Lokales

25 Jahre Engagement für die Patientenrechte

Für eine ärztliche oder therapeutische Behandlung weite Strecken zurückzulegen, das würde ein Patient heute wohl nur in Ausnahmefällen akzeptieren. Für die Patienten mit psychischen oder neurologischen Erkrankungen aber war das lange Zeit Alltag.

NÜRTINGEN Früh erkannte der Landkreis das Problem und stellte Anfang der 70er-Jahre die Weichen für eine gemeindenahe Versorgung seelisch Kranker. Die Eröffnung der Psychiatrischen Abteilung des Kreiskrankenhauses Nürtingen vor 25 Jahren hatte Modellcharakter. Seither hat der Kreis in enger Zusammenarbeit mit Ärzten und Personal das Betreuungskonzept zielstrebig weiterentwickelt. Pünktlich zum Jubiläum der Abteilung kam im September die Gerontopsychiatrische Tagesklinik auf dem Areal an der Stuttgarter Straße hinzu. Zwei Ereignisse, die am Freitag gefeiert wurden.

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Ein Stück Pionierarbeit leistete der Landkreis Esslingen mit der Eröffnung der Psychiatrischen Abteilung 1979 in Nürtingen. "Unser Kreis war unter den ersten, wenn nicht gar der erste, der auf dem Feld der gemeindenahen Versorgung psychisch Kranker überhaupt etwas bewegt hat", erinnert Landrat Heinz Eininger in seiner Rede zum Festakt. Mit drei psychiatrischen und einer neurologischen Station fing die Abteilung damals ihre Arbeit an. Nahezu von der ersten Stunde an setzte sich die Abteilung für die Rechte der psychisch Kranken ein. So habe von Anfang an die Maxime gegolten, dass insbesondere schwer und chronisch Kranke eine wohnortnahe Behandlung bedürfen: "Eine Zweiklassen-Psychiatrie wurde so frühzeitig verhindert", so der Kreischef.

Tradition hat auch die enge Zusammenarbeit zwischen Kreisverwaltung und Chefarzt. Lange vor der Planung des Landes entstand daraus unter anderem der Sozialpsychiatrische Dienst für die Versorgung chronisch seelisch Kranker ebenso wie das Modellprojekt "SOFA", dem Sozialpsychiatrischen Dienst für alte Menschen. Ein wesentlicher Schritt zu einer psychiatrischen Vollversorgung innerhalb der Kreisgrenzen wurde zuletzt mit der Eröffnung der Psychiatrischen Abteilung in Plochingen im Frühjahr 2002 getan. Tageskliniken auf den Fildern und in Plochingen sowie ein Angebot für die kinder- und jugendpsychiatrische Versorgung der Kreise Esslingen und Göppingen sind zudem in der Vorbereitung.

Einem zunehmend Bedeutung erlangenden Thema in der Psychiatrie, die Betreuung geistig verwirrter alter Menschen hat sich der Landkreis mit der Einrichtung der neuen Gerontopsychiatrischen Tagesklinik bereits frühzeitig gestellt. Mit dem neuen Angebot schließe sich nun eine Lücke im Angebot, erklärte Hartwig von Kutschenbach vom Sozialpsychiatrischen Dienst für alte Menschen. Sie bietet diagnostische Abklärung und Versorgung, rehabilitierende Trainingsmaßnahmen ohne die Patienten aus der gewohnten Umgebung zu reißen und so in ihrem Wohlbefinden zu stören. Im kommenden Jahr soll dazu noch eine Memory Klinik hinzukommen.

Wie hier ging die Nürtinger Abteilung stets an der Spitze der Entwicklung mit. Früh wagte sie den Schritt nach außen. Mit dem Sozialpsychiatrischen Förderkreis Nürtingen entwickelte man zahlreiche Angebote für Wohnen, Arbeiten und Begegnung. So ist die Firma ArBeg in Wernau mit 150 Arbeitsplätzen die größte Einrichtung dieser Art in Deutschland. Schrittmacher war und ist der Kreis Esslingen in Zusammenarbeit mit den Ärzten aber auch im Kampf um die bürgerlichen Grundrechte der psychisch Kranken, betont der Landrat.

Schon 1982 begann man in der Nürtinger Abteilung mit der Einrichtung einer offen geführten Suchtstation. "Allen Befürchtungen zum Trotz beflügelte die offene Tür inhaltliches Arbeiten, ohne dass die befürchteten Gefahren lascher Moral, Schmuggel von Rauschgift eingetreten wären", berichtet der Kreischef. Trotzdem habe es aber noch viele Jahre Diskussion und Werbens um Verständnis gebraucht, bevor sich 1996 die Türen der zuvor geschlossen geführten Stationen endlich öffnen durften. Ein Ziel, das nun im Zuge der Sparzwänge und Wirtschaftlichkeitsdiskussionen auch für Krankenhäuser wieder in Gefahr zu geraten droht, wie Chefarzt Dr. Andreas Schlingensiepen es in seinem Grußwort anmerkte: Denn mehr Dokumentation und Bürokratie, weniger Geld für Personal unter dem Strich führe das zu weniger Zeit für den Patienten, zu mehr Zwangsspritzen und Fixierung. In der hochtechnisierten aber auch teuren Medizin stellt sich für ihn die Frage: Wie sieht die Behandlung aus, die alle bezahlen können? Er forderte von der Politik eine klare und gerechte Diskussion.

Bei einem Tag der offenen Tür hatten die Bürger Gelegenheit, sich das neue Angebot der Gerontopsychiatrischen Klinik als auch der Psychiatrischen Abteilung, Therapieformen und Kooperationen, Hilfsangebote und Arbeitskreise näher kennen zu lernen.

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