Lokales

50 Jahre Kreuzkirche Ort der Begegnung und Integration

Am 11. November 1956 wurde im Raunergebiet die evangelische Kreuzkirche eingeweiht. Am kommenden Wochenende, genau 50 Jahre später, feiert die Kirchheimer Kreuzkirchengemeinde Jubiläum.

ROSEMARIE REICHELT

Anzeige

KIRCHHEIM Zum Auftakt der Jubiläumsfeierlichkeiten ist am Samstag, 11. November, zu einem Festabend um 17 Uhr mit viel Musik, Gästen aus der Geschichte der Kreuzkirche und gemütlichem Beisammensein eingeladen. Der Festgottesdienst am Sonntag, 12. November, mit Chören und der Predigt des Landesbischofs Otfried July beginnt um 10 Uhr. Danach bietet ein Stehempfang die Möglichkeit zur gemeinsamen Begegnung.

Unter den sieben evangelischen Kirchengemeinden Kirchheims ist die Kreuzkirchengemeinde mit circa 2 350 Gemeindegliedern eine der mitgliederstärksten. Ihr gehören die evangelischen Christen sowohl in den Gebieten "Rauner", "Bohnau" und "Geflügelhof" als auch im Wohngebiet "Schafhof" an. Das Gemeindeleben findet in der Kreuzkirche mit ihren 1995 neugestalteten Nebenräumen in der Limburgstraße 65 sowie im Gemeindehaus auf dem Schafhof statt. Schon allein von dieser Struktur her kann und will die Kreuzkirchengemeinde keine in sich geschlossene, sondern eine für vielfältige Impulse offene Gemeinde sein.

Eine für Vielfalt, Neues und Fremdes offene Denkweise war der Gemeinde von vornherein in die Wiege gelegt. Sie ist in Zusammenhang mit dem veränderten Nachkriegs-Kirchheim entstanden. Die im Krieg nahezu unzerstörte Stadt hatte sich in den ersten Nachkriegsjahren um rund 7 000 Einwohner vergrößert Evakuierte, Flüchtlinge und Heimatvertriebene. Viele dieser Neubürger fanden Anfang der 50er-Jahre in den Neubaugebieten im Rauner und am Jauchern- und Gießnaubach eine neue Heimat. Noch heute ist von vielen Seniorinnen und Senioren der Gemeinde Interessantes über Flucht, Vertreibung und Neuanfang hier in Kirchheim zu erfahren.

Für die damals circa 1 500 evangelischen Christen dieser im Osten der Stadt entstandenen Wohngebiete, in die auch Einheimische zogen, wurde 1954 an der Vorstadtkirche (Christuskirche) eine zweite Pfarrstelle eingerichtet. Gleichzeitig beschloss der Kirchengemeinderat, eine Kirche mit Gemeinderäumen zu bauen. Planung und Ausführung übernahmen zunächst Architekt Heinrich Langbein aus Dettingen, nach dessen Tod seine Frau, Diplom-Ingenieurin Ingeborg Langbein, ihr Mitarbeiter Architekt Walter Weismann und Architekt Hans Krell aus Stuttgart. Der Kostenvoranschlag lag bei 354 000 Mark.

Zwei Jahre später wurde die Kreuzkirche in einem Festgottesdienst mit Prälat Dr. Erich Eichele eingeweiht. 1959 wurden aus der evangelischen Kirchengemeinde Kirchheim mit vier Seelsorgebezirken und einem Kirchengemeinderat drei selbstständige Teilkirchengemeinden (Martinskirche, Christuskirche und Kreuzkirche) unter einer Gesamtkirchengemeinde. Fünf gewählte Ehrenamtliche bildeten mit Pfarrer und Kirchenpfleger den ersten Kirchengemeinderat der Kreuzkirche. 1961 und 1963 wurden jeweils zwei weitere ehrenamtliche Mitglieder zugewählt, sodass dem Gremium seither neun Ehrenamtliche angehören. 1964 bezog die damalige Pfarrfamilie Dierlamm das neuerbaute Pfarrhaus "Beim Siechenkirchle 2".

