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60 Tage im Bett im Dienste der Raumfahrt

Absolute Bettruhe 60 Tage lang, und das, obwohl man kerngesund ist die Nürtingerin Elisabeth Giesen hat dieses Experiment auf sich genommen. Die Europäische Raumfahrtbehörde ESA will mit dieser Untersuchung unter anderem erforschen, wie sich Schwerelosigkeit und eingeschränkte Bewegung speziell auf den weiblichen Organismus auswirken.

UWE GOTTWALD

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Frauen sind in vielen Berufen im Kommen, so auch in der Raumfahrt. Bei der ESA stehen zwar immer noch einer Astronautin neun männliche Kollegen gegenüber, bei der NASA steckt dagegen schon in jedem fünften Raumanzug eine Frau. Während es entsprechende Studien mit Männern bereits gibt, herrscht bei den Frauen noch Nachholbedarf. Erforscht werden sollen Auswirkungen der Schwerelosigkeit und wie sich strapaziöse Flüge, zum Beispiel zum Mars, besser überstehen lassen, wenn Muskeln trainiert oder spezielle Nahrungsmittel verabreicht werden.

Zwölf Europäerinnen im Alter zwischen 25 und 40 Jahren wurden unter 1 727 Bewerberinnen ausgewählt und dafür reichte die Motivation, mit gut 15 000 Euro entschädigt zu werden, nicht aus. Fit musste man sein und in den Vorgesprächen davon überzeugen können, die 60 Tage durchstehen zu wollen.

Wie die anderen elf Frauen so führte auch Elisabeth Giesen nicht das Honorar als Grund für ihre Teilnahme an dem Programm an. "Ich habe mich generell für die Auswirkungen auf Muskulatur und Kreislauf interessiert, auch im Zusammenhang mit Osteoporose." Zwar ist sie nicht selbst von Knochenschwund betroffen, doch habe sie sich mit dieser Krankheit, die vor allem Frauen betrifft, bereits befasst. So erfuhr sie in Toulouse bei der Einweisung durch das Forscherteam denn auch, dass die insgesamt 184 Tests der breit angelegten Studie nicht nur für die Raumfahrt, sondern für die Medizin allgemein bedeutend sind.

Das Wissen, etwas zum medizinischen Fortschritt beizutragen und sich und die Abläufe in ihrem Organismus besser kennen zu lernen, ließ Elisabeth Giesen durchhalten. Die Probandinnen waren in drei Gruppen eingeteilt. Elisabeth Giesen gehörte zu der Gruppe, die eine spezielle Ernährung verordnet bekam. Für die zweite Gruppe gab es ein besonderes Bewegungsprogramm, das liegend absolviert wurde, eine Kontrollgruppe blieb zum Vergleich ohne Bewegungsprogramm bei normalem Speisezettel. Torte war für die Nürtingerin tabu, stattdessen gab es Proteinpulver und viel natürliches Eiweiß aus Fleisch und Milchprodukte wie Yoghurt und Quark.

Schon fast zu viel, wie sich die 30-Jährige erinnert: "Ich bin dann auf Käse umgestiegen." Doch auch dabei stand die Medizin im Vordergrund. Nicht der berühmte französische Käse, wie der Forschungsort vermuten ließe, wurde gereicht, sondern vielmehr Edamer und Gouda. Diese Sorten haben einen hohen Gehalt an Calcium, hat sie mit Blick auf die Stärkung des Knochengerüsts gelernt. Und das baut ab, wenn die Muskeln die Knochen zu wenig fordern, weil Bewegung und der volle Druck des Körpergewichts fehlen.

Die Ernährung scheint dem Herz-Kreislauf-System der 30-Jährigen gut getan zu haben, denn im Gegensatz zu denjenigen aus der Kontrollgruppe hat sie während der Bettruhe weniger an Herzmuskulatur eingebüßt. Etwas weiche Knie habe sie nach dem Aufstehen dennoch bekommen, auch wenn sie sich eigentlich gut gefühlt habe. Doch während des Tests und auch beim anschließenden 20-tägigen Rehabilitationsprogramm standen die Probandinnen ständig unter medizinischer Kontrolle.