, die Kurzarbeit für Qualifizierungen zu nutzen, um sozusagen aus der Not eine Tugend zu machen und sich für bessere Zeiten mit entsprechendem Know-how zu wappnen. „Die Firmen denken in Generationen, nicht in Quartalen“, so das Credo der Geschäftsführer, die die Unternehmen teils in der fünften Generation leiten.

Laut der vorliegenden Umfrage reagieren fast 90 Prozent der Betriebe auf die Krise mit personalpolitischen Maßnahmen. Neben der bereits genannten Kurzarbeit werden vor allem Zeitguthaben abgebaut, Überstunden zurückgefahren, aber auch Zeitarbeit reduziert oder befristete Verträge nicht verlängert.

Was die Betriebe auch zu spüren bekommen, sind die Auswirkungen der Bankenkrise. Fast ein Drittel gaben in der Umfrage an, dass es heute schwieriger als noch im vergangenen Jahr sei, einen Kredit zu bekommen. Dadurch werde die Umsetzung von Investitionsvorhaben erschwert. Im Hinblick auf die Zukunft forderte Hermle ein Verhalten der Banken, das die Unternehmen mit echter Perspektive nicht noch unnötig in Schwierigkeiten stürze. Martin Peters, Geschäftsführender Gesellschafter bei Eberspächer, betonte die Zielsetzung, den Regionalbanken die Stange zu halten. Die Liquidität über das Jahr 2009 hinweg zu steuern, um die Krise zu überstehen, bezeichnete er als vordringliche Aufgabe. Über diesen Zeitraum hinaus zeigte auch er sich optimistisch: „Die allermeisten Betriebe in unserer Region sind langfristig gut aufgestellt“. Auch die derzeit viel praktizierte Schelte für die deutsche Automobilindustrie halte er für absolut unangemessen und verwies auf die Vorreiterrolle in vielen Technologien: „Wir haben nichts verschlafen in Deutschland, sondern stehen an der Spitze.“

Dass trotz aller Investitionen und Innovationen nicht alle Unternehmen die Krise überstehen werden, ist für die Südwestmetall-Vertreter klar. Hinter vorgehaltener Hand werden Namen von Firmen genannt, in denen Kurzarbeit als Steuerungsinstrument nicht ausreicht, sondern Entlassungen anstehen.