Auf die Kreuzkirchengemeinde wartete, wie Altbischof Eichele es bei seinem Grußwort zum 25. Bestehen 1981 ausdrückte, von vornherein schon die Aufgabe, den "hier aufeinander zugeführten und sich bisher noch unbekannt gewesenen Menschen zu guter Lebensgemeinschaft untereinander zu verhelfen". Dieser Aufgabe stellten und stellen sich bis heute Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sowie Gemeindeleitung unter Pfarrer Werner Dierlamm (1954 bis 1966), Pfarrer Hans Hermann (1966 bis1987), Pfarrer Martin Streicher (1988 bis 1995) und Pfarrer Bernd Küster (seit 1995).

Zur Seite standen den Pfarrern zunächst eine Reihe von Ausbildungsvikaren, seit 1983 jeweils eine Pfarrvikarin, von 1999 bis 2006 Pfarrer Horst Gamerdinger er allerdings nur noch mit einem Dienstauftrag von 50 Prozent. Im Zuge der landesweiten Pfarrstellenkürzung aus finanziellen und demografischen Gründen wird nach dem Weggang von Pfarrer Gamerdinger die Stelle nicht mehr besetzt.

Von Anfang an bemühten sich die Pfarrer um eine aktuelle Verkündigung. So wurden beispielsweise bereits 1961/62 "offene Gesprächsabende" und Vorträge zur Vereinbarkeit von Gemeindefrömmigkeit und wissenschaftlicher Theologie angeboten. 1967/68 fanden im Zug der Auf- und Umbruchstimmung in Gesellschaft und Kirche sowie der Suche nach neuen Wegen im Gemeindeleben der erste Familiengottesdienst mit gemeinsamem Mittagessen, ein "Biblisches Seminar", Tischabendmahlfeier, Jugendgottesdienste sowie Tanz-, Film- und Diskussionsabende für Jugendliche statt Selbstverständlichkeiten heute, damals bahnbrechend.

Immer schon integrierend wirkte die Kirchenmusik. Der Kirchenchor, viele Jahre unter der Leitung von Ruth Lotze, dann von Laurent Jouvet, sowie seit 1999 das Vocal-Ensemble unter Leitung von Shu-Lin Chen-Habermann sprach und spricht durch Beiträge im Gottesdienst, vor allem aber auch durch anspruchsvolle Konzerte musikalisch Interessierte über die Gemeindegrenze hinaus an. Dasselbe gilt für den Posaunenchor. Er wurde 1962 gegründet und besteht seit 1966 in Gemeinschaft mit der Thomaskirche. Den Grundstein für den Nachwuchs im Vocal-Ensemble legt seit 2002 der KiKiKo (Kinderkirchenchor) für 5- bis 12-Jährige der Gesamtkirchengemeinde in Kirchheim.

Als in den 60er-Jahren die Gemeindegliederzahl durch die Neubausiedlung im Dettinger Weg erheblich zugenommen hatte, wurde 1966 die Thomasgemeinde gegründet. Bereits 1965 war für die Katholiken im Rauner und im Dettinger Weg die Kirche Maria Königin eingeweiht worden. Seitdem steht die Kreuzkirche in engem Kontakt mit diesen beiden Nachbargemeinden. Unter der Planung des aus diesen drei Gemeinden bestehenden "Arbeitskreises Südstadt" finden ökumenische Gottesdienste, Treffen der Kirchengemeinderäte und verschiedene Angebote für Senioren statt.

Eine völlig neue Herausforderung für die Kreuzkirchengemeinde brachte das Jahr 1977, als ihr das Neubaugebiet auf dem Schafhof angegliedert wurde. Vor allem der damalige Pfarrer Hans Hermann setzte sich mit großem Engagement für die Belange dieses neuen Wohngebiets ein. Zusammen mit den "Pionieren" des Wohngebiets, dem "Arbeitskreis Schafhof", wurden jährliche Sommerfeste mit ökumenischem Gottesdienst unter freiem Himmel veranstaltet. Schließlich entstand mit der damals aufflammenden Forderung nach einer stadtteilnahen Grundschuleinrichtung und unter dem aktiven Einsatz vieler Schafhofbewohner in konzertierter Aktion zwischen Kirche und Stadt das Gemeindehaus der Kirchengemeinde und die Grundschulzweigstelle auf dem Schafhof. In einem festlichen Einweihungsakt übergab im September 1987 Architekt Walter Hammer die Schlüssel.

Seit dieser Zeit ist es nicht immer leicht für die Gemeindeleitung, den Wünschen einer großen Gemeinde mit zwei verschiedenen, von der Infrastruktur her voneinander getrennten Wohngebieten und zwei Gemeindezentren gerecht zu werden. Jedoch bereichert gerade diese große Vielfalt das Gemeindeleben. Neben den Gottesdiensten am Sonntagmorgen in der Kreuzkirche findet einmal monatlich ein Familiengottesdienst auf dem Schafhof statt. Dieser wird seit 1999 von einem engagierten Team junger Frauen zusammen mit dem Pfarrer durchgeführt. Abendgottesdienst mit Herbstfest am Erntedanksonntag, Krippenspiel an Heilig Abend, Osternachtsfeier sowie ein ökumenischer Schulanfängergottesdienst gehören ebenfalls zu den festen Bestandteilen des gottesdienstlichen Lebens auf dem Schafhof.

Für alle Altersstufen, von den Senioren bis zu den Krabbelkindern, gibt es sowohl in den Räumen der Kreuzkirche als auch im Gemeindehaus Schafhof verschiedene Angebote. Neben den altbekannten Gruppen sei hier im Besonderen GOJEG (Offene Jugendarbeit der Evangelischen Gesamtkirchengemeinde) genannt. Diese "Offene Jugendarbeit" ist in Zusammenarbeit mit Brückenhaus, Stadt und Landkreis im Jahr 2000 entstanden, zunächst auf dem Schafhof und in Ötlingen. Sie soll jeweils dort angesiedelt sein, wo es aktuell gilt, Jugendlichen eine Anlaufstelle und einen Treff zu bieten sowie Konflikte zu bewältigen. So kommt GOJEG derzeit auch im Bereich der Kreuzkirche und statt auf dem Schafhof am Rambouillet-Platz zum Einsatz.

Von 2003 bis 2006 war eine befristete 50-Prozent-Projektstelle für die Jugendarbeit eingerichtet, finanziert aus Mitteln der Kirchengemeinde und Spenden. Neue Jugendliche wurden für die Mitarbeit gewonnen. Neben Jungscharen wurden Kinderbibelwochenenden, Kanufahrten, Klettertouren und einmal im Jahr, in Anlehnung an die Ötlinger Kirchengemeinde, eine Kinderferienwoche angeboten. Die Gemeindeleitung bemüht sich, Wege zu finden, dass diese Jugendarbeit weitergeführt werden kann. Dankbar ist sie, dass derzeit, unterstützt durch den Jugendreferenten des CVJM, Daniel Röger, konfirmierte Jugendliche bereit sind, die neue Konfirmandengruppe zu begleiten.

Zum Jubiläum erscheint eine Festschrift mit vielen Bildern zum Gemeindeleben einst und heute. Alle, die sich mit der Kreuzkirche verbunden fühlen oder einfach das Jubiläum mitfeiern wollen, sind am Wochenende herzlich eingeladen. Die Gemeinde schaut auf 50 Jahre Kreuzkirche zurück in der Hoffnung, dass sie auch in Zukunft "ein Brückenkopf Gottes" und "eine Stätte des unvergänglichen Evangeliums" bleibe, wie vor 50 Jahren der Teckbote titelte.