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"A visita do pequeno lobo" oder "Besuch vom kleinen Wolf"

WEILHEIM Multikulti unter der Limburg: Besucher des Kindergartens Lerchenstraße werden derzeit von lustig an der Decke baumelnden

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ANKE KIRSAMMER

Wimpeln in schwarz-rot-gold empfangen. In den Fluren hängt ein bunter Mix von Flaggen verschiedener Nationen: Albanien, Italien, Türkei, Portugal, Griechenland, Brasilien . . . "nein" mit der Fußball-Weltmeisterschaft habe das nichts zu tun, betont Kindergartenleiterin Helga-Margarethe Kraft. "Die Fahnen symbolisieren vielmehr die Herkunftsländer unserer Kindergartenkinder." Bei 25 der insgesamt 86 Sprösslinge wird zu Hause nicht nur deutsch gesprochen. Doch mit ihrem Motto für laufende Projekte haben die Erzieherinnen mit dem WM-Slogan "Die Welt zu Gast bei Freunden" eindeutig Anleihe bei dem Großereignis gemacht. Auch das Sommerfest wird unter dieser Überschrift gestaltet.

An zwei interkulturellen Vorlesenachmittagen wurde diese Woche das besondere Augenmerk auf die Sprache gelegt und dabei auf den "Aha-Effekt" gesetzt. "Ich hab' nur meine Mama verstanden", ruft Alexander, als die drei Mütter das in acht Sprachen verfasste Bilderbuch zusammenklappen. Im Wechsel hatten Maria Santos, Aysegül Akseki und Birgit Eckhardt die Geschichte "Besuch vom kleinen Wolf" von Silvia Hüsler auf Portugiesisch, Türkisch beziehungsweise Deutsch vorgelesen. Was der Wolf in dem menschenleeren Kinderhaus alles erlebt, ließ sich in den fremdländischen Sprachen trotz Illustrationen auch für die Erwachsenen in der Runde nicht ohne Weiteres erschließen.

Mit den Vorlesenachmittagen wollte Carmen Fieberling, Mentorin für Sprachhilfe nach dem "Denkendorfer Modell" in der Arbeitsgemeinschaft Weilheim, zeigen, dass Dreikäsehochs mit geringen Deutschkenntnissen im Kindergarten vieles tagein tagaus "spanisch" vorkommen muss. Anliegen ist ihr neben der Sensibilisierung für Sprachprobleme von Menschen mit Migrationshintergrund auch, die eigene Sprache mehr wertzuschätzen, genauso aber die Schönheit von Melodie und Klang anderer Sprachen wahrzunehmen. Nicht zuletzt verfolgten Carmen Fieberling und Helga-Maragarethe Kraft mit dem Projekt das Ziel, Interesse für Bücher zu wecken. Auf die Frage "Wer von euch besitzt denn ein Buch?", recken fast alle 26 Kinder ihre Zeigefinger nach oben. Ritterbücher, Prinzessinnenbücher, Tierbücher führen die Hitliste der Steppkes an. Eifriges Nicken, als Helga-Margarethe Kraft sich an die Kinder wendet: "Habt ihr schon gemerkt, ein Buch ist ein Schatz, den man immer wieder hervorholen kann. Im Fernsehen dagegen schaut man sich's an und schwupp ist es weg."

Zur Anregung hatte Diana Rupprecht, Leiterin der Weilheimer Stadtbücherei, einen ganzen Fundus an Büchern mitgebracht, darunter auch zweisprachige. Kinderbuch-Klassiker wie der "Regenbogenfisch", "Der kleine Eisbär" und "Lauras Stern" lagen in deutsch-türkisch auf dem Tisch. "Deutsch-portugiesische Bücher zu finden ist dagegen eher schwierig", bedauerte die Bibliothekarin.

Von September an werden in den Weilheimer Kindergärten auch deutsche Kinder geschult, die ihre Muttersprache verzögert lernen. Ein neues Feld für Carmen Fieberling, die seit fünf Jahren an drei Vormittagen in der Woche in der Lerchenstraße in Kleingruppen Sprachhilfe betreibt. "Ich würde mir wünschen, dass sich Kinder unterschiedlicher Nationalitäten gegenseitig mehr einladen", lautete ihr abschließender Appell. "Zwar sind alle Sprachen und Kulturen gleich wichtig. Um hier zu leben, brauchen wir aber eine gemeinsame Sprache."

Für die Kinder scheint Multikulti insbesondere in Zeiten der völkerverbindenden Fußball-Weltmeisterschaft inzwischen ohnehin kein Problem mehr darzustellen: Der türkisch-stämmige Mete etwa trägt die deutsche Flagge als Tattoo auf der rechten Backe, die französische auf der linken. Und für wen schlägt das Herz? Der Vierjährige zögert keinen Augenblick: "Für Deutschland natürlich."