Lokales

30 Jahre rollende Kinderintensivstation

Heute kaum mehr vorstellbar: Deutschland hatte bis Mitte der 1970er-Jahre die höchste Säuglingssterblichkeit aller Industrienationen. Medizinischer Fortschritt und der Einsatz von Babynotarztwagen sicherten später Tausenden kleiner Patienten das Überleben. Das bundesweit erste Spezialfahrzeug dieser Art wurde 1977 an den Städtischen Kliniken Esslingen in Dienst gestellt.

ELISABETH SCHAAL

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ESSLINGEN Grund für die hohe Säuglingssterblichkeit war, dass Frauenkliniken, in denen die Kleinen das Licht der Welt erblickten, und Kinderkrankenhäuser, in denen Frühchen und schwer erkrankte Babys behandelt wurden, in der Regel weit auseinander lagen. Der Transport der Kleinen von der Entbindungsstation zur Kinderklinik war der Schwachpunkt: Häufig kam es zu Spätschäden und Todesfällen. So war es die Björn-Steiger-Stiftung, die viel Geld in das Babynotarztsystem steckte. In Esslingen engagierte sich zudem das DRK, und so konnte 1977 dank vieler Spenden eine rollende Kinderintensivstation in Dienst gestellt werden. Betrieben wird der Babynotarztwagen gemeinsam von der Kinderklinik und der DRK Rettungsdienst Esslingen-Nürtingen gGmbH.

In das Spezialfahrzeug auf der Basis des VW T2 Kombi flossen Erfahrungen eines Stuttgarter Modellprojektes ein. Das habe allerdings "eher einem Feldversuch geglichen", so der Geschäftsführer des DRK-Kreisverbands Esslingen, Jörn Fries, gestern bei einem Pressegespräch in der DRK-Rettungswache am Klinikum Esslingen. "Neugeborene wurden in einem Inkubator, einer Art transportablem Brutkasten, und einem normalen Krankenwagen transportiert. Im Gegensatz zur heute pneumatisch gefederten Patientenlagerung spürte man jede Erschütterung."

Im Esslinger Baby-NAW 1977 auf der Internationalen Automobilausstellung (IAA) in Frankfurt präsentiert wurden und werden die Säuglinge quer zur Fahrtrichtung transportiert. Bei der Beschleunigung des Fahrzeugs und bei starken Bremsvorgängen soll das Gehirn der kleinen Patienten nicht beeinträchtigt werden. Das Spezialfahrzeug ist heute mit modernsten Geräten wie Sauerstoff- und Druckluftanlage und elektronischer Überwachung ausgestattet, die Körpertemperatur der Kinder wird konstant gehalten.

In drei Jahrzehnten sind mehr als 5000 kleine Patienten transportiert worden. Bei 90 Prozent der Einsätze handelte es sich um Fahrten zur Esslinger Kinderklinik, die gemeinsam mit der Klinik für Frauenheilkunde und Geburtshilfe als Perinataler Schwerpunkt auch für die medizinische Versorgung von Neu- und Frühgeborenen zuständig ist.

"Das Spezialfahrzeug, das rund um die Uhr über die Rettungsleitstelle Esslingen alarmiert werden kann, wird von den Geburtskliniken im Landkreis angefordert und die Kleinen werden dann nach Esslingen verlegt", schilderte Jürgen Vollmer, Rettungsdienstleiter der DRK Rettungsdienst gGmbH. Die übrigen Fahrten dienten der Verlegung kleiner Patienten, selten werde man zu Hausgeburten gerufen. Vollmer war seinerzeit übrigens einer der ersten Sanitäter des Baby-NAW. Dieser rückt von seinem Standort am Klinikum mit zwei DRK-Rettungsdienstmitarbeitern aus und holt zunächst an der Kinderklinik einen Kinderarzt und eine intensivpädiatrische Kinderkrankenschwester zum Einsatz ab, ebenso den Inkubator, der in der Kinderklinik gewartet wird.

Die Zahl der Einsätze ist innerhalb von 30 Jahren drastisch zurückgegangen. "In den Anfangsjahren lag die Zahl noch um die 300 jährlich", weiß Klaus Niethammer, Leitender Oberarzt der Kinderklinik, die gestern Mittag ebenfalls ihr 30-jähriges Bestehen feierte. Damals seien werdende Mütter "zur Geburt eben ins naheliegende Krankenhaus gekommen". Mit rund 70 Einsätzen pro Jahr liege man heute im bundesweiten Durchschnitt, sagte Vollmer, und betonte: "Jeder Rettungseinsatz ist ein Schicksal." Bundesweit seien rund 30 Babynotarztwagen im Einsatz. Davon allein vier in der Großregion Stuttgart: in der Landeshauptstadt selbst, in Sindelfingen, Reutlingen und Esslingen.

Niethammer, der ausdrücklich von einer hervorragenden Zusammenarbeit zwischen den Kreiskliniken und der Esslinger Kinderklinik sprach, hatte weitere Vergleichszahlen mitgebracht: Während es 1991 noch acht Einsätze nach einem Not-Kaiserschnitt gab, waren es 2006 nur noch zwei. Auch bei Atemstörungen (von 32 auf 21), bei Unterzucker (von 18 auf 0), bei Fehlwuchs (von 27 auf 4) und der Wiederbelebung (17 auf 5) sank die Zahl der Einsätze. Gerade bei der Wiederbelebung gehe es um Minuten. Niethammer: "Da muss der Neonatologe so schnell wie möglich vor Ort sein." Dieser ist Spezialist, was Erkrankungen von Neugeborenen und die Behandlung von Frühgeborenen betrifft.

Nun hat der 1997 als Fahrzeug der dritten Generation in Dienst gestellte Baby-NAW rund 60 000 Kilometer auf dem Buckel. Grund genug, auf ein neues Fahrzeug hinzuarbeiten: "Wir wollen das jetzige Fahrzeug innerhalb der nächsten beiden Jahre durch einen modernen Nachfolger ersetzen", sagte Rafael Dölker, der Geschäftsführer der DRK Rettungsdienst gGmbH. Allerdings gebe es keine Finanzierung seitens der gesetzlichen Krankenkassen: "Wir müssen dieses Vorhaben rein aus Spendengeldern stemmen."