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355 Stellen sind in Nürtingen vorerst gesichert

Die Metall-Arbeitnehmer in Nürtingen wehren sich gegen Stellenabbau und tarifliche Einschnitte in ihren Betrieben. Bei einer Kundgebung auf dem Schillerplatz vor vier Wochen hatten dies rund 3500 Teilnehmer lautstark kundgetan.

HENRIK SAUER

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NÜRTINGEN Jetzt zog Sieghard Bender, Erster Bevollmächtigte der IG Metall im Landkreis Esslingen, ein Fazit, was sich seither in den Unternehmen getan hat. Das fällt aus Sicht der Gewerkschaft positiv aus: Von 400 Arbeitsplätzen, die bei den Firmen Heller, Metabo und Hilite Hydraulik Ring zur Disposition gestanden hätten, seien 355 vorerst gesichert.

So hätten die Metabowerke die angekündigte Streichung von 120 Stellen zurückgenommen, berichtet Bender. Bei Hilite Hydraulik Ring sei die Geschäftsleitung mittlerweile doch bereit, über den Erhalt der Produktion mit rund 130 Arbeitsplätzen in Nürtingen zu verhandeln.

Ein Verhandlungsergebnis gibt es inzwischen bei der Maschinenfabrik Heller. Die schlechte Nachricht: 45 Arbeitsplätze fallen dort in diesem Jahr weg. Für die verbleibenden rund 1550 Mitarbeiter wurde jedoch eine Beschäftigungssicherung bis 2010 vereinbart. Nicht zuletzt deshalb sind der Betriebsrat und die Gewerkschaft mit dem Ergebnis nicht unzufrieden. Ursprunglich war bei dem Unternehmen die Streichung von 150 Arbeitsplätzen in der Diskussion. Die 45 betroffenen Mitarbeiter sollen in eine Beschäftigungsgesellschaft übernommen werden.

Neben der Beschäftigungsgarantie habe sich das Unternehmen verpflichtet, die Zahl der Auszubildenden in den nächsten fünf Jahren stufenweise von 25 auf 36 Neueinstellungen zu erhöhen. "Das lag uns sehr am Herzen", so Bender. Heller sei damit größter Ausbildungsbetrieb in der Region. Darüber hinaus wurde noch eine Besonderheit vereinbart: 30 jüngere Mitarbeiter erhalten von dem Unternehmen ein Stipendium für Weiterbildung. Das Arbeitsverhältnis ruht solange. In den Ferien arbeiten sie bei dem Unternehmen. Nach Ablauf der zwei- bis vierjährigen Ausbildung sollen sie ein Arbeitsplatzangebot bekommen. "Das ist das erste Mal, dass wir so etwas tariflich vereinbart haben", gilt Benders Lob auch der Geschäftsleitung. Für ihn ist dies ein Modell, das durchaus auch für andere Betriebe in Betracht komme: Die Absolventen werden für einen gewissen Zeitraum aus dem Arbeitsprozess he-rausgenommen, doch die Bindung zum Betrieb bleibt erhalten.

Einen Wermutstropfen mussten die Beschäftigten freilich schlucken: Übertarifliche Sonderleistungen wie Schichtzulagen und Sonderurlaub für ältere Arbeitnehmer werden sukzessive in den nächsten fünf Jahren auf null zurückgefahren. Das Ergebnis wird kontrovers diskutiert, aber der Großteil der Belegschaft ist zufrieden, vor allem, weil nun bis 2010 Ruhe ist.

Beim Elektrowerkzeugehersteller Metabo sind die Verhandlungen zwischen Geschäftsleitung, Betriebsrat und Gewerkschaft noch im Gange. Die geplante Streichung von 120 Stellen, die das Unternehmen im September angekündigt hatte, ist aber offenbar vorerst vom Tisch. Bender ist optimistisch, dass die Kündigungen ganz vom Tisch zu kriegen sind. Der Ansatz der Gewerkschaft sei, über Verkürzung der Arbeitszeit, zum Beispiel über ein Vierschichtmodell mit vier Mal sechs Stunden anstatt drei Mal acht Stunden Arbeitszeit die Beschäftigung zu sichern. Man unterstütze die Strategie des neuen Vorstands, Metabo zu einer Premium-Marke Made in Germany aufzubauen, anstatt das Unternehmen zu verkaufen.

Auch beim Automobilzulieferer Hilite Hydraulik Ring gibt es Hoffnung, dass die Produktion mit etwa 130 Mitarbeitern nun doch in Nürtingen verbleibt und nicht wie angekündigt an den Hilite-Stammsitz im bayrischen Marktheidenfeld verlagert wird. Die Gründe für das Einlenken der Geschäftsleitung sieht stellvertretender Betriebsratsvorsitzender Boris Henzler zum einem darin, dass der Betriebsrat dringend notwendige Mehrarbeit abgelehnt habe, zum anderen, dass sich die Belegschaft in den letzten Wochen stark in der Gewerkschaft organisiert habe. Der Organisationsgrad sei von 16 auf rund 60 Prozent gestiegen. Auch die Kundgebung in Nürtingen habe dazu beigetragen, die gezeigt habe: "Gemeinsam sind wir stark." Auch Sieghard Bender bezeichnet die Kundgebung als großen Erfolg: "Es war eine starke Solidarität spürbar, auch von den zahlreichen Teilnehmern aus anderen Betrieben."