Lokales

Ab 2010 letzter Halt: Kirchheim Hbf

Drei Jahrzehnte Wechselbad der Gefühle: Kommt sie oder kommt sie nicht? Die S-Bahn nach Kirchheim kommt. Aktueller Termin für die erste Fahrt zum letzten Halt ist nun das Jahr 2010. Von den 15 Kommunen der Raumschaft Kirchheim haben bereits 13 der Finanzierungsvereinbarung zugestimmt. Kirchheim und Holzmaden stehen noch aus. "Reine Formsache", wie aus den Rathäusern zu hören war.

RICHARD UMSTADT

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KIRCHHEIM "Es ist die letzte Möglichkeit, einen Knopf an die Sache zu machen", prophezeite Kirchheims Oberbürgermeisterin Angelika Matt-Heidecker und meinte deshalb hoffnungsfroh, sie gehe davon aus, dass das Ratsgremium der Teckstadt am 20. Juli einhellig grünes Licht zum S-Bahn-Finanzierungsvertrag geben werde. Ein dickes Lob zollte sie den Bürgervertretern der umliegenden Gemeinden, die in echter Solidargemeinschaft die grüne S 1 nach Kirchheim rollen lassen wollen und bereit sind, ihren Obolus dafür zu entrichten.

So billigten Bissingen, Dettingen, Köngen, Lenningen, Neidlingen, Notzingen, Oberboihingen, Ohmden, Owen, Unterensingen, Weilheim, Wendlingen und Wernau bereits die Finanzierungsvereinbarung zwischen dem Verband Region Stuttgart, dem Landkreis sowie den Städten und Gemeinden der "Raumschaft Kirchheim". Die Teckstadt und Holzmaden ziehen in den Ratssitzungen am 20., beziehungsweise 25. Juli nach.

Ab Dezember 2009 sollen dann die roten S-Bahn-Triebwagen täglich von morgens 5 Uhr bis 1 Uhr nachts im Halbstundenrhythmus von Plochingen weiter nach Kirchheim rauschen, mit Zwischenstopps in Wernau, Wendlingen und Ötlingen. War vor rund 20 Jahren, als Professor Dr. Heimerl vom Verkehrswissenchaftlichen Institut der Uni Stuttgart die Trasse zwischen Wendlingen und Kirchheim untersuchte, kostengünstig nur ein Gleis im Gespräch, so werden die roten, geräuscharmen Züge nach dem Ausbau der Strecke zweigleisig rollen.

Freilich verteuert dies die Rechnung. Was der Kreis 1982 laut Dr. Heimerl noch für 47 Millionen Mark bekommen hätte, kostet nun die Vertragspartner einschließlich eines zusätzlichen Fahrzeugs rund 36,8 Millionen Euro. Daran beteiligt sich das Land mit einem Zuschuss von 18,6 Millionen Euro, der regionale Anteil beträgt 12,9 Millionen Euro, wovon die eine Hälfte der Verband Region Stuttgart beisteuert, die andere teilen sich der Landkreis und die 15 betroffenen Städte und Gemeinden nach einem bereits 1999 vereinbarten Schlüssel.

Der Vertrag über die Finanzierungsvereinbarung enthält überdies die Option, die Schienenstrecke Kirchheim-Weilheim zu reaktivieren. Dies heißt im Klartext: Wird die Trasse einst wiederbelebt, beteiligen sich der Landkreis Esslingen und die Gemeinden der Raumschaft an den Kosten. Dazu muss ein neuer Finanzierungsschlüssel gefunden werden.

Eine Modernisierung der Teckbahn wurde zurückgestellt, bis die finanziellen Voraussetzungen bei der Bahn AG, dem Land, der Region, dem Kreis und den betroffenen Kommunen vorliegen.

Die Bürgervertreter der betroffenen Städte und Gemeinden waren auch deshalb gerne bereit, das Signal für die S-Bahn nach Kirchheim auf Grün zu stellen, weil Land und Region zusicherten, das finanzielle Risiko bei Kostensteigerungen zu übernehmen.

Der Landkreis und die beteiligten Kommunen sehen viele Vorteile in der S-Bahn-Verlängerung nach Kirchheim: Die Trasse kann unabhängig von Stuttgart 21 verwirklicht werden, die Möglichkeit einer Umfahrung Wendlingens bleibt erhalten, der Raum Kirchheim wird durch die Anbindung an ein leistungsstarkes Verkehrssystem aufgewertet, Pendler, Schüler und Shopper können, ohne umsteigen zu müssen, ab Kirchheim ihre Arbeitsplätze, Schulen und Einkaufszentren erreichen, zum Beispiel in Esslingen, Esslingen-Zell, Untertürkheim, Cannstatt und Stuttgart.

Des Weiteren werden Standort- und Marketingvorteile, die Aufwertung des örtlichen Bauflächen- und Gewerbeflächenangebots sowie eine Ausweitung des Verkehrsangebots, insbesondere in Tagesrandlagen und am Wochenende sowie eine Reduzierung der Lärm- und Schadstoffbelastung durch die roten Elektrotriebwagen als Pluspunkte aufgezählt.

"Am 1. Oktober 1978 beginnt das "S-Bahn-Zeitalter", titelte vor 27 Jahren eine Kreiszeitung. Das galt für den Landkreis Esslingen und die S-Bahn nach Plochingen, jedoch nicht für eine Verlängerung nach Kirchheim. Damals nahm eine unendliche Geschichte ihren vertakteten Lauf. Kirchheimer Kreisräte und nicht nur sie dachten allerdings eher über den vertrakten Lauf der Dinge nach. Bereits 1992 bezeichnete der 65-jährige SPD-Kreisrat Dr. Rolf Röhm diesen verkehrstechnischen Dauerbrenner als "sozio-juristische Glosse" und meinte sarkastisch: "Ich hoffe, dies noch erleben zu dürfen